Neulich auf dieses Youtube-Video gestoßen mit seltsamem Titel: „You are a sleepless taxi driver listening to a Radiohead playlist late at night”, gefilmt durch die Windschutzscheibe während der Fahrt durch nächtliche Straßen, unterlegt mit der erwähnten Playlist. Die Beschreibung ersetzt eigentlich schon das Video, und bebildert wird das Naheliegende: Denn alle Hörer der britischen Band Radiohead sind doch im Grunde schlaflose Taxifahrer spät in der Nacht. „Gerädert“: Das trifft wohl den Zustand nach Aufnahme ihrer Musik auch nur in kleinen Dosen, sei es aus ihrer Frühzeit in den Neunzigern, als es noch Rockmusik im weitesten Sinne war, wenn auch verstörende wie auf dem Debüt „Pablo Honey“ (1993), sei es solche aus der dekonstruktivistischen Folgezeit, die Alben wie das elektronisch grundierte „Kid A“ (2000) hervorbrachte bis zum spätwerkhaften „A Moon Shaped Pool“ (2016). Als „Kid A“ herauskam mit seinen irren Gesängen, breit-tönenden Synthesizern, aber einem teils spindeldürren Witz von Schlagzeug, ging eine angeregte Diskussion unter Freunden etwa so: „Das klingt aber ganz schön roboterhaft!“ – „Ein bisschen wie ein defekter Spielomat.“ – „Es hört sich an, als würde einer auf dem Deckel vom kleinen Bad-Mülleimer mit bloßen Fingern wirr herumtrommeln.“ Vielleicht war es ja so, wer weiß. So eingängig wie unheimlich Man hat allerdings noch nicht viel über Radiohead gesagt, wenn man die Stimme des Sängers Thom Yorke nicht erwähnt hat. Sie war so eingängig wie unheimlich von Anfang an, in ihrem Schwanken zwischen Fragilität, hymnischem Singen und verzweifeltem Schreien, emblematisch schon in dem frühen Hit „Creep“, ohne den für viele, die heute zwischen 40 und 60 sind, keine Erinnerung an die Neunziger auskommt. „I’m a creep, I’m a weirdo, what the hell am I doing here?”: Die Außenseiter-Erfahrung, das Gefühl des Nichtdazugehörens traf nicht nur verlorene Teenager ins Herz, sondern war auch ausbuchstabierter „Independent Rock“ in seiner deutlichen Abkehr von Jubel- und Heldenposen des Genres in den Jahrzehnten davor. Manche Radiohead-Songtexte waren zudem lyrische Manifeste gegen die durchtechnisierte Moderne: etwa der von „Paranoid Android“. Sie klingen wütend, aber auch belustigend, in Übersetzung etwa: „Karma-Polizei, verhaften Sie diesen Mann! Er redet mathematisch und brummt wie ein Kühlschrank.“ Dazu schließlich noch Yorkes Gesicht, das nicht weniger Skepsis und Erschütterung ausdrückte als seine Texte, aus nächster Nähe betrachtet in der großen Zeit des theatralischen Musikvideos: alles zusammen ein Gesamtkunstwerk. Ein großes Konzerterlebnis Die Abstände zwischen den Alben wurden irgendwann größer, die Solo-Aktivitäten der Musiker auch, und als nun nach sieben Jahren Bühnenabstinenz einige Radiohead-Konzerte in Europa angekündigt wurden, war die Reaktion kaum weniger euphorisch als bei anderen Britpop-Reanimationen in den vergangenen Monaten. Wirtschaftlich bestimmt folgerichtig, hinter Bands wie Oasis und Pulp da noch auf der Welle mitzuschwimmen, die im Sommer schon gefeierte Bühnencomebacks hatten – aber wie verträgt sich die Vorstellung von schwelgerischem Nachfeiern in diesem Fall mit dem vielleicht doch gerade auch gegenüber so etwas skeptischen Gestus der Band Radiohead? Darauf ist man neben großer Freude über die Rückkehr sehr gespannt, als die Band in Berlin nun die Bühne betritt. Und die Bühne ist schon das erste Highlight dieses Abends: Mitten in die Uber-Arena gesetzt als fast kreisförmiges Vieleck, umkränzt zunächst von Gaze-Wänden, die