FAZ 25.01.2026
18:04 Uhr

„Publikumsbeschimpfung“: So war das bestimmt nicht gemeint


Der Fliegenpilz in Reihe 11 beschwert sich: Peter Handkes „Publikumsbeschimpfung“ wird im Schauspiel Frankfurt unter der Regie von Claudia Bauer zu einem Musical mit Witz und höherer Bedeutung.

„Publikumsbeschimpfung“: So war das bestimmt nicht gemeint

Er wollte dem Theater den Garaus machen. Sagte er in seinem Theaterstück, das er ein „Sprechstück“ nannte. Denn es sollte darin nicht Theater gespielt werden und überhaupt nichts so sein, wie es vom Theater erwartet wurde. Und also dementierten die vier Sprecher in Peter Handkes „Publikumsbeschimpfung“ von 1966 von der Bühne herab alles, was seit Aristoteles, also zweieinhalbtausend Jahre lang, über das Schauspiel gesagt worden war. Handkes Sprecher verneinten jegliche Handlung, dementierten die Existenz von Rollen und das Spiel, bestritten, dass es einen Unterschied zwischen Bühne und Publikum gebe, sie lehnten ab, irgendetwas im Stück verweise auf eine Wirklichkeit außerhalb des Stücks. Es gebe keine Bedeutung und nichts, was über das Gesagte hinausweise. Der Titel „Publikumsbeschimpfung“ führte insofern leicht in die Irre. Handke lehnte vielmehr ab, was er für die Verflechtung des Theaters mit Kitsch, falschem Pathos und billigem Selbstlob hielt. Es ekelte ihn vor den Selbstbeschreibungen der Bühnenkunst, zum Beispiel vor Worten wie „Bühnenkunst“. Die Sprecher in seinem Stück ließ er endlos Sentenzen aufsagen: Es werde hier nichts vorgetäuscht, die Bühne habe keine Hintertüren und wenn sie keine habe, verweise das auch nicht auf die Abwesenheit von Hintertüren. Standardwissen der Regieklassen Sechzig Jahre nach der Uraufführung der „Publikumsbeschimpfung“ im Frankfurter „Theater am Turm“ durch Claus Peymann ist sie unter der Regie von Claudia Bauer jetzt erneut in Frankfurt aufgeführt worden. In diesen sechzig Jahren ist die Haltung von Handkes Stück zum Standardwissen der Regieklassen aller Länder geworden. Fast niemand glaubt dort mehr an das Theater, das er attackierte, das Theater der Illusion und tieferen Bedeutung, der Nachahmung von Wirklichkeit und des Ausspielens von Handlungen. Handkes Sentenzen sind längst im postdramatischen Proseminar angekommen. Niemand würde sich mehr über sie aufregen. Es wäre dennoch verwegen zu behaupten, aus Handkes Vorhaltungen habe das Theater Konsequenzen gezogen, sich an ihm ein Beispiel genommen. Dort, wo es gelingt, kann es vom Spiel, Schein und Handlung nicht lassen. Das lässt sich an Claudia Bauers Inszenierung ablesen. Denn sie überführt, was 1966 die Einrede eines teils ernsten, teils effektbewussten Autors gegen das Theater der Illusionen war, in ein Musical. Nicht vier, sondern sechs Schauspieler singen Handkes Text, tanzen und schreiten dazu so, dass Pina Bausch eine Freude daran gehabt hätte, dirigiert von Salome Niedecken zur fabelhaften Live-Musik von Peer Baierlein. EIn durchgängig komischer Effekt Der Protest gegen Rollen wird durch lustige Kostüme außer Kraft gesetzt, der Protest gegen die Bühne durch ein Puppentheater und Sprecher in Prinz-Eisenherz-Perücken und Pluderhosen, die überdeutlich auf Shakespeares Spiel im Spiel anspielen. Es wird nicht mehr gespielt? Es wird wie verrückt gespielt. Die Schauspieler protestieren ständig gegen etwas, das sie gerade virtuos betreiben. Ihre Redensarten passen nicht zu ihrem Tun. Das Pathos kommt dadurch auf Handkes Sprüchen zu liegen, und es entsteht ein durchgängig komischer Effekt. Alles beginnt, nachdem sich der güldene Vorhang gehoben hat, auf den Handkes Regieanweisungen projiziert worden waren, mit der Einübung des Sextetts in das Schimpfen. „Rotzlecker!“ wiederholen sie minutenlang, zunächst schwer verständlich im Hinterraum der Bühne, in rhythmischen Variationen, unterschiedlicher Lautstärke und Tonlage, mal wie ein Protestwort, ein Kindervers oder wie aus der heiligen Messe. Wie unwillkürlich bewegt sich die Gruppe dabei schrittweise auf den Bühnenrand zu, und bald werden einzelne ihrer Mitglieder ermahnt, sich doch nicht dem Publikum zuzuwenden, denn darum soll es ja gehen: nicht fürs Publikum dazusein. Lotte Schubert: wunderbar zornig-süß „Ihr seid das Thema“ wird dem Publikum erklärt, als es dann doch wahrgenommen wird. Aus allen Richtungen der Stadt sei es zusammengekommen, um im Theater gemeinsam Zeit zu verbringen und eine Einheit mit gleicher Blickrichtung auf die Bühne zu bilden, sogar mit gleicher Atmung. Ein Muster. Handkes Sätze gehen fast enervierend und wie in Vorwegnahme von Minimal Music auf jegliches Element der kommunikativen Situation ein, in der sich die Schauspieler befinden. Das steigert sich in Frankfurt bis zur Szene, in der die Schauspieler ihrerseits in einer Zuschauerreihe auf der Bühne sitzen und nölen, der Funke springe gar nicht über. Surreal sind sie von Patricia Talacko kostümiert und so komisch, wie sie den ganzen Abend über sind: die wunderbar zornig-süße Lotte Schubert mit einem Fliegenpilz als Hut, die fabelhafte Sängerin Katharina Linder als Tambourmajor mit Rattenschwanz, Torsten Flassig, der fast ins Publikum fällt vor Begeisterung über seine Sätze, im Skelettanzug. Wie auf der Bühne alles zum Spiel wird Auch eine Artischocke, einen Mann in Kettenhemd und Fellmütze und einem mit Hosenträgern im Tutu gibt es noch: Anna Kubin, Sebastian Kuschmann und Andreas Vögler. Der Gang durch den Fundus muss vergnüglich gewesen sein, das Ergebnis wirkt wie der Versuch, einen ganzen Abend lang jede denkbare Rollenausstattung auf die Bühne Andreas Auerbachs zu bringen. Wir sehen Trockeneisnebel, während gegen Nebel protestiert wird, der Vorhang fällt noch einmal, Video wird eingesetzt, außerdem maskierte Harlekine, die Gespenster spielen, sechs Hamlets, und eine Abendgesellschaft in Frack und Glitzerkleid, die zum Schluss das Publikum dann doch noch beschimpft. Das ist der Teil des Stückes, der am schlechtesten gealtert ist und wie pflichtschuldig absolviert wirkt. Vielleicht, weil Claudia Bauer zum ihm nicht viel eingefallen ist. Wohl mehr aber, weil ihr zuvor so viel eingefallen ist und einfach kein Kaninchen mehr im Hut war, als der Titel des Stückes begründet werden musste. Die neunzig Minuten ohne Pause, denn wichtiger sind „die Pausen zwischen den Worten“, vergehen wie im Flug. Aus dem Theaterseminar ist der Witz geworden, den Zeitgenossen in Handkes Stück gleich wahrnahmen. In Frankfurt kann man ihn jetzt von einem hinreißenden Ensemble vorgetragen sehen, das zeigt, wie auf der Bühne alles zum Spiel wird, selbst Sätze, die das dementieren. Humorlose könnten es Dialektik nennen.