FAZ 28.01.2026
17:22 Uhr

Prozess gegen Jacques Tilly: „Man sieht, dass Satire eben doch wirkt und wehtut“


Jacques Tilly ist bekannt für seine Pappmaché-Karikaturen an Karneval, etwa von Wladimir Putin. Nun wird ihm in Moskau der Prozess gemacht. Wie fühlt es sich an, von Russland zum Staatsfeind erklärt zu werden?

Prozess gegen Jacques Tilly: „Man sieht, dass Satire eben doch wirkt und wehtut“

Den Ausschlag für Wladimir Putins Rache gab womöglich die Pappmaché-Figur, die den russischen Herrscher in gestreiftem Häftlingshemd, Handschellen und mit blutbesudelten Händen zeigt. Schon zuvor hatte der Düsseldorfer Künstler Jacques Tilly mehrfach Putin für die Rosenmontagszüge seiner Heimatstadt dargestellt. Mal zeigte Tilly Putin und den kremltreuen Patriarchen Kyrill beim Zungenkuss. Mal schluckte Putin eine Ukraine-Karte, auf der „Erstick dran!!!“ stand. Mal badete der Feldherr in Blut in einer ukrainisch blau-gelb gehaltenen Badewanne. Den Handschellen-Putin baute Tilly im Frühjahr 2024 im Auftrag der Initiative „Freies Russland NRW“, die Moskau als „unerwünschte Organisation“ verfolgt, und brachte die Figur vor das Gebäude des Internationalen Strafgerichtshofs in Den Haag. Denn dessen Chefankläger hatte im März 2023 Anklage gegen Putin und dessen Kinderrechtsbeauftragte, Marija Lwowa-Beljowa, wegen der Deportation ukrainischer Kinder aus den besetzten Gebieten erhoben. Im Dezember sind Karim Khan und acht Richter des Haager Gerichtshofs deshalb in Moskau zu langen Haftstrafen verurteilt worden, allesamt in Abwesenheit. Den Juristen wurden „widerrechtliche Haftbefehle gegen russische Staatsbürger“ vorgeworfen. Verbreitung von „Falschnachrichten“ lautet der Vorwurf Jetzt wird dem 62 Jahre alten Tilly in Abwesenheit einer der Zensurtatbestände zur Last gelegt, die vor bald vier Jahren nach dem Überfall auf die Ukra­ine eingeführt worden sind und die schon zahlreiche Russen in Putins Straflager gebracht haben: „Falschnachrichten“ über die russische Armee verbreitet zu haben, und zwar „aus eigennützigen Motiven und aus politischem Hass“. Dafür sind bis zu zehn Jahre Lagerhaft vorgesehen. Die erste Sitzung in dem Verfahren gegen Tilly war Ende Dezember für Mittwochnachmittag vor einem Moskauer Gericht anberaumt worden. Dabei wurde klar, dass nicht die Haager Figur den formalen Anlass für Tillys Verfolgung geliefert hat, sondern ein Interview: Laut Anklage verbreitete der Künstler in einem Gespräch mit der Deutschen Welle „die falsche Information, dass Russland Verbrechen auf dem Gebiet der Ukraine verübt hat“. Zudem wird ihm vorgeworfen, „Gefühle von Gläubigen beleidigt“ zu haben, und zwar durch eine Darstellung des Patriarchen beim Oralsex mit Putin beim Rosenmontagszug 2024. Tilly glaubte erst an einen Scherz Jacques Tilly, der wegen seiner Rosenmontags-Pappmaché-Figuren weltweit bekannt ist, glaubte erst an einen Scherz, als er Mitte Dezember einen Anruf von „Freies Russland NRW“ bekam, in dem er darauf hingewiesen wurde, dass ein Gerichtsverfahren gegen ihn angestrengt worden sei. Lächerlich sei das, schließlich habe er die russische Armee nie erwähnt, umso öfter den Despoten Putin, sagte Tilly im Dezember. „Wenn die Russen mich anklagen möchten, dann doch bitte wegen Angriffen auf ihren geliebten Präsidenten.“ Und überhaupt sei es keine gute Idee, einen Karnevalisten so kurz vor Rosenmontag zu ärgern. „Da ist uns ein kapitaler Hirsch vor die Flinte gelaufen.“ Das Moskauer Verfahren ist kafkaesk. Persönlich informiert wurde Tilly von den russischen Behörden bisher nicht. Noch immer habe er in der Sache absolut nichts aus Russland gehört. Keinen Brief, keine Vorladung, gar nichts. „Also wirklich Schweigen im Walde. Die russische Justiz ist für mich eine Blackbox“, sagte der Bildhauer am Mittwoch im F.A.Z.-Podcast für Deutschland. „Da wird halt noch nicht mal Rechtsstaatlichkeit simuliert.“ Von einem totalitären Unrechtsstaat zum Staatsfeind erklärt zu werden, sei nicht unbedingt ein Vergnügen, doch habe die Sache zwei Seiten, fügte Tilly an. Denn sie sei auch „amüsant, weil man sieht, dass Satire eben doch wirkt und wehtut“. Welche Motive am Rosenmontag gezeigt werden, bleibt in Düsseldorf traditionell bis kurz vor Beginn des Umzugs geheim. Dass Tilly am 16. Februar als Karnevalist auf das Moskauer Verfahren reagiert und sich Putin auch diesmal auf mindestens einem der traditionell zwölf politischen Tilly-Wagen überlebensgroß karikiert wiederfindet, ist ziemlich wahrscheinlich. Denn von kaum einem Staatsmann hat Tilly so häufig Pappmaché-Skulpturen angefertigt wie vom russischen Präsidenten. Vor 17 Jahren – es war noch gar nicht lange her, dass ein deutscher Kanzler Putin als „lupenreinen Demokraten“ gewürdigt hatte – fuhr der erste Pappmaché-Putin durch Düsseldorf. Tilly thematisierte damals die Morde an regierungskritischen Journalisten in Russland, indem er Putins Antlitz auf dem Griff einer stahlblauen Pistole zeigte, auf deren Lauf „Putins Pressefreiheit“ zu lesen war. Humor ist einer der Anlässe für Repression in Russland Längst ist Humor, auch schwarzer, in Russland einer der zahlreichen Anlässe für Repression. So steht in Moskau gerade der Stand-up-Comedian Artjom Ostanin vor Gericht; ihm wird vorgeworfen, Hass gegen Teilnehmer der „speziellen Militäroperation“, des Angriffskrieges gegen die Ukraine, geschürt und Gefühle von Gläubigen beleidigt zu haben. Gescherzt hatte Ostanin über einen Rollstuhlfahrer, der seine Beine durch eine Mