FAZ 17.02.2026
14:13 Uhr

Punk-Nostalgie: Soll ich den Butler bitten, mir ins Gesicht zu schlagen?


Ist Punk im Jubiläumsjahr 2026 endgültig erledigt? Das fragt sich unser Autor in einer Hotelsuite in London. Vor fünfzig Jahren war sie der Proberaum der Sex Pistols.

Punk-Nostalgie: Soll ich den Butler bitten, mir ins Gesicht zu schlagen?

Ein Traum ist wahr geworden. Doch will ich jetzt nicht träumen, das wäre der Albtraum. Ich liege im Bett. In einem übergroßen, tiefen, weichen Luxusbett, das mit obszöner Selbstverständlichkeit dort steht, wo früher Verstärker brummten, Kabel knisterten und eine Band probte, die nie für ein Luxusbettenpublikum spielte. Ich liege im ehemaligen Proberaum der Sex Pistols, der berühmtesten Punkband der Geschichte. Am Ziel meiner Träume. Oben, im Wohnzimmer, sind die Graffitis, die diese Suite zum historischen Denkmal machen. Doch selbst hier un­ten spüre ich ihre atmosphärische Rückstrahlung. Als wären diese konservierten Kritzeleien über Jahrzehnte hinweg in den Raum eingesickert. Grobe Linien, häss­liche Fratzen, von Johnny Rotten mit Filzstift auf die nackte Wand gebannt. Ein rattenverseuchtes Hinterhaus wird zur Luxusabsteige Als die Zeichnungen vor Jahren in dem unscheinbaren Hinterhofhäuschen entdeckt wurden, ging die Meldung um die Welt: acht Karikaturen in einem rattenverseuchten Hinterhaus von Soho. Über drei Wände hinweg ziehen sich die Comic-Krakeleien des ehemaligen Sex-Pistols-Sängers wie ein unruhiger Gedankengang. Er zeichnete sich selbst als „rotten bastard“ mit fauligen Zähnen, den Gitarristen Steve Jones als „Fatty Jones“, den heroinabhängigen Bassisten Sid Vi­cious als spillrigen Landschaftsstrich und dessen Freundin Nancy Spungen als „Nanny Spunger“. Johnny Rotten hat hier gesungen, gespuckt und geschrien, gezetert und gezeichnet; und dabei intensiv an seiner Verachtung für alles gearbeitet, was alt oder etabliert war. Und ich – ein Mann, der inzwischen orthopädische Einlagen und eine Gleitsichtbrille trägt – darf nun hier schlafen. Schlafen? Ich liege im Bett und starre an die Decke. Ich habe das Ziel meiner pubertären Sehnsüchte erreicht, einschlafen darf ich jetzt auf keinen Fall. Das wäre Verrat. Jede weggeratzte Minute verschenktes Geld. Die Suite kostet knapp siebenhundert Euro, eine verschlafene Stunde würde dreißig Euro verbrennen. Dafür müssen ein Straßenpunk und sein Hund lange betteln. Wer hier einschläft, hat den Punk nicht ver­standen. Soll ich den Butler bitten, mir ins Gesicht zu schlagen? Damit ich wach bleibe? Beim Einchecken an der Rezeption wurde er mir vorgestellt: mein persönlicher Butler! Das Wort allein hätte 1976 gereicht, um Johnny Rotten einen weiteren Filzstift aus der Tasche ziehen zu lassen. Der Butler trug weiße Handschuhe und einen Steampunk-Draculamantel mit Stehkragen. Er bot mir an, ihm zu folgen. Wir gingen hinaus auf die Denmark Street. Zwischen den futuristischen Glitzerbauten der Umgebung duckten sich kleine viktorianische Häuschen, fast jedes davon ein Gitarrengeschäft. Obwohl nur kurz und klein, gerade mal hundert Meter lang, sei sie doch die wichtigste Straße der Rockgeschichte, sagte der Butler. In den Sechzigern war Swinging London die Welthauptstadt des Pop, und die Denmark Street ihre pochende Hauptschlagader. Alle wichtigen britischen Musikverlage hätten hier ihren Sitz gehabt, sagte der Butler, in der Redaktion des „New Musical Express“ wurden 1952 die ersten Single-Charts Europas zusammengestellt, in den