Viel ist dieser Tage die Rede davon, dass die Russen des Ukrainekrieges müde seien. Der jüngsten Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Lewada-Zentrum zufolge zogen im Dezember zwei Drittel der Russen, mehr als je zuvor seit dem Überfall von 2022, Friedensverhandlungen einer Fortsetzung der Kampfhandlungen vor. Letztere bevorzugen noch ein Viertel, weniger als je zuvor. Der Mann, auf den es in dieser Frage ankommt, sieht in dieser Frage aber keinen Gegensatz: Präsident Wladimir Putin will mit den Amerikanern verhandeln und währenddessen weiter kämpfen lassen, um seine Maximalziele gegen die Ukraine und den Westen zu erreichen. Putins Bemühungen, Donald Trump auf seine Seite zu ziehen, wirken derzeit glücklos: Der amerikanische Präsident berücksichtigt ukrainische und europäische Positionen, glaubt die Geschichte eines Drohnenangriffs auf eine Residenz Putins nicht, stürzt dessen Partner in Venezuela, droht denen in Iran. Um so mehr wirkt der Kreml bemüht, den Angriffskrieg gegen die Ukraine zum Verteidigungsringen zu erklären und metaphysisch aufzuladen. Putin zeigt sich öfter in Flecktarn In der Nacht auf Mittwoch, im Gottesdienst zum orthodoxen Weihnachtsfest, wurde Putin wieder einmal in Gesellschaft von Uniformierten gezeigt. Journalisten ordneten sie dem Militärgeheimdienst GRU zu. „Sehr oft nennen wir den Herren den Erlöser, weil er auf die Erde gekommen ist, um alle Menschen zu retten“, sagte Putin nach der Messe. Auch „Russlands Krieger“ erfüllten „immer wie im Auftrag des Herrn genau dieselbe Mission: den Schutz des Vaterlandes, die Rettung der Heimat und ihrer Menschen“. Das sei eine „heilige Mission“. Seit Oktober hat Putin sieben Sitzungen mit seinen Militärs abgehalten, vier davon selbst in Flecktarn. Gemeldet wurden ihm Erfolge, von denen sich etliche als falsch erwiesen. Unabhängige Journalisten zählen für 2025 mindestens 100.000 getötete russische Soldaten, es sei das für die Invasoren verlustreichste Kriegsjahr gewesen. Wer darauf hinweist, riskiert, Opfer der Repression zu werden, die ebenfalls religiös verbrämt wird: Patriarch Kyrill, der als Oberhaupt der Russisch-Orthodoxen Kirche den Krieg preist, gab nun auch der Unterdrückung seinen Segen. Wer einen Konsens über „die wichtigsten Fragen unserer Sicherheit“ nicht mittrage, sei ein „Verräter der Heimat“ und müsse die „juristischen Folgen“ tragen, sagte Kyrill in einem Weihnachtsinterview in neostalinistischer Rhetorik.
