FAZ 27.02.2026
17:27 Uhr

Radprofi John Degenkolb: „Ich will noch mal voll angreifen“


Der Radprofi John Degenkolb hat sich nach schweren Verletzungen zurückgekämpft. Nun freut er sich auf die neue Klassikersaison. Besonders ein Rennen steht im Fokus des Routiniers.

Radprofi John Degenkolb: „Ich will noch mal voll angreifen“

Bei der Familie Degenkolb gibt es einen regelrechten Fuhrpark an Zweirädern. Auf jeden Fall eine zweistellige Anzahl, erzählt der Radrennfahrer, der über seine schon 15 Jahre währenden Profikarriere die meisten Velos daheim abgestellt hat. Die Zahl der Rennräder ist noch gestiegen, seit Sohn Leo mit dem Radsport richtig begonnen hat. Vater John Degenkolb berichtet stolz, dass der Filius im vorigen Jahr mehr als die Hälfte der Rennen, an denen er teilnahm, auch gewonnen hat. Ein Rad ausdauernd anzutreiben und im richtigen Moment enorm beschleunigen zu können, das liegt offensichtlich in der Familie. Doch nicht alle Räder des Fuhrparks werden noch gefahren, manche, besonders die mit Erinnerungswert an die größten Siege, hingen auch an Wänden und Decken, erzählt Degenkolb. Zum Beispiel der Untersatz, mit dem der Oberurseler die legendäre Regen-Ausgabe von Paris–Roubaix 2021 fuhr. Ein Rennen für das kollektive Radsport-Gedächtnis! „Ein bisschen euphorisiert“ Und für Degenkolb ein immerwährendes Andenken, weil das Rad genau in dem dreckverkrusteten Zustand, in dem er es über die Ziellinie in Nordfrankreich steuerte, an der Wand hängt. Zu Degenkolbs Fuhrpark gehört seit einer Weile auch ein altes Klapprad, ein Geschenk seiner Frau. „Ein richtiger Oldtimer“, schwärmt Degenkolb von dem Schätzchen mit historischem Wert. Dies benutze er gerne, wenn er Termine in Frankfurt habe, um von daheim zur U-Bahn-Station Bommersheim zu radeln. Ein radelnder Methusalem ist er mit seinen 37 Jahren mittlerweile auch im Profi-Peloton. Ältere und Fahrer seines Jahrgangs gibt es nur noch wenige in der WorldTour, der ersten Liga seines Sports. Die Frage, ob die angebrochene Saison 2026 seine 16. und letzte wird, steht schon länger im Raum. Degenkolb sitzt leicht gebräunt in einem Café im Frankfurter Stadtteil Riedberg, verströmt Fokussiertheit und Gelassenheit zugleich. Er gönnt sich ein Stück Kuchen zum doppelten Espresso und wirkt so gar nicht wie ein Mann auf Abschiedstour, der 2026 nur noch seine letzten Runden im Sattel drehen will. Das Thema Ruhestand wischt er im Gespräch jedenfalls schnell beiseite. Er kommt frisch zurück vom ersten Renneinsatz seines Jahres, der Algarve-Rundfahrt. „Ein bisschen euphorisiert“, wie Degenkolb sagt. Nicht nur wegen des für Februar-Verhältnisse schönen Wetters dort und der Erinnerungen an seinen allerersten Profisieg 2011 an selbem Ort (dem er einige Wochen später als Jungprofi den Gewinn des Frankfurter Radklassikers folgen ließ). Sondern vor allem wegen seiner aktuellen Form. „Ich habe mich die ganze Woche frisch, explosiv und spritzig gefühlt. Es hat sich sehr gut angefühlt auch an den Anstiegen“, so der Wahl-Hesse. In der Klassikersaison, die an diesem Wochenende beginnt, mache es einen großen Unterschied, wie leistungsfähig man noch ist, „wenn im Rennfinale alle am Drehzahlbegrenzer unterwegs sind“, so Degenkolb. Wenn Erschöpfung und Schmerz einen zu überwältigen drohen, „steigt auch die Wahrscheinlichkeit an, Fehler zu machen in der Positionierung. Auch leiden die Rennübersicht und die Einschätzung der nächsten Kurve oder der Entfernung der Ziellinie.“ Direkt zum Auftakt der Algarve-Rundfahrt fuhr der Routinier im Sprint als Achter ein Top-Ten-Ergebnis ein – was ihm in der gesamten, von seinem schweren Sturz bei der Flandern-Rundfahrt samt viereinhalbmonatiger Pause geprägten Saison 2025 nicht vergönnt war. Er teilt seine Erfahrungen mit jüngeren Rennfahrern Degenkolb fühlt sich jedenfalls bestens vorbereitet für die Klassiker, die harten Eintagesrennen also, für die er besonders brennt und die ihm die größten Erfolge seiner Laufbahn beschert haben. Zu nennen sind in erster Linie stets seine Triumphe bei Mailand–Sanremo sowie Paris–Roubaix im Jahr 2015. Am Auftaktwochenende der flämischen Hochzeit des Radsportkalenders startet Degenkolb am Samstag bei Omloop Het Nieuwsblad und tags darauf bei Kuurne–Brüssel–Kuurne. Ob als Jäger einer Topplatzierung oder Helfer seiner Teamkollegen bei der Equipe Picnic PostNL, wird sich situativ entscheiden. Seit seiner Rückkehr zu dieser Mannschaft 2022 hat Degenkolb eine Rolle inne, in der er seine Erfahrung und Expertise für alle, wirklich alle Trainings- und Rennsituationen mit den jüngeren Rennfahrern teilt. Sein niederländischer Arbeitgeber bringt seinem erfahrensten Mann viel Vertrauen entgegen. Für den späten Saisoneinstieg zum Beispiel oder das dosierte Rennprogramm im Frühling. Degenkolb wird die Flandern-Rundfahrt („nicht wegen der schlechten Erinnerungen wegen des schweren Sturzes“) und den E3-Preis auslassen, um noch gezielter auf sein Jahres-Highlight Paris–Roubaix hinarbeiten zu können. „Dort will ich noch mal voll angreifen“, sagt er. Auch wenn es für ihn und seine Mannschaft, die zu den Hinterbänklern des Pelotons gehört, immer schwieriger wird, auch nur in die Nähe eines großen Siegs zu kommen. Die Entwicklung im Radsport zu wenigen, alles dominierenden, vom Kader und Budget weit über dem Rest stehenden Super-Teams bereitet Degenkolb Sorgen. „Es klaffen mittlerweile riesige Lücken zwischen den Teams, es ist ein enormes Ungleichgewicht entstanden. Auf Sicht, da bin ich überzeugt, muss und wird im Sinne des Radsports umgesteuert werden“, so der 37-Jährige. Sein Rennstall beispielsweise hat im gesamten Jahr 2025 genau drei Siege erreicht, während das Team U.A.E. um Superstar Tadej Pogacar 97 schaffte – und in diesem Jahr über 100 anpeilt. „Wenn die Entwicklung so weitergeht, sind die kleineren Teams irgendwann nicht mehr wettbewerbsfähig, was beispielsweise das Betreuerpersonal oder die Dauer und Qualität von Trainingslagern betrifft“, sagt Degenkolb. An fahrbaren Untersätzen wird es ihm persönlich jedenfalls nie mangeln. Unlängst kam noch ein Rennrad in seinem Fuhrpark hinzu beziehungsweise zurück. Eine Leihgabe, die er dem Historischen Museum für die Ausstellung „Bewegung. Frankfurt und die Mobilität“ zur Verfügung gestellt hatte. Auch für dieses Velo hat er daheim einen Platz gefunden.