eine Art Schau-Käfig bilden und erste Durchsichten auf die Musiker erlauben, während sie zugleich als Projektionsfläche für Videoinstallationen dienen, ermöglicht sie von ziemlich von jedem Platz bis auf die oberen Ränge ein großes Konzerterlebnis – und ein solches wird es werden. Es geht los mit Frühphasen-Rock, „Planet Telex“ aus dem Jahr 1995, ein bisschen scheinen die Musiker erst zusammenfinden zu müssen und auch Thom Yorke seine Stimme, die noch vor Tagen durch eine Infektion so eingeschränkt war, dass er Konzerte in Kopenhagen absagen musste. Aber die Entwarnung für Berlin war keine halbseidene: Spätestens beim dritten Stück „Sit Down, Stand Up“ sind alle eingegroovt. Und diesmal nicht auf kleinem Blech, sondern auf dicken Trommeln: Mit zwei Schlagzeugern ist die Gruppe zumeist am Werk, bisweilen sogar mit dreien, wenn der Gitarrist Johnny Greenwood sich auch noch vorübergehend ans Schlagwerk setzt. Womit auch schon gesagt ist, dass es im Grunde wieder Rockmusik ist, die man hier zwei Stunden lang zu hören bekommt – aber manchmal auch Krautrock, bisweilen Jazzrock und sogar auch mal Stadionrock mit irren, bis zur Karikatur getriebenen Gniedel-Gitarrensoli Greenwoods. Die Klang- und Lichtästhetik von Radiohead hat an diesem Abend, so fern das vom Gestus her sonst liegen mag, gelegentlich auch etwas von Pink Floyd. Die Gazewände sind nun hochgefahren, die Bühne frei für einen oft wild herumtänzelnden Thom Yorke, der nach allen Seiten sein Publikum ansingt und anspielt wie auf dem Theater. Das wird verstärkt, verfremdet durch Laser- und Videoeffekte, die jeden Warnhinweis rechtfertigen: „Blinkende Lichter, Gewalt“ – auch die durchaus in den (alb)traumhaften Texten. Wer es wie ein Kind hört, hört nur das Schöne Wenn es zu wild wird wie bei dem rhythmisch ungeraden „15 Step“, muss das Publikum danach wieder auf die Erde geholt werden mit Balladen, wie sie Radiohead ja auch immer im Programm hatte. „No Surprises“, noch so eine Hymne der Neunziger, hat mit Glockenspiel-Elementen fast die weihnachtliche Aura von „Stille Nacht“ – wäre da nur nicht der suizidale Text. Wer es wie ein Kind hört, das die Sprache noch nicht versteht, hört nur das Schöne. Alle können das nicht, wenn man den Blick so umherschweifen lässt: Damit ist auch die Frage beantwortet, wie hier die Erinnerungsmacht der Musik sich im Publikum äußert: bei Radiohead dann doch nicht in bierseligem sich in den Armen liegenden Schalala wie bei Oasis, sondern individuell ganz unterschiedlich, etwas introvertierter, aber durchaus auch in glücklichen Gesichtern. Auf dem Höhepunkt ist die Band Radiohead dann mit dem nervösen Breakbeat-Stück „Weird Fishes/Arpeggi“. Danach beginnt eine Konzertphase des Driftens ins Halbbewusste, wenn man sich zu „Daydreaming“ mit visueller Unterstützung in den Äther beamen lässt – oder neue Getränke holen geht. Es ist aber längst noch nicht vorbei, dieses großartige Konzert voller Klassiker, und die besten kommen erst bei den Zugaben: Wirklich dann „Paranoid Android“, im Grunde eine kleine Rock-Oper mit seinen ganz verschiedenen Teilen. Und bei der Botschaft dieses Liedes, die damals vielleicht noch nach Science Fiction klang, muss man heute schlucken und anerkennen, wie viel angemessener sie nun der Wirklichkeit ist. Und zum Ausklang dann noch „Karma Police“, das wohl alle im Saal auswendig können, mit seinem bis heute rätselhaften Text und der zuckersüßen Drohung: „This is what you get when you mess with us.“ Wir würden es trotzdem jederzeit wieder tun.
