Man trägt Petticoat-Röckchen mit Herzmuster, gestreifte Muskel-Shirts und Hawaiihemden. Es gibt Zuckerwatte auf die Hand und einen Orangensaftstand. Plastikstühle und Strandliegen wurden aufgebaut, das große Foto auf der Empore zeigt den Stadtstrand von Tel Aviv, im Foyer kann man sich noch schnell schminken lassen. Und an der Fotowand mit den Filmplakaten stehen die Partygäste Schlange. Selfies werden dort geschossen, vor den Postern mit den jugendlichen Gesichtern von Zachi Noy, Yftach Katzur und Jonathan Sagall. Die jüdische Gemeinde in Frankfurt feiert eine Purim-Party, als Motto für das Fest wurde die Kinoreihe „Eis am Stiel“ (im Original „Eskimo Limon“) ausgewählt. Zwischen 1978 und 1988 sind acht Filme für die Reihe, die im Tel Aviv der Fünfzigerjahre spielt, gedreht worden. Die israelischen Jugenddarsteller Noy, Katzur und Sagall treten darin als dauererregte Teenager auf, in deren Kopf für anderes als die Hoffnung auf sexuelle Abenteuer kaum Platz ist. Flacher Humor und Sexismus: „Eis am Stiel“ ist trotzdem Kult Wer die erfolgreichen Filme heute noch einmal schaut, ist irritiert über die plump-sexistischen Sprüche und den flachen Humor, die sie dominieren – seinen Kult-Status hat „Eis am Stiel“ aber trotzdem nicht verloren. Und für eine Feier in schrägen Kostümen und mit jeder Menge alter Pop-Hits eignet sich die Teenager-Klamotte tatsächlich trefflich. Passend ist sie aber auch, weil „Eis am Stiel“ mit dem zweiten Film „Feste Freundin“ eine deutsch-israelische Produktion wurde. Ausgerechnet ein Softporno wurde so zum Brückenschlag zwischen jüdischem Staat und Tätervolk. Das Fest am Samstagabend ist bereits die dritte Purim-Party, die im Ignatz-Bubis-Gemeindezentrum gefeiert wird, davor gab es außerdem eine Ausgabe im Jüdischen Museum. Gut 600 Gäste feiern diesmal im Festsaal der Gemeinde. Sie kommen nicht nur aus Frankfurt, sondern „auch aus Köln, Berlin und Hamburg“, erzählt Benjamin Graumann, der Vorstandsvorsitzende der Gemeinde, der an diesem Abend eine Elvis-Tollen-Perücke und ein knallbuntes Flower-Power-Hemd trägt. Purim gilt als „jüdischer Karneval“ Purim wird oft als „jüdischer Karneval“ bezeichnet: weil Kinder, aber auch einige Erwachsene sich dann verkleiden, weil viel Alkohol getrunken und viel Süßes gegessen wird, weil der Feiertag zu einer ähnlichen Zeit wie Fastnacht begangen wird. Der Hintergrund des Festes ist jedoch alles andere als fröhlich. An Purim wird an die knappe Rettung der Juden vor der Vernichtung durch die Perser erinnert. Haman, ein Regierungsbeamter des persischen Königs und eifernder Judenhasser, hatte per Los einen Tag ausgewählt, an dem er alle Juden im Reich töten lassen wollte. Der Rabbiner Mordechai schickte daraufhin seine Cousine Esther zum Perserkönig. Mit Geschick konnte sie den Herrscher umstimmen. Die Juden wehrten sich gegen die drohende Ermordung und wurden gerettet. Ihr Widersacher Haman wurde getötet. Das Purim-Fest in der Frankfurter Gemeinde läuft kaum länger als eine halbe Stunde, da ist die Tanzfläche schon rappelvoll. Ein DJ spielt bekannte Hits von Bill Haley, Little Richard und Chubby Checker. Bald darauf kommen einige Sänger zu ihm auf die Bühne. Auch sie haben einige Rock-’n’-Roll-Stücke im Repertoire, wechseln aber bald über zu Achtziger-Hits und israelischem Pop. Noch ein bisschen später wird der amerikanische Rapper Kosha Dillz zu ihnen stoßen. Er trägt kein „Eis am Stiel“-Outfit, sondern tritt in bayerischer Lederhose und mit übergroßer Pelzmütze auf die Bühne. Die Menge feuert er mit „Jump around, jump around“-Rufen an. Die Tanzenden gehen auf diese Aufforderung gerne ein – die Nacht ist ja schließlich noch jung.
