Er spricht ausführlich, stundenlang, manchmal klar, manchmal wirr. Maximilian Eder, früherer Elitesoldat und einer der Angeklagten im Frankfurter Reichsbürgerprozess, will seine Weltsicht erklären. Vor dem Oberlandesgericht beschreibt er, was ihn angetrieben hat, dass er den Kontakt zu zwielichtigen Ex-Soldaten, zu Esoterikern und angeblichen Hellsehern, zu Corona-Aktivisten und einer ehemaligen AfD-Bundestagsabgeordneten suchte, um auf einen Umbruch in Deutschland hinzuarbeiten. Der Generalbundesanwalt sagt: Eder und die anderen Mitglieder der Gruppe um Prinz Reuß waren Verschwörer. Sie wollten mit Gewalt einen Umsturz herbeiführen, haben einen Angriff auf den Bundestag geplant, einen „Tag X“. Sie wollten Politiker entführen und notfalls auch töten. So steht es in der Anklageschrift. Eder sagt: Das ist falsch. Er behauptet, wenn er damals von einem Systemsturz gesprochen habe, dann sei es ihm nicht um Gewalt, sondern um einen „demokratisch legitimierten Umbruch“ gegangen. Die Unzufriedenheit der Menschen werde zu einem Abtritt der Regierung, zu einer – militärisch dominierten – Übergangsregierung und zu einem Neuanfang führen. Darauf habe er gehofft. Angeblich in Tunneln gefangene Kinder Verbunden hat der Ex-Soldat diese Hoffnung mit einer Enthüllung, die er vorbereitet hat. Eder wollte seinen eigenen Angaben zufolge den Menschen die Augen öffnen, er wollte die sogenannten DUMBs finden, die „Deep Underground Military Bases“. In Tunneln unter einer Burgruine bei Basel vermutete er Verstecke, in denen Hunderte Kinder gefangen gehalten und missbraucht würden. Hochrangige Politiker und Prominente hätten diese Kinder in brutalen Ritualen gequält und ihnen ihr Blut abgezapft, war Eder in seiner wirren Weltsicht überzeugt – und daran glaubt er auch heute noch. Und darüber hat er, in den Monaten vor seiner Festnahme, auch immer wieder öffentlich gesprochen – als Redner bei Demonstrationen der Querdenker-Bewegung. Der Glaube an eine solche Verschwörung war zu Hochzeiten der Corona-Proteste weitverbreitet. Das von Trump-Anhängern im Präsidentschaftswahlkampf 2016 in die Welt gesetzte Schlagwort vom „Pizzagate“, wonach im Keller einer Pizzeria in Washington ein Kinderpornoring um die demokratische Politikerin Hillary Clinton operiere, machte die Runde. Daraus ist der QAnon-Kult entstanden: das Gerücht, eine Elite aus pädokriminellen Politikern, der „Deep State“, habe sich verschworen. Gefangen im „Rabbit Hole“ Auch auf den zahlreichen Corona-Demonstrationen traf man immer wieder Menschen, die einem voller Ernst genau solche Geschichten erzählten: dass Politiker Kinder entführten, sie sexuell erniedrigten, dass Parteikollegen davon wüssten und den Missbrauch deckten. Es waren Menschen wie Maximilian Eder, die als Spinner und Verrückte gelten. Gefangen im „Rabbit Hole“, im Kaninchenbau: einer Echokammer im Internet, in der die abwegigsten Verschwörungstheorien die Runde machen. Und jetzt gibt es den Fall Epstein. Aus den Millionen Dokumenten, E-Mails, Fotos und Videos, die das amerikanische Justizministerium nun veröffentlicht hat, lässt sich immer mehr darüber erfahren, welche Politiker, Adlige und Unternehmer den verurteilten Sexualstraftäter Epstein umgarnten – und sich umgarnen ließen. Mit jeder neuen Nachricht, jeder neuen Enthüllung werden weitere Puzzleteile über das Netz um den verurteilten Sexualstraftäter hinzugefügt. Die norwegische Kronprinzessin Mette-Marit, Donald Trump, Bill Clinton, Microsoft-Chef Bill Gates, der Techinvestor Peter Thiel, der neurechte Influencer Steve Bannon, der linke Stardenker Noam Chomsky, Regisseur Woody Allen: Die Liste der Berühmten, die mit Epstein mutmaßlich eng verbandelt waren, wird immer länger. Und plötzlich rücken Fragen in die Diskussion hinein. Was macht das mit dem Reflex, jede Verschwörungstheorie als Irrsinn einzuordnen? Und: Bei wie vielen Menschen wird das, was Verschwörungstheoretiker nun aus den Epstein-Enthüllungen machen, verfangen? Von Mette-Marit bis Bill Clinton Das Verunsichernde an den Epstein-Akten lässt sich schwer kleinreden. Dass ein Mann, der im engen Austausch mit den Mächtigen stand, seinen Verbrechen jahrzehntelang nachgehen konnte, dass nur zaghaft gegen ihn ermittelt wurde, dass es schützende Hände über ihm gab, ist verstörend. Wer wusste davon, was Epstein trieb? Wer deckte ihn? Und wer machte mit? Der Fall, darüber darf man sich keine Illusionen machen, wird Menschen wie Eder und anderen Verschwörern Nahrung geben wie nie zuvor. Die in die Welt geworfenen Epstein-Akten werden eine Entwicklung, die schon länger zu beobachten ist, noch einmal beschleunigen: Das Vertrauen in die Eliten nimmt ab. Dass diejenigen, die Staaten lenken, uneigennützig handeln, wird von immer weniger Menschen uneingeschränkt geglaubt. Schon jetzt ist die Hetze, die Politikern entgegenschlägt, enorm – selbst bis in die Kommunalpolitik hinein. Zu befürchten ist, dass das Misstrauen sich noch weiter verbreitet. Profitieren werden davon die politischen Ränder. Von dem Rechtsextremisten Steve Bannon stammt ein Slogan, der gerade wieder oft zitiert wird: „Flood the zone with shit.“ Überflutet das Internet mit Dreck: Darin sieht der radikale Stratege Bannon, der lange einer der engsten Berater von Donald Trump war, die Chance, alles Sachliche, Aufklärerische und jede Vernunft zum Verschwinden zu bringen. An ihre Stelle sollen Empörung, Gefühle und Ideologie treten. Nahrung für Verschwörungstheoretiker An der Veröffentlichung der Epstein-Akten lässt sich ablesen, wie dieser Trick aufgeht: Statt Gewissheit bringen die immensen Datenberge oft nur neue Gerüchte und neue Spekulationen hervor. Auf Plattformen wie Reddit oder Elon Musks Netzwerk X grassieren Mutmaßungen. Der Dreck wird dort zur Flutwelle. Was dagegen helfen könnte? Echte Aufklärung. Das ernsthafte Bemühen, den Fall Epstein zu durchleuchten, seine Mitwisser und Mittäter zu entlarven. Wenn unabhängige Ermittler deutlich herausarbeiten könnten, wer tatsächlich in das System des Sexualstraftäters involviert war, wer von ihm profitierte, wer von ihm erpresst wurde, dann könnte sich zeigen, was den Fall trotz seiner Monstrosität dennoch von Verschwörungsmythen wie dem QAnon-Kult oder den Ideen eines Maximilian Eder unterscheidet. Man könnte dann wohl sehen: Es gibt Verschwörungen, dreckige Geschäfte, Korruption. Und es gibt die Lügen, die Mythen, die Erzählungen über reihenweise in krude Rituale verstrickte Prominente und Politiker, die gezielt verbreitet werden, um die Demokratie zu destabilisieren. Man könnte differenzieren. Dass es im Fall Epstein so weit kommt, ist leider unwahrscheinlich. Das amerikanische Justizministerium hat nach der Aktenveröffentlichung schnell deutlich gemacht, dass es kein großes Interesse mehr verspürt, nun noch tiefer zu graben. Darum könnte etwas anderes im Wettstreit gegen das Misstrauen von Nutzen sein: weniger Elitismus. Weniger Abgehobenheit, weniger Pracht und Inszenierung. Wer als Politiker oder Unternehmer erreichen will, dass Gerüchte und der ungerechtfertigte Glauben an Verschwörungen sich weniger stark ausbreiten, muss zu mehr Transparenz bereit sein. Bürgernähe sollte er als Bereicherung, nicht als lästige Pflicht sehen. So kann er der Vorstellung, Gemauschel und Kumpanei bestimmten die Politik und die Wirtschaft, besser entgegentreten.
