FAZ 21.11.2025
19:15 Uhr

Prozess gegen Rentner: „Ich glaube, ich habe die Irene getötet“


Ein 83 Jahre alter Mann soll vor drei Jahren seine an Demenz erkrankte Frau getötet haben. Vor dem Frankfurter Landgericht sagt er: „Es vergeht kein Tag, an dem ich mich nicht frage: Was hast du da getan?“

Prozess gegen Rentner: „Ich glaube, ich habe die Irene getötet“

Das Recht, als Angeklagter zu schweigen, nimmt Wilfried B. nicht in Anspruch. „Ja, ich will aussagen“, sagt der 83 Jahre alte Mann ganz zu Beginn des Prozesses am Frankfurter Landgericht. Totschlag wird ihm vorgeworfen. Er habe „getötet, ohne ein Mörder zu sein“, sagt der Staatsanwalt, der die Anklage verliest. Im September 2022 soll B. seine demente Ehefrau getötet haben. Früh am Morgen waren die beiden wach, weil die Frau zur Toilette musste. B. brachte sie dorthin, wollte ihr helfen, das Nachthemd und die Unterhose auszuziehen. Doch die Frau weigerte sich, schrie ihn an: „Lass das!“ Sie presste ihre Fingernägel in den Unterarm des Mannes, der einen heftigen Schmerz spürte. B. soll der Frau dann die Hände um den Hals gelegt und sie gewürgt haben – „den Tod in Kauf nehmend“, sagt der Staatsanwalt. Der Angeklagte bestreitet die Tat nicht. Er schildert den Morgen, seine Verzweiflung, als er bemerkte, dass seine Frau sich nicht mehr regt. Minutenlang saß er danach konsterniert auf der Wohnzimmercouch, dann rief er seine Nichte an: „Ich glaube, ich habe die Irene getötet Der Angeklagte schildert den Alltag mit der dementen Frau Mehr als eine Stunde lang sagt der Angeklagte aus. Er ist als freier Mann ins Gericht gekommen, der gegen ihn bestehende Haftbefehl wurde außer Vollzug gesetzt. B. spricht über seine Kindheit, sein Berufsleben, darüber, wie er seine Frau kennengelernt hat. Er erzählt von Jeffrey, dem Sohn seiner Frau, der an einer Immunschwächekrankheit und später zusätzlich an Epilepsie erkrankt war. Sie hätten sich als Paar intensiv um das Kind gekümmert. B. schildert, wie die Demenz seiner Frau immer weiter fortschritt. Wie sie ihren Schmuck verlegte, wie sie vergaß, wo sie lebte, wie sie immer verwirrter wurde, wie sie „ausgerissen ist“ und er sie in der Siedlung, in der sie seit vielen Jahren wohnten, lange suchen musste. Und er spricht über seine Erschöpfung, dass er nachts kaum mehr Schlaf bekam, weil seine Frau ihn so häufig aufweckte. „Doch meiner Frau zu helfen, das war für mich nie eine Arbeit“, sagt der Angeklagte. „Wenn man jemanden sehr liebt, beinahe 50 Jahre zusammenlebt, dann macht man das gerne. Das war mir nie zu viel.“ Die drei Jahre seit der Tat seien für ihn „sehr schwierig“ gewesen. Es falle ihm schwer, an etwas anderes zu denken. „Es vergeht kein Tag, an dem ich mich nicht frage: Was hast du da getan?“ Dass der Prozess erst jetzt beginnt, habe ihm zugesetzt. „Ich habe mich ständig gefragt: Was kommt da auf mich zu?“ Was die Nichte über das Ehepaar sagt Am ersten Verhandlungstag sagt auch die Nichte aus, die B. nach der Tat verzweifelt angerufen hat. Sie beschreibt das Verhältnis zu ihm als sehr eng. B. und seine Frau seien immer sehr harmonisch miteinander umgegangen, berichtet sie. Um den Angeklagten habe sie sich in der Zeit vor der Tat „große Sorgen“ gemacht. Als überfordert habe sie ihn wahrgenommen, sie hätte sich gewünscht, dass er sich mehr schonen und „auch mal an sich denken“ würde, sagt sie im Zeugenstand. Der Prozess wird nächste Woche fortgesetzt.