Seit Kurzem bin ich Besitzer einer Hightech-Rolle und eines Abos der Trainingssoftware Zwift, die das Rennrad im Wohnzimmer mit einer virtuellen Strecke verbindet. Früher hatte ich einen Freund, der konnte stundenlang auf einer richtigen Rolle trainieren. Da lief das Hinterrad auf zwei Walzen, ohne Befestigung. Ein Kunststück, fast schon eine Zirkusnummer. Früher brauchte es Balance. Heute nicht mehr: Hinterrad raus, Rad in die Maschine – fertig. Und dann die Software. Vor sich Monitor oder Tablet, Bluetooth an – und schon fährt man durch die Phantasiewelt Watopia oder durch digital nachgebaute Versionen von New York, London oder Innsbruck, jubelnde Fans am Rande inklusive. Und man fährt nicht allein. Man fährt mit, oder besser: gegen Zwifties aus aller Welt. Wie viel Watt bringt der Typ auf die Straße? Bevor es losgeht, bastelt man sich seinen digitalen Avatar. Mann oder Frau. Körperbau schmal, mittel oder kräftig. Haare, Klamotten – und schon steht man am Start, gut frisiert und zu allem bereit. Wobei diese Ausrüstung nur ein Anfang ist. Wenn man später radelt, sammelt man Punkte, und hat man genügend davon, kann man sich im Shop ein schickeres Trikot freischalten oder ein paar neue Socken. Oder einen feschen Helm, aber so weit bin ich noch nicht. Zurück auf Start: Die erste Prüfung ist der FTP-Test. Functional Threshold Power. Ein Stufentest, der den persönlichen FTP-Wert ermittelt, ohne den sich heute offenbar kein Mensch mehr auf ein Rad setzt. Bei einem Auto würde man fragen: Wie viele PS bringt die Karre auf die Straße? Beim Rad fragt man: Wie viel Watt bringt der Typ auf die Straße? Der FTP-Wert ist die maximale Wattzahl, die man eine Stunde lang treten kann. Intervalle, Intervalle, Intervalle Im Test schätzt Zwift sie nach einem zwanzigminütigen Test. Ihn kann ich jedem empfehlen, der sich selbst mal als schweißüberströmtes, keuchendes Wrack erleben will. Überlebt man den Test, liefert Zwift fortan personalisierte Trainingspläne, vollgepackt mit Intervallen, Intervallen, Intervallen. Auf nach Watopia. Hunderte andere Avatare sind auf der Strecke. Manche noch in Wartestation. Rechts auf dem Monitor scrollen die Namen wie Flugzeuge vor dem Start in Heathrow. Auf der Strecke kommen die meisten von hinten angeschossen. Schießen an mir vorbei. Sie müssen gewaltige Wattzahlen treten. Die Währung hier ist dieselbe wie bei der Tour de France. Watt pro Kilogramm Körpergewicht. Das ist die Leistung, das ist die Kennzahl, die zählt. Ein bisschen Trickserei – was ist schon dabei? Das Gewicht gibt man vorher an – Zwift fragt alles ab, was nicht bei drei im Datenschutz sitzt. Je weniger Kilo man angibt, desto besser, desto schneller der Avatar. Da ist die Versuchung groß, dass man ein bisschen trickst, sich virtuell abspeckt. Ich muss zugeben, auch ich habe mich von 88 auf 86 Kilo runtergerechnet, fürchte aber, dass viele meiner Watopia-Gegner konsequenter sind. Der Typ heute Morgen, ein Kanadier, der durch meinen Avatar durchgefahren ist (das haben die Programmierer nicht anders hingekriegt), tritt 4,8 Watt pro Kilogramm, wie seine Anzeige im Monitor zeigt. Das wären bei 88 Kilo rund 420 Watt. Das fährt ein Profi wie Nils Politt bei der Flandern-Rundfahrt. Ich ahne: In der echten Welt hilft Rückenwind. In Zwift hilft: weniger Gewicht. Ich fürchte, manche Fahrer haben sich auf 35 Kilo herunteroptimiert. Der pfeilschnelle Kanadier würde für sein Tempo dann nicht 420, sondern 170 Watt treten müssen. Ich werde es demnächst auch mit 35 Kilo probieren. Nur mal kurz die Vorteile der virtuellen Trainingswelt genießen und für eine Stunde genau der sein, der ich auf der Straße gerne wäre: ein echter Profi, leicht, schnell, perfekt. Einmal fahren wie Politt. Oder wie Pogačar. Und vor allem: den Kanadier überholen.
