FAZ 18.12.2025
15:35 Uhr

Prozess in Erfurt: Der Missbrauch fand oft im Kastenwagen des Lehrers statt, dort gab es ein Bett


Ein Vertrauenslehrer steht in Erfurt vor Gericht, weil er drei Schülerinnen sexuell missbraucht haben soll. Gerüchten um ihn ging offenbar niemand nach – und an der betroffenen Schule gab es noch einen weiteren Fall.

Prozess in Erfurt: Der Missbrauch fand oft im Kastenwagen des Lehrers statt, dort gab es ein Bett

Nikolaus D. war beliebt an dem Gymnasium in Erfurt, an dem er 17 Jahre lang arbeitete. Der Lehrer für Musik und ­katholische ­Religion war Chorleiter, er stellte mit den Schülern über viele Jahre Musicals auf die Beine. „Er hat die Sprache der Jugend gesprochen“, erinnern sich zwei ehemalige Schülerinnen, die am Donnerstagmorgen in der Schlange vor dem Landgericht Erfurt auf Einlass warten. Der Andrang ist groß, es sind rund 100 vor allem junge Menschen ­gekommen, viele von der Schule, in der Nikolaus D. unterrich­tete. Nun steht der 58 Jahre alte Mann vor dem Erfurter Landgericht. Ihm wirft die Staatsanwaltschaft sexuellen Missbrauch von Schutzbefohlenen, also Minderjährigen, vor, und zwar in 69 Fällen, zudem zwei Vergewaltigungen. Die drei Schülerinnen, die demnach betroffen waren, sind zu Beginn der Taten zwischen 15 und 17 Jahren alt gewesen. Eine Jugendliche soll er im Schlaf überwältigt haben Der erste Fall liegt schon mehr als ein Jahrzehnt zurück. Der Lehrer soll die damalige Schülerin, die bei ihm im Chor sang, in mehr als zehn Fällen missbraucht haben, trägt Staatsanwältin Dorothee Ohlen­dorf bei der Verlesung der Anklage vor. Die Taten hätten im Auto und im Wohnhaus des Angeklagten stattgefunden, D. habe Dinge in die Vagina der Schülerin eingeführt und Oralverkehr ausgeübt. Zu einer anderen Schülerin, die ebenfalls im Chor mitwirkte, habe Nikolaus D. wenige Jahre später eine sexuelle Beziehung gepflegt. Der Missbrauch habe unter anderem im Sanitätsraum der Schule und in seinem Wohnhaus stattgefunden. Dort habe der Lehrer die dann schon volljährige Schülerin auch zweimal vergewaltigt. Einmal habe er die schlafende Jugend­liche überwältigt und ihre Gegenwehr ignoriert. Beim anderen Mal habe er mit ihr Geschlechts­verkehr gehabt, obwohl sie geweint habe. Die dritte Schülerin, die als Neben­klägerin erschienen ist, missbrauchte Nikolaus D. laut Anklage in den vergangenen beiden Jahren vielfach, bis zum ­Februar 2025. Der Missbrauch fand oft im Kastenwagen des Lehrers statt, in dem er im hinteren Teil ein Bett installiert hatte. Der Lehrer fuhr mit der Schülerin häufig ins Umland von Erfurt. Er führte Dinge in die Vagina und den Anus der Jugendlichen ein, hatte Oralverkehr und in seinem Wohnhaus auch vaginalen Geschlechtsverkehr, „den ersten Geschlechtsverkehr der Schülerin“, wie die Staatsanwältin sagt. Sexuelle Handlungen fanden demnach auch in der Aula des Gymnasiums und in verschiedenen Räumen der Schule statt. Nicht der einzige Fall an der Schule Nikolaus D. wurde im Juni dieses Jahres verhaftet. Sein Fall kam ans Licht, weil ein anderer Lehrer desselben Gymnasiums kurz zuvor wegen sexuellen Missbrauchs verhaftet worden war. Der 63 Jahre alte Jörg S. wurde im Oktober vom Land­gericht Erfurt zu fünf Jahren und drei Monaten Haft wegen des jahrelangen Missbrauchs