Die westlichen Partnerländer der Ukraine könnten wirksamere Hilfe zur Schwächung der russischen Luftabwehr leisten, wenn sie ihre Sanktionen zielsicherer einsetzten, um die Waffenproduktion in Russland zu schwächen und zu verzögern. Das geht aus einer neuen Studie des Londoner Militärforschungsinstituts RUSI hervor, die verwundbare Stellen in der Produktionskette russischer Luftabwehrsysteme analysiert. Das Institut schlussfolgert, es gebe erhebliche russische Abhängigkeiten von ausländischen Bauteilen und Vorprodukten. Viele russische Importeure gäben sich als zivile Unternehmen aus, um ohne Sanktionsgefahr Maschinen und Elemente aus westlichen Ländern beziehen zu können. Über aktuelle Fälle solcher Lieferungen haben kürzlich bereits skandinavische Medien berichtet. Die Autoren der RUSI-Studie schätzen das S-400-Programm russischer Luftabwehrraketen als hocheffektiv ein; es sei gegenwärtig in der Lage, 90 bis 95 Prozent der ukrainischen Langstreckenangriffe abzufangen. Die stationierten russischen Abwehrsysteme selbst seien schwer zu orten und kaum zu treffen. Eine verwundbare Stelle sei jedoch der Herstellungsprozess. Gegenwärtig sei der Verbrauch an Luftabwehrraketen höher als die Herstellungskapazität. An der Produktion der Abwehrsysteme sind nach den Recherchen des Instituts knapp 400 Firmen beteiligt; für manche Komponenten gebe es nur einen Hersteller. Das gelte etwa für die Hochleistungschips, welche Russland früher aus Taiwan bezogen hatte. Es gilt laut RUSI aber auch für den einheimischen Produzenten der Glasfaser-Silos der Raketen. Diese Hersteller-Firma gebe sich als ziviler Produzent aus, könne also weiter von westlichen Geschäftspartnern beliefert werden, obwohl sie Aufbewahrungscontainer für viele russische Waffensysteme produziere. Ausfuhrkontrollen in Kasachstan verzögern Russlands Produktion Die Studie gibt an, sie habe etwa 70 „Verwundbarkeiten“ im Produktionsprozess der Abwehrsysteme identifiziert; nur einige davon werden in der veröffentlichten Variante des Papiers aufgeführt. Im Blick auf die Herstellung der Computerchips, die für die Steuerung der Flugkörper wichtig sind, gelte es vor allem, russische Bemühungen zu stören, eine einheimische Produktion aufzubauen. Bislang betrage der technische Rückstand russischer Hersteller etwa neun Jahre. Zu den aufgedeckten Schwachstellen zählt auch, dass Berylliumoxid ein wichtiges Vorprodukt zur Wärmeisolierung der Radarelemente des S-400-Systems darstellt und von den russischen Herstellern ausschließlich von einer Mine aus Ost-Kasachstan bezogen wird – die wiederum, wie die Autoren der Studie anmerken, mit ukrainischen Maschinen ausgestattet sei. Seit einigen Monaten wende Kasachstan jedoch strengere Ausfuhrkontrollen an der Grenze zu Russland an, was dort zu langen Lkw-Wartezeiten geführt habe – und potentiell die Produktion des S-400-Radars verzögern könne. Die Autoren machen anhand dieses Beispiels deutlich, dass Kontrollen und Sanktionen häufig die Lieferung von Embargo-Gütern nicht verhindern könnten, sie aber Verzögerungs- und Verteuerungseffekte hätten, die meist zwischen 30 und 100 Prozent lägen. Sie empfehlen auch, die Koordination zwischen Angriffen auf russische Waffenproduzenten und Sanktionen zu verbessern, damit es von Militärschlägen getroffenen Firmen schwerer falle, zerstörte Maschinen oder Lagerbestände zu ergänzen. Schließlich weist die Studie auf die indirekten Folgen in Drittländern hin, die bislang Waffen wie das S-400-System aus russischer Produktion bezogen haben. Staaten wie Indien oder die Türkei, welche zu den Käufern der russischen Luftabwehrtechnik zählten, müssten sich auf Lieferengpässe bei Ersatzteilen oder Flugkörpern einstellen, wenn die russische Produktion gezielt gestört werde. Das schade Russlands Ruf als Waffenexporteur, außerdem könne es zu Stornierungen und zu einer Krise bei russischen Rüstungsherstellern führen. Schwedische Komponenten in russischer Waffe Die Autoren merken überdies an, dass die Fähigkeit zur Schwächung der russischen Luftabwehr nicht nur für den aktuellen Abwehrkampf der Ukraine wichtig sei, sondern allgemein Bedeutung für die Verteidigungsfähigkeit der NATO und für die Sicherheit Europas habe. Beispiele für technische Komponenten aus westlichen Staaten, die trotz der Sanktionen nach Russland gelangen, gibt es viele. Sie reichen von ganzen Lastwagen über Flugzeugtriebwerke bis hin zu Chips, die in russischen Geschossen gefunden wurden. Kürzlich berichtete etwa der finnische Rundfunk Yle, das ukrainische Militär habe im Inneren von russischen Shahed-Drohnen Kugellager des schwedischen Herstellers SKF gefunden. Fotos aus der Ukraine zeigen die Teile mit der Aufschrift des Unternehmens. Das teilte mit, eine Analyse der Fotos habe ergeben, dass es sich um gefälschte Produkte handele, die „illegal die Marke SKF verwenden“. Weiterhin versicherte das Unternehmen, es unterhalte keine Geschäftsbeziehungen zu Russland, habe seine Fabriken dort aufgegeben und setze ein striktes Verbot für direkte und indirekte Verkäufe um, das auch für Vertriebspartner des Unternehmens gelte. Doch hat sich wiederholt gezeigt, dass derlei Vorgaben umgangen werden. Etwa indem Produkte über Drittstaaten wie Kasachstan oder Kirgistan nach Russland gelangen. Auch die Außenhandelszahlen der Bundesrepublik deuten darauf hin. So haben sich im Jahr 2022, als der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine begann, die deutschen Warenexporte in viele Staaten in Russlands Nachbarschaft massiv erhöht; im Falle Kirgistans haben sie um 560 Prozent zugenommen, nach Armenien um 165 Prozent und nach Kasachstan um 95 Prozent. Und auch in den vergangenen beiden Jahren stiegen die Exportraten in die GUS-Staaten – ohne Russland – weiter.
