FAZ 29.12.2025
14:57 Uhr

Radprofi Jonas Rutsch: „Ich komme nun ins optimale Zeitfenster“


Jonas Rutsch hat ein Jahr zwischen Himmel und Hölle hinter sich. Nun folgt ein Teamwechsel. Bei seiner neuen Equipe könnte der Odenwälder in eine wichtigere Rolle schlüpfen.

Radprofi Jonas Rutsch: „Ich komme nun ins optimale Zeitfenster“

Einen besonderen Renntag lang war er dem Radsporthimmel so nah. An einigen anderen Renntagen hat er vom Sattel aus schier in die Hölle geblickt. Die Saison 2025 von Jonas Rutsch umfasste zwischen Februar und Oktober 67 Renneinsätze, und drei an den größten, wichtigsten Schauplätzen wird er vermutlich immer in Erinnerung behalten. Im April erlebte der Odenwälder den Höhepunkt seiner bisherigen Karriere: bei Paris–Roubaix, der sogenannten „Königin der Klassiker“, dem Rennen, das erklärtermaßen sein liebstes ist und für das er am meisten brennt. Nach über sechsstündiger Hatz über das gefürchtete Pavé Nordfrankreichs ließ er diverse Topstars der Branche hinter sich und erreichte Platz sechs. Ein Meilenstein auf den groben Pflastersteinen für ihn. Eine Bestätigung zur rechten Zeit, dass er bei den härtesten Eintagesprüfungen für Körper und Geist weit mehr als nur mithalten kann. Nur dass aus dem beglückenden Frühlingserwachen keine stabile Glückssträhne für den Sommer erwuchs. Bei seiner dritten Tour de France konnte Rutsch nicht zeigen, wofür er zuvor wochenlang in (Höhen-)Trainingslagern geschuftet hatte. Ein harter Sturz auf der achten Etappe malträtierte seinen Rücken, und Magen-Darm-Probleme vom 14. Teilstück bescherten ihm furchtbare Stunden auf dem Rad. Man kann kaum ermessen, was es bedeutet, in einem Gefühl von körperlicher Kraftlosigkeit zu versuchen, in der vom Peloton am schnellsten gefahrenen Rundfahrt des Jahres irgendwie dranzubleiben. Doch damit nicht genug. Rutsch wurde vom Bund Deutscher Radfahrer für die Weltmeisterschaften im September in Ruanda nominiert – an sich eine Ehre und Ausweis dafür, dass der Klassikerspezialist hierzulande zu den stärksten Profis gehört. Doch die ostafrikanische Expedition sollte sich als Horrortrip für ihn erweisen. Heftige Magenprobleme, wie sie auch viele andere europäische Profis ereilten, ruinierten alles. Vier Kilogramm und die Hoffnungen auf weitere gute Resultate zum Ende der Saison kostete es ihn. „Es waren 2025 tatsächlich einige der schlimmsten Tage dabei, die ich je auf dem Rad erlebt habe“, sagt Rutsch. Im Sommer kam erschwerend eine Ungewissheit hinzu mit Blick auf seine Arbeitsplatzsicherheit. Die Gerüchte verdichteten sich, dass Rutschs Rennstall Intermarché-Wanty mit der Equipe Lotto zusammengehen würde – inklusive der Aussicht darauf, dass über das Fahreraufgebot des belgischen Fusionsteams erst spät entschieden würde. Das barg die Gefahr, dass jene Profis, die leer ausgehen, womöglich nicht mehr anderswo unterkommen. Der Hesse empfing immerhin recht zeitig Signale, dass man auch in der neuen Mannschaft Lotto-Intermarché auf ihn baue. Diese Phase der Ungewissheit versuchte er zu nutzen, um das dicke Fell, das man als Radprofi in der World Tour benötigt, noch zu stärken – beziehungsweise sich selbst zu schützen. „Ich versuche mehr denn je, wegzukommen davon, mir um alle Eventualitäten Gedanken zu machen. Auf und neben dem Rad. Also mir nicht mehr alle möglichen Szenarien auszumalen, sondern mich nur mit dem zu beschäftigen, was wirklich eintritt und was ich beeinflussen kann“, so der 27-Jährige. Rutsch übernimmt in neuer Mannschaft Verantwortung Die neue Konstellation im Team begreift Rutsch als Chance – obwohl der Neubau der Mannschaft sehr anstrengend sei. „Es ist viel komplizierter als ein normaler Teamwechsel. Weil zwei bestehende Strukturen zueinanderfinden müssen – es gibt ja alles doppelt. Neben den funktionierenden Dingen kommen aus beiden Seiten auch die Missstände mit. Aber ich bin nach den ersten Teamcamps positiv überrascht vom Klima und Spirit“, sagt Rutsch, dessen Vertrag bei der neuen Mannschaft noch für eine Saison gültig ist. Letztlich wurden 20 Profis des aus vielen jungen Fahrern bestehenden Teams Lotto übernommen und zehn von der Equipe Intermarché, die viele erfahrenere Profis unter Vertrag hatte. Mit seinen 27 Jahren und sechs Jahren Zugehörigkeit in der World Tour könnte der Deutsche nun mehr Verantwortung erhalten – also bestenfalls in manchen Rennen von Helferdiensten entbunden sein, um der Mann zu sein, der für das Team auf Ergebnis fährt. Es wäre Neuland für ihn, aber zugleich auch der logische nächste Schritt in seiner Karriere. „Dass ich physisch die Kapazität mitbringe, auch in den Rennfinals noch Akzente zu setzen, habe ich oft genug gezeigt“, sagt Rutsch. Und er sieht durchaus noch Potential, deutlich stärker zu werden auf dem Rad. Was mit 27 Jahren erst mal mutig klingt angesichts des aktuellen Jahrgangs an Superstars, die diesen Sport schon mit Anfang 20 beherrschen. „Ich gehöre ein Stück weit einer anderen Generation an, die einen anderen Aufbau hatte, beispielsweise noch die U-23-Klasse gefahren ist“, erklärt Rutsch. „Ich komme nun in das optimale Zeitfenster, um mein persönliches Hoch im Radsport zu erreichen.“ Inklusive einer Karrierephase, in der er naturgemäß nicht mehr denke und handle wie ein blutjunger Einsteiger. „Als junger Kerl dreht sich alles nur darum, den Trainingsplan akribisch umzusetzen“, erzählt Rutsch. „Eine Ehefrau, ein Haus, ein Hund und irgendwann vielleicht Kinder – mein Leben beinhaltet mittlerweile so viel mehr. Und das ist auch gut so.“ Aber er weiß auch, dass dieser Sport einem deshalb nichts schenkt. Dass mit Blick auf mehr Verantwortung und ein reizvolles Rennprogramm konkret viel von seiner möglichst sturz- und krankheitsfreien Wintervorbereitung und dann der Form im Frühjahr abhängen wird. In einem belgischen Team, für das die flämischen Klassiker elementar sind im Jahr, bekommt man eine Kapitänsrolle nicht ohne Weiteres. Zumal das Team mit Arnaud De Lie einen der belgischen Shootingstars beschäftigt. „Vielmehr muss man sich erst mal intern qualifizieren für einen Platz im Aufgebot“, so Rutsch. Der ausgebildete Kommissar der Polizei Hessen strebt nach den fast traumatischen Erlebnissen bei der diesjährigen Tour de France in der neuen Saison nicht mit Macht einen weiteren Start in Frankreich an. Gerne würde er, dessen Saison schon im Januar bei den australischen Rennen beginnt und der mit einem kolumbianischen Höhentrainingslager im Februar (Camp auf über 2600 Meter Höhe) auf die Klassikersaison zustrebt, „mal eine andere Grand Tour sehen“, wie er sagt. Den Giro d’Italia oder die Vuelta a España ist er bislang noch nie gefahren. Und das Trio der großen Landesrundfahrten würde er gerne in seiner Laufbahn komplettieren. Möglichst mit wenigen weiteren höllischen Erlebnissen im Sattel, sondern mehr Fahrten geradewegs hinein in den Radsporthimmel.