FAZ 16.12.2025
13:49 Uhr

RB Leipzig hat eine Chefin: Frauen im Männer-Fußball: eine Frage des Willens!


CEO von Bundesligaklub RB Leipzig: Tatjana Haennis Berufung bricht mit einer unausgesprochenen Ordnung im Fußballgeschäft: Dass Kompetenz in diesem Geschäft ein Geschlecht habe.

RB Leipzig hat eine Chefin: Frauen im Männer-Fußball: eine Frage des Willens!

„Meine Töchter glauben, dass sie Bundeskanzlerin werden können, aber sie wissen nicht, dass sie auch Vorstandsvorsitzende eines Fußballklubs sein können.“ Diesen Satz habe ich jahrelang in Vorträgen gesagt, um das irrationale Fehlen von weiblichen Vorbildern an der Spitze im Fußball zu beschreiben. Jetzt ist das anders. Am vergangenen Mittwoch hat RB Leipzig die Einstellung von Tatjana Haenni als CEO (Geschäftsführerin/d. Red.) des Klubs verkündet. Professionell und sachlich, beinahe so, als sei es eine gewöhnliche Besetzung, wurde die Personalie bekannt gegeben. Genau an dem Tag, an dem die Klubs der Frauenfußball-Bundesliga ihren Schritt in die Unabhängigkeit vom Deutschen Fußball-Bund mit einem feierlichen Gründungsakt zelebrierten. Was für ein Tag. Für mich ist der 10. Dezember ein historischer Tag Ich habe zu einer Zeit Fußball gespielt, als unser Flutlicht im Training oft schummerig und die Versorgung durch Physiotherapeuten ein seltenes Ereignis war. Und auch noch als deutsche Meisterinnen mussten wir der männlichen B-Jugend häufig den Platz überlassen oder manchmal auch den Autos, wenn der Ascheplatz bei den Heimspielen der Oberliga-Männer als Parkplatz diente. Im Vorstand des Hamburger Sport-Vereins war ich dann die mächtigste Frau des deutschen Fußballs, so das Label von außen. Allerdings war ich über all die Jahre auch weit und breit die Einzige. Es wäre seitenfüllend, die Varianten von Ungleichheit zu beschreiben, die ich als Torhüterin und als Vorstand erlebt habe. Genau deshalb ist der 10. Dezember für mich ein historischer Tag. 63 Jahre hat es gedauert, bis endlich eine Frau an der Spitze eines deutschen Bundesligaklubs steht. Nicht irgendwo, sondern bei RB Leipzig, also ausgerechnet bei dem Klub, der von vielen Fußballfans schon durch seine pure Existenz als Regelbruch empfunden wird. Tatjana Haennis Besetzung ist genau dort also konsequent, denn sie bricht mit der unausgesprochenen Ordnung, die besagt, dass Sachverstand, Autorität und Entscheidungsfähigkeit in diesem Geschäft ein Geschlecht haben. Die Verantwortlichen von RB Leipzig haben gezeigt, dass Veränderung eine Frage des Willens ist. Wenn man vom Gewinn durch vielfältige Fähigkeiten und Perspektiven überzeugt ist und wenn man die Besten will, aus 100 Prozent, nicht aus fünfzig, dann muss man sich dafür entscheiden. Lieber unter sich zu bleiben, wie es zu oft noch ritualisiert der Fall ist, entspricht gleichfalls einer bewussten Entscheidung. Bemerkenswert ist, dass es keinen Aufschrei gab Bemerkenswert ist, wie wenig Aufheben um die Personalie gemacht wird. Kein Aufschrei unter den Anhängern, keine Infragestellung in den Medien. Das zeigt, dass die Selbstverständlichkeit bei den Anspruchsgruppen längst größer ist als die Bereitschaft der Entscheider, die sich häufig gerade mit einer fehlenden Akzeptanz von außen rechtfertigen. Das alles macht vor allem Hoffnung darauf, dass Tatjana Haenni nach marktüblichen Kriterien bewertet wird. Die frühere Nationalspielerin der Schweiz hat ihre gesamte berufliche Karriere im Fußball verbracht. Sie hat Erfahrungen in internationalen Verbänden gesammelt, Welt- und Europameisterschaften organisiert und zuletzt in den Vereinigten Staaten eine Top-Liga gemanagt. Dass es sich dabei immer um Frauenfußball handelte, hat die Entscheider von RB Leipzig offenbar nicht gestört. Die wachsende Bedeutung des Frauenfußballs, der Zugang für Frauen zu Management und Trainerinnenlehrgängen, Vorbilder wie Tatjana Haenni verändern die Betrachtung, dass es zwei Arten von Fußball gibt, den großen und den kleinen, der von den Männern finanziert und gefördert wird. Es wird bald mehr Frauen geben, und zwar in allen Bereichen, auch im Sport. Welches Argument gibt es noch gegen die erste Trainerin eines Männer-Bundesligateams? Vereine wie Werder Bremen oder Mainz 05 haben in den vergangenen Jahren immer wieder Trainer aus dem eigenen Nachwuchs in die Chefrolle befördert. Trainer, die noch nicht mit Veteranenautorität ausgestattet waren, die lernen mussten, mit der besonderen Aufmerksamkeit der Medien und dem besonderen Druck im Wettkampfmodus der Bundesliga umzugehen. Warum sollte es nicht demnächst die erfolgreiche Frauen-Bundesligatrainerin sein, die diese Chance bekommt? Die Fußballbranche sollte frohlocken, da sich die Anzahl der möglichen Führungskräfte verdoppelt, wenn man die Chance als solche versteht. Eine überfällige Emanzipation Das bringt mich zur Gründung der eigenständigen Frauenbundesliga. Der Deutsche Fußball-Bund (DFB/d. Red.) hat den Frauenfußball lange und zuletzt durchaus wohlwollend verwaltet. Doch um das ganze Potential entfalten zu können, wird mehr gebraucht. Die Unabhängigkeit der Liga ist deshalb eine überfällige Emanzipation. Die Klubs haben diesen Schritt in einer bemerkenswerten Einigkeit vollzogen. Jetzt geht es darum, auf den hoffnungsvollen Start eine Struktur folgen zu lassen, die wirkliche Selbstbestimmung ermöglicht. In den Auseinandersetzungen zwischen DFB und Klubs ist die Frage danach untergegangen, und doch habe ich die Hoffnung, dass die schwergewichtigen Verhandler der Bundesligaklubs von Bayern München, Eintracht Frankfurt und ihre männlichen Kollegen allzu gut wissen, dass sie gerade einen Übergang gestalten. Dass die junge Präsidentin der Frauen-Bundesliga (Katharina Kiel/d. Red.) und ihre Stellvertreterinnen nun Freiraum und Vertrauen bekommen müssen, um ihre eigenen Erfahrungen und Fehler machen zu können. Und dass ein professionelles Management nötig ist, um die offenen Fragen nach der Identität des Frauenfußballs zu beantworten und die wirtschaftliche Grundlage dafür zu schaffen. Denn wenn die Frauen-Bundesliga ihr eigenes Profil entwickelt und imstande ist, sich selbst zu finanzieren, entsteht wirkliche Unabhängigkeit. Und daraus wird ein Selbstbewusstsein entstehen, das Frauen noch mal mehr prädestiniert, alles im Fußball sein zu können und sein zu wollen. Weil sie es können. Tatjana Haenni hätte dieser neuen Frauen-Bundesliga in einer Führungsrolle gut zu Gesicht gestanden. Aber womöglich ist sie dort noch wichtiger, wo sie demnächst wirkt. Nicht nur als Signal für meine Töchter.