einer Schülerin verurteilt. Der Lehrer für Geschichte und Sport gab zu, die Schülerin in 84 Fällen sexuell missbraucht zu haben. Der Missbrauch hatte im Jahr 2016 begonnen und vier Jahre angedauert. Das Mädchen, das in einer schwierigen familiären Situation lebte, suchte damals Halt, der Lehrer nutzte das aus. Er bedrängte die Schülerin im Schulgebäude und auf einer Klassenfahrt, dann nahm er sie mit nach Hause, dort kam es zum Geschlechtsverkehr, als sie 13 Jahre alt war. Das Mädchen wandte sich in dieser ­Lage hilfesuchend an Nikolaus D., der auch Vertrauenslehrer an der Schule war. Doch statt ihr zu helfen, soll D. sie dazu gebracht haben, pornographische Bilder mit ihm zu tauschen. Die missbrauchte Schülerin, die heute 21 Jahre alt ist, soll sich schon 2023 an die Schulleitung gewandt haben, dort aber nichts erreicht haben. Sie erstattete dann Anzeige gegen den ehemaligen Lehrer Jörg S. Er wurde Mitte Juni verhaftet, wenige Tage später nahm die Polizei Nikolaus D. fest, nachdem sie bei einer Durch­suchung Hinweise auf die drei Missbrauchsfälle gefunden hatte. Verteidiger kündigt Teilgeständnis an D. äußert sich am Donnerstag noch nicht zu den Vorwürfen. Der Vorsitzende Richter Holger Pröbstel legt ihm ­nahe, ein Geständnis abzulegen. Das könne sich strafmildernd auswirken und würde den drei betroffenen ehemaligen Schülerinnen die Vernehmung ersparen. Mit einer langjährigen Haftstrafe müsse er aber rechnen. Der Verteidiger von D. kündigt an, dass es in zwei Fällen ein vollumfängliches Geständnis seines Mandanten geben werde und er auch einen Täter-Opfer-Ausgleich anstrebe. Die beiden ihm vorgeworfenen Vergewaltigungen wolle D. aber nicht einräumen. Das könnte mit dem Strafrahmen zu tun haben: Bei sexuellem Missbrauch von Schutzbefohlenen reicht das Strafmaß von drei Monaten bis zu fünf Jahren Haft; bei Vergewaltigung von mindestens zwei Jahren bis zu 15 Jahren Freiheitsentzug. Nikolaus D. will am 15. Januar im Prozess aussagen. Einem möglichen Antrag auf Vernehmung un­ter Ausschluss der Öffentlichkeit gibt Richter Pröbstel am Donnerstag wenig Chancen. Auch den Vorschlag einer Opferschutzorganisation, Minderjährige als Prozessbesucher auszuschließen, lehnt Pröbstel ab. Vielleicht sei es gerade für solche Schülerinnen wichtig, ein solches Verfahren zu erleben, sagt er. Gerüchten um D. ging niemand nach Um Nikolaus D. hatte es in der Schule allerlei Gerüchte gegeben, denen aber offenbar niemand nachging. Der Schulleiter, den der Vorsitzende Richter im ersten Prozess deutlich kritisiert hatte, trat auf Drängen des Schulamtes und des Thüringer Bildungsministeriums zum 1. Dezember zurück – zum Missfallen eines Teils des Kollegiums. Mittlerweile hat eine erfahrene Schulleiterin ei­ner Erfurter Gesamtschule die Leitung des Gymnasiums mitübernommen. Sie soll den Aufarbeitungsprozess moderieren und das Kollegium zusammenhalten. Für Schülerinnen und Schüler, aber auch für Lehrkräfte wird eine psychologische Beratung angeboten, auch in einer anonymen Anlaufstelle außerhalb der Schule. Das Interesse an dem Fall ist groß. Doch das Landgericht verfügt nicht über einen großen Sitzungssaal. Etwa 70 Besucher des Gerichts, vor allem Schülerinnen und Schüler, konnten deshalb am Donnerstag das Verfahren nicht verfolgen.