An dem kleinen diplomatischen Eklat, der Neu Delhi schon vor dem Eintreffen Wladimir Putins beschäftige, hatte der russische Präsident direkt gar keinen Anteil. Er brach in der indischen Hauptstadt aus, nachdem die Botschafter Deutschlands, Frankreichs und Großbritanniens in einem Artikel für eine indische Tageszeitung Russlands „Angriffskrieg“ gegen die Ukraine mit deutlichen Worten verdammt hatten. Darin nahmen die drei zwar weder Bezug auf den anstehenden Besuch noch auf Indiens langjährige Beziehungen zu Russland, die etwa dadurch charakterisiert sind, dass Indien Russlands Invasion nicht ein einziges Mal verurteilt hat. Dennoch wies es ein anonymer Funktionär des indischen Außenministeriums Journalisten gegenüber als „keine akzeptable diplomatische Praxis“ zurück, „öffentliche Ratschläge zu Beziehungen zu Drittländern zu geben“. Die leichte Verstimmung Indiens mit den europäischen Briefeschreibern illustriert, wie heikel der Empfang Putins in dem Land ist, das seine Beziehungen zum Westen über die vergangenen Jahre stark ausgebaut hat. Aus indischer Sicht ist der Staatsbesuch ein „sehr heikler Balanceakt“, sagt der Politologe Harsh Pant von der Denkfabrik Oberserver Research Foundation in Neu Delhi der F.A.Z. Geplant wurde der Besuch seit dem Sommer, am vergangenen Freitag teilte der Kreml mit, dass Putin am Donnerstag und Freitag dieser Woche auf Ministerpräsident Narendra Modis Einladung hin in Indien sein werde. Gehen werde es um die „besonders privilegierte strategische Partnerschaft“ auf den Gebieten von Politik, Handel und Wirtschaft, Wissenschaft und Technologie sowie Kultur, hieß es dazu. Tee, Trauben, Nüsse und Süßes in Moskau Schon im Juli vorigen Jahres hatte Modi Moskau besucht, zum ersten Mal seit dem russischen Überfall auf die Ukraine von Ende Februar 2022. Seinerzeit stellte Putin herzliche Verbundenheit zur Schau, ließ dem Gast auf der Veranda seiner Hauptresidenz Nowo-Ogarjowo westlich von Moskau Tee, Trauben, Nüsse und Süßes servieren, fuhr ihn am Steuer eines kleinen Elektromobils selbst über sein Gelände und veranstaltete für den Gast eine Pferdeschau mit weiß gekleideten Reiterinnen, die Blumenkränze im Haar und die Fahnen beider Länder in den Händen hatten. Solch ein Empfang ist in Moskau bisher nicht einmal Putins wichtigstem „teuren Freund“, Chinas Staats- und Parteichef Xi Jinping, zuteilgeworden. Ganz so extravagant wird das Programm in Neu Delhi nicht ausfallen, das am Donnerstag mit einem Abendessen Putins mit Modi beginnt. Am Freitag wird Putin der offizielle Empfang bereitet. Dann stehen die bilateralen Gesprächsrunden sowie ein Besuch einer Gedenkstätte an dem Ort an, an dem einst der Nationalheld Mahatma Gandhi eingeäschert worden war. Der Aufenthalt endet mit einem Staatsbankett auf Einladung der Präsidentin Droupadi Murmu. Zuletzt war Putin im Dezember 2021 zu Gast beim BRICS-Partner Indien gewesen, zweieinhalb Monate vor dem Überfall auf die Ukraine. Mit dem neuen Besuch in Indien dürfte Putin ein weiteres Zeichen insbesondere an die Adresse der amerikanischen Regierung senden wollen: dass er nicht auf ein Friedensabkommen in seinem Angriffskrieg oder auf einen abermaligen Neustart mit Washington angewiesen sei, wenn das nicht zu seinen weitreichenden Bedingungen erfolgt, da er andere mächtige Partner habe. Indische Ölimporte aus Russland könnten deutlich zurückgehen Doch zeichnet sich ab, dass die Sanktionen gegen Russlands zwei größte Ölkonzerne, Rosneft und Lukoil, die US-Präsident Donald Trump im Oktober erlassen hat, Putin mindestens eine Zeit lang schmerzen könnten. Indien, der drittgrößte Ölimporteur der Welt, wurde im Angriffskrieg gegen die Ukraine der größte Abnehmer russischen Öls, das zur See transportiert wird, und insgesamt zum zweitgrößten Käufer russischen Öls nach China. Das russische Öl machte zuletzt knapp 40 Prozent der indischen Öleinfuhren aus, vor dem Überfall von 2022 waren es zweieinhalb Prozent gewesen. Zwar erreichten Indiens Ölimporte aus Russland im November ihren höchsten Stand in fünf Monaten. Das lag aber daran, dass die Raffinerien des Landes ihre Vorräte auffüllten, bevor die von den USA auf den 21. November gesetzte Frist ablief, Geschäfte mit Rosneft und Lukoil zu beenden. Doch seien Händler und Raffinerien mittlerweile bemüht, andere Bezugsquellen zu finden, um Sekundärsanktionen zu vermeiden, berichten Marktteilnehmer. Für Dezember rechnen Analysten mit einem Rückgang der Ölimporte aus Russland um fast die Hälfte. Die dosierte Aufhebung der westlichen Sanktionen ist in den gegenwärtigen Verhandlungen, in denen Trump Putin zu einem Friedensabkommen bewegen will, ein Lockmittel. Sollten sie dennoch Bestand haben und sollte Indien in der Folge wirklich seine Importe russischen Öls dauerhaft deutlich verringern, wäre das ein weiteres Problem für Russland – dessen Wirtschaft ohnehin angeschlagen ist. Dort führen niedrigere Einnahmen aus dem Öl- und Gasgeschäft, die hohen Ausgaben für den Angriffskrieg und ein geringeres Wirtschaftswachstum zu Haushaltsproblemen, denen die Machthaber damit begegnen, zum kommenden Jahr die Mehrwertsteuer zu erhöhen – entgegen anderslautenden Versprechen Putins, an die sein Medienapparat systembedingt nicht erinnern darf. Indien will statt Öl Waffen kaufen Indien wird versuchen, diesen Rückschlag im Verhältnis zu dem traditionellen Partnerland durch mehr Kooperation in Handel und insbesondere mit Waffengeschäften abzufedern. Russland ist traditionell Indiens größter Rüstungsgüterlieferant, wiewohl Indiens Käufe in den vergangenen Jahren laut dem Stockholmer Internationalen Friedensforschungsinstitut (SIPRI) deutlich zurückgegangen sind; im vergangenen Jahr kamen 40 Prozent der indischen Einfuhren aus Russland. Einerseits benötigt Russland viele Waffen selbst, andererseits will Indien seine Abhängigkeit verringern, kauft mehr von amerikanischen und europäischen Herstellern und will die eigene Produktion ausweiten. Doch will Indien mit Russland laut etlichen Medienberichten über den Kauf weiterer Raketensysteme des Typs S-400 reden, die sich nach indischen Angaben im Konflikt mit Pakistan bewährt haben sollen, und solche des neuen Typs S-500 sowie möglicherweise Su-57-Kampfflugzeuge erwerben. Indien wolle bei all dem Trump nicht verärgern und dürfe nicht den Eindruck erwecken, dass die Beziehungen zu Russland auf Kosten der USA gingen, sagt der Politologe Pant. Auf der anderen Seite handele es sich auch um ein Signal an Washington sowie an das heimische Publikum, dass Indien sich Trump entgegenstellen könne. Trump hat zahlreiche indische Waren mit Zöllen von 50 Prozent belegt, wobei davon die Hälfte als Strafzölle für den Kauf russischen Öls erhoben werden. Die Enttäuschung über diesen Schritt sitzt tief in Indien. Indem es Putin den roten Teppich ausbreitet, demonstriere Indien seine „strategische Autonomie“, sagt Pant, „insbesondere gegenüber den USA“. Da der US-Präsident selbst das Gespräch mit Russland sucht, hat Indien von dieser Seite keine Kritik zu befürchten. Trump hat auch schon positiv angemerkt, dass Indien weniger russisches Öl kauft. Somit bleibt es den Europäern überlassen, den Putin-Empfang zu konterkarieren. Der Brief seiner drei Kollegen habe einigen Wirbel ausgelöst, sagte der Botschafter der EU in Indien, Hervé Delphin, am Mittwoch auf einer außenpolitischen Konferenz in Neu Delhi. So sehr Europa und Indien strategisch miteinander konvergierten, gebe es eben doch einige Unterschiede. Europa würde aber nie etwas tun, das die Kernsicherheitsinteressen Indiens verletze. „Wir können erwarten, dass Indien gegenüber Europa dasselbe tut“, so der Diplomat.