Regent Sounds Studios im Haus Nr. 4 nahmen die Rolling Stones ihr erstes Album auf. Hier schrieb Elton John Songs und David Bowie parkte sein Wohnmobil. Und im Jahr 1975, meinte der Butler, als wir das Sträßchen überquerten, mie­tete ein alerter Musikmanager namens Malcolm McLaren, Partner der noch unbekannten Modedesignerin Vivienne Westwood, ein heruntergekommenes Hintergebäude in der Denmark Street als möglichen Proberaum für ein Band­projekt, das er starten wollte. Heute habe sein, des Butlers, Themenhotel etliche Etagen und Appartements in dieser Straße übernommen und in Erlebnishotelzimmer verwandelt, ergänzte der Bedienstete und öffnete die Haustüre zur Nr. 6. Ich folgte ihm durch einen dunklen Gang, dann standen wir in einem pri­vaten Hinterhöfchen vor dem zweistöckigen Bau, der die Sex-Pistols-Spezialsuite beherbergte. Die „Maxibar“ enthält eine gewaltige Schnapsflaschenbatterie Er öffnete die Tür, überreichte mir violette Samthausschuhe mit Goldsti­cke­­reien und erklärte mir sämtliche Features der Suite mit einer Sorgfalt, als würde er ein Museum übergeben. Vorhänge und Lederbezüge der Bettrollen seien von Vivienne Westwood entworfen, an der Wand hing eine weiße E-Gitarre, eine Gibson Les Paul, wie sie Steve Jones immer gespielt hatte, der mangels eigener Wohnung gleich hier im Proberaum wohnte. In einem Bilderrahmen war eine Zeitung drapiert, ein extrem rarer Sonderdruck einer Sex-Pistols-Pos­tille. Ich erkannte sie sofort, denn ich hatte das Original in meiner Reisetasche dabei. Man erhielt sie 1980 beim Kauf des letzten Pistols-Albums „The Great Rock ’n’ Roll Swindle“ gratis dazu. Wir stiegen die Treppe empor und betraten den kleinen Wohnraum mit Sofa, Ledertruhentisch und „Maxibar“, wie der Butler verschwörerisch lächelnd andeu­tete, als er auf die gewaltige Schnaps­flaschenbatterie hinwies. Und auf die Graffitis! Rottens gegammelte Werke. Sie waren durch Plexiglasscheiben geschützt, konservatorisch perfekt hinterlüftet und in der museumstypisch fahlen 15-Watt-Beleuchtung gerade noch zu erkennen. Wie ein Süchtiger sog ich alle Bildpixel in mich auf. Das Bett ist immer noch phantastisch. Um nicht einzuschlafen, greife ich zum Handy, scrolle durch Instagram und ­sehe alte Schwarz-Weiß-Fotos aus den Sieb­zigerjahren: Steve Jones kauert frierend vor einem kleinen Heizlüfter. ­Genau hier, in meinem Hotelzimmer. Die Pistols lümmeln auf dem Boden und geben In­terviews. Alles in meiner Suite. Ich blättere in Steve Jones’ Auto­biographie „Lonely Boy. Tales from a Sex Pistol“ und lese: „Ich liebte es, in der Denmark Street zu wohnen. Wahrscheinlich war das von allen meinen Domizilen sogar meine Lieblingsadresse.“ Jones, der Mann mit den messerscharfen Gitarrenriffs, der seine Powerchords in akustische Angriffswaffen verwandelte. Der Punk den Punch gab. Arbeiter­klassenkampflust in Menschengestalt. Und erfolgreicher Dieb: Schon als Jugend­licher lebte er von seinen Beutezügen. Sein Meisterstück: der Diebstahl von David Bowies Instrumenten und Verstärkern, direkt nach einem Konzert. Jones hatte sich als Roadie ausgegeben. Ist das noch Punk? Oder normales Hotelgastspießertum? Jetzt will ich plötzlich auch was klauen. Aber was? Soll ich nebenan ins Gi­tarrengeschäft gehen und mich umschauen? Ach was, hier hängt ja schon eine Gitarre, die weiße Gibson Les Paul. Aber so eine habe ich ja schon, denn wegen Steve musste auch meine erste E-Gitarre eine Les Paul sein. Ich be­schließe, die violetten Hausschuhe zu klauen. Aber – ist das dann noch Punk? Oder ganz normales Hotelgastspießertum? Auf dem Laptop schaue ich mir eine Folge der Miniserie „Pistol“ an, vor fünf Jahren von Danny Boyle gedreht. Eine junge Laienspielschar simuliert die Geschichte der Sex Pistols. Der winzige Proberaum, in dem ich liege, wird im Film von einer riesigen Industriehalle gespielt. Kokettes Kasperletheater, exklusiv auf Disney+. Disney macht Punk – finde den Fehler. Gedanken wie eine festhängende Platte: Punk ist tot. Nein, Punk ist nicht tot. Er riecht nur komisch. Inzwischen geht er zu einer vernünftigen Uhrzeit ins Bett und ist als Designkonzept schon zum hundertsten Mal durch den Mainstreamfleischwolf gedreht worden. Was soll’s, denke ich, Punk war sowieso nie für die Ewigkeit gedacht. Er war Notwehr. Mitte der Siebziger steckte Großbritannien in der Krise: Arbeitslosigkeit, Streiks, Müllberge, und punk bedeutete so viel wie Müll oder Abschaum. So fühlten sich viele Jugendliche. No future war keine Pose, sondern Diagnose. Da reichten schon drei Akkorde, um sich lebendig zu fühlen. Das fand, ein paar Ländergrenzen weiter, ein Gutbürgerkind meines Namens und meines Aussehens aufregend und geheimnisvoll. Ich lag in meiner Heranwichsenden-Kemenate in der schwäbischen Provinz, lauschte dem Punksampler „Soundtracks zum Untergang“ auf meinem Dual-Plattenspieler, betrachtete die vielen Sex-Pistols-Poster an den dachschrägen Wänden, und legte dann wieder meine Lieblingsplatte auf: „Never mind the bollocks – here’s the Sex Pistols“. Die Mutter aller Punk-LPs. Jugenderinnerungen an drei Tage London für 99 Mark Jetzt liege ich in der Pistols-Suite und trage mein altes Pistols-Shirt, das ich mir 1980 auf meinem historischen Ausflug nach London gekauft habe. In die Hauptstadt der Bewegung fuhr ich, wie es sich für Jungpunks gehört, im Reisebus. Mit meinem Vater. Drei Tage London für 99 Mark – ein absolutes Killerangebot, das kein Schwabe ausschlagen konnte. Die Nächte verbrachte man aus Kostengründen im Bus und auf der ­Fähre, in den Pubs lagen noch Sägespäne auf dem Boden. Ich war außer mir vor Aufregung. In der Carnaby Street erwarb ich dringend benötigten Punkbedarf: Platten, Shirts, Killernieten, eine Leopardenfellhose und karottenrote Haarfarbe. Für drei Pfund ließ ich ein Sex-Pistols-Logo auf meine Jacke bügeln. Dann machte ich mich auf, den Spuren der Pistols zu folgen. Ich hatte irgendwas von einem „Chelsea Hotel“ gehört, in dem Sid Vicious im Drogenrausch seine Freundin Nancy Spungen umgebracht haben soll. Da musste ich hin! Da es in London den Stadtteil Chelsea gab, vermutete ich dort auch das Hotel. Ich wusste nicht, dass es in New York stand. Die Recherche scheiterte bereits im Bus, weil der Schaffner, der damals noch hinten, auf der offenen Plattform der Doppeldeckerbusse, stand, mit meiner Aussprache des Wortes Chelsea („Kell-se-a“) nichts anfangen konnte. Trotz dieser empfindlichen Niederlage habe ich die Jagd nach meinen Idolen nie aufgegeben. Unruhig wälze ich mich im Bett. Nie war ich den Pistols näher – und gleichzeitig ferner. Ich rechne nach: Wenn ich heute diese fünfzig Jahre alte Musik ­höre, dann bin ich ja genauso wie die Erwachsenen zu meiner Jugendzeit, die sich – für mich damals unverständlich und grotesk – im Fernsehen von Anneliese Rothenberger grässliche Operettenschlager und „Evergreens“ von den Comedian Harmonists servieren ließen. Musik, die zu dieser Zeit auch fünfzig Jahre alt war. Punk war mein Protest. Jetzt ist er mein Evergreen. Eine niederschmetternde Erkenntnis. In dieser Suite. Der Ort des ersten Gigs ist gleich um die Ecke Ich brauche Luft, ich muss raus. Stolpere hinaus auf die Denmark Street – und pralle gegen einen bulligen Mann in Camouflage-Shorts, mit Sonnenbrille und Pork-Pie-Hat. In der Hand hält er Fotos – von meiner Suite! Der Typ heißt Aidan und führt gerade Touristen auf seiner „Original Soho Punk Rock Tour“ durchs Viertel. In diesem Hinterhof, erklärt er seinem Publikum, hätten die Pistols damals geprobt, heute sei das aber eine Luxusabsteige, in der reiche twats und wankers logierten. Aidan verfügt über ei­nen unerschöpflichen Vorrat an Four-letter words und lässt sie gekonnt in seinen Vortrag einfließen. Ich gehe ein Stück mit. Gleich um die Ecke, in der Charing Cross Road, residiert noch heute die St. Martin’s School of Art, wo die Pistols vor zwanzig Leuten ihren ersten Gig spielten. Bis ihnen ein fucker den Stecker zog. Weiter geht’s zum Cambridge Pub, wo die Band nach ihren ersten Gigs Bier zu verzehren pflegte. Heute werde der Laden indes von cunts betrieben, vom Besuch rät Aidan ab. Ich verziehe mich wieder in mein Bett. Um mich weiter gegen den Schlaf zu wappnen, schaue ich mir auf Youtube den Vortrag eines Professors der Universität York an. Er spricht über meine Suite. Ein Archäologe! Professor Dr. Schofield erklärt, warum diese Graffitis da oben so bedeutend seien. In der Al­tertumsforschung gehe es „um Orte und Epochen – und die Beziehung von Menschen zu Orten.“ Er vergleicht Rottens Kritzeleien mit den Höhlenmalereien von Lascaux: Wie die jungpaläolithischen Bilder in der Dordogne erzählten diese Wände von einer Kultur, die nie für die Nachwelt gedacht war. Die niemand konservieren wollte. Und die gerade deshalb so viel über ihre Zeit verrate. Punk war wichtig, prägend, revolu­tionär – aber arm. Die Künstler lebten in besetzten Häusern, ohne feste Adressen. Es gebe keine Bauwerke, keine Monumente, keine Pyramiden. Und gerade habe man in Australien „versehentlich“ das Elternhaus der Gebrüder Young abgerissen, der Gründer von AC/DC. Der Geburtsort des bekanntesten Exportprodukts des Kontinents war nun Geschichte, beseitigt mit einem Bagger. Was wüssten wir, fragt der Professor, von den Ägyptern, wenn sie der Nachwelt nur ein paar Wand­kritzeleien in einem Hinterhaus von Theben hinterlassen hätten? Genau deshalb, sagt der Professor, sei dieses Haus in der Denmark Street so wichtig. Hier wurde nicht nur gelebt, geprobt und gekritzelt – hier wurde Musik gemacht. Das erste Demotape der Pistols wurde in diesem Raum aufgenommen, hier entstanden frühe Versionen ihrer Klassiker „Anarchy in the UK“ und „Pretty Vacant“. Auf Spotify könne man heute anhören, was dort vor einem halben Jahrhundert entstand. Was Abbey Road für die Beatles, das sei Denmark Street für den Punk. Erschöpft sinke ich in die Federn. Ich fühle mich bleischwer, ein mumifizierter Evergreen. Nichts lässt einen älter werden als der Moment, in dem die Band der eigenen Jugend zum Fall für Archäologen wird. Ich drehe mich auf die Seite. Das Bett ist weich. Sehrend sanft und schlummerweich. Ich schließe die Augen, sinke in Morpheus’ Arme. Für immer. Wie alle anderen. Punk ist tot, und ich bin es wohl auch bald, mit Butler, Maxibar und Hausschuhen. Vielleicht hat Punk sogar nie richtig gelebt. Nur ein einziges Mal, ganz kurz. In diesem kleinen Augenblick, als Johnny Rotten ein paar Cartoons an die Wände der Denmark Street malte.