Während der Corona-Pandemie stiegen Angsterkrankungen, Depressionen und Essstörungen unter weiblichen Teenagern, aber auch Adipositas unter älteren männlichen Jugendlichen drastisch an. Jahre nach der Pandemie hat sich die Lage nicht wesentlich verbessert. Laut der repräsentativen Längsschnittstudie COPSY litten 2024 mehr als zwanzig Prozent der 7- bis 22-Jährigen unter psychischen Auffälligkeiten wie Angst, Depression und Einsamkeit. Repräsentativen Umfragen zufolge verschlechtert sich insbesondere das psychische Befinden der Geburtsjahrgänge zwischen 1995 und 2010. Die Umfragen machen deutlich, was die Heranwachsenden bedrückt. In der COPSY-Studie sorgten sich mehr als siebzig Prozent der Befragten über Kriege und Terrorismus, jeweils rund sechzig Prozent über die unsichere Wirtschaftslage und die Klimakrise. Ein Drittel klagte über belastende Informationen aus sozialen Medien, ein Fünftel fühlte sich dort ausgegrenzt und abgewertet. Die weltweiten Versorgungssysteme für mentale Gesundheit sind auf diese Entwicklung schlecht eingestellt. Die „Lancet Psychiatry Commission on Youth Mental Health“ beschrieb sie im Jahr 2024 als „unterfinanziert, inadäquat und ineffizient“. Besonders schlecht stehe es um die Versorgung junger Menschen, obwohl sich frühe Interventionen in jeder Hinsicht auszahlten. „Wir müssen vor die Welle kommen“, sagt Jörg Fegert, Professor für Kinder- und Jugendpsychiatrie am Universitätsklinikum Ulm. Denn psychische Störungen manifestierten sich erstmals im Jugend- oder jungen Erwachsenenalter. Die Versorgung dürfe sich aber nicht auf die medizinische Behandlung beschränken und die Vorsorge vernachlässigen. Diese müsse alle Lebensbereiche junger Menschen einbeziehen: Bildungssystem, Familie, den Übergang in die Arbeitswelt und den digitalen Alltag. Fachleute fassen dies unter den Begriff Public Health. Rigide Vorschriften und Schulschließungen Fegert ist Initiator des Kompetenzzentrums Public Child Mental Health, das seine Klinik gemeinsam mit dem Mannheimer Zentralinstitut für Seelische Gesundheit (ZI) aufbaut. Das Zentrum will Fachleute und Initiativen interdisziplinär vernetzen, Reformen im Versorgungssystem anstoßen und Forschung und Lehre ausbauen. Berufungsverfahren für eine dauerhafte W3-Professur in Ulm und eine Juniorprofessur in Mannheim haben begonnen. Das Kompetenzzentrum arbeitet überregional und wird vom baden-württembergischen Wissenschaftsministerium gefördert. Zu seinen Zielen gehört es, die Politik in akuten Krisen zügig und fundiert zu beraten. Eine Wiederholung der schleppenden und teils kontraproduktiven Krisenmaßnahmen der Pandemie sollen künftig verhindert werden. Reviews europäischer Studien hatten ergeben, dass rigide Vorschriften und Schulschließungen mit einem Anstieg von Angsterkrankungen und Depressionen unter Heranwachsenden korrelierten. Die Handlungsfähigkeit stärken Auch Reformbedarf soll das Kompetenzzentrum ermitteln. Fegert fordert etwa, Prävention in der Sozialgesetzgebung neu zu definieren. Man brauche eine Prävention, die individuelle Vorbelastungen, geschlechtsspezifische Entwicklungen und sensible Entwicklungsphasen stärker berücksichtige. Bei bekannten Risikogruppen seien frühe Interventionen politisch notwendig. Der Wissenschaftler plädiert dafür, Kinderrechte als Aufgabe von Staat und Gesellschaft zu begreifen. „Wir müssen die Handlungskompetenz junger Menschen erweitern“, sagt Tobias Banaschewski, stellvertretender Direktor des Mannheimer ZI und Mitinitiator des Kompetenzzentrums. Dem Professor für Kinder- und Jugendpsychiatrie greifen deterministische Erklärungen zu kurz. Die menschliche Entwicklung sei von Veranlagung, Sozialisation und Umwelt beeinflusst, könne von Erkrankungen aber eingeschränkt werden. „Doch der Mensch ist ein aktives Subjekt.“ Dies sei auch beim Blick auf die weitgehend unregulierte Digitalsphäre zu beachten. Die Risiken der Digitalisierung sind für Heranwachsende groß. Sie betreffen Cybermobbing, Cybergrooming und Desinformation. Soziale Medien haben oft negative Folgen auf Körperbild und Selbstwertgefühl. Problematisch ist auch die frühe Konfrontation mit Pornographie. Dazu kommen die unabsehbaren Folgen von Künstlicher Intelligenz auf Lernen und Wissen. In seinem Buch „Generation Angst“ beschreibt der amerikanische Sozialpsychologe Jonathan Haidt die Gefährdung, die von der Dauerbegleitung durch Smartphones auf sensible Entwicklungsphasen in der Adoleszenz ausgeht. Das Driften durch körperlose Netzwerke behindere wichtige Reifeprozesse und soziale Erfahrungen wie den direkten Austausch mit Gleichaltrigen, das Erlebnis der Körperlichkeit und die Herausbildung der Fähigkeit, eigene Regeln auszuhandeln und einzuhalten, die eben nicht die Regeln der Plattformen sind. Besonders in vulnerablen Phasen der Pubertät und bei psychischen Problemen suchten Jugendliche Orientierung im Netz, sagt Banaschewski. Man müsse sich die körperliche und geistige Entwicklung als veränderlichen, adaptiven Prozess vorstellen, der von Jugendlichen mitgestaltet wird. Die im Netz weitverbreitete Vorstellung, die jugendliche Identität sei das Resultat einer präexistierenden Disposition, sei deshalb wenig hilfreich. Die Heranwachsenden müssten im professionellen Umgang ermutigt werden, ihre Wünsche und Vorstellungen zu hinterfragen. Erst Reflexion ermögliche, sich von einengenden Zuschreibungen zu befreien. Für Jörg Fegert beginnt das Problem schon damit, dass die digitale Welt in der Gesundheitsförderung bisher nicht einmal definiert werde. Auszubauen seien professionelle Beratungsangebote im Netz wie krisenchat.de, das jungen Menschen per Chat Hilfe anbietet. „Wenn ich wissen will, wie es ihnen geht“, sagt Fegert, „muss ich da hin.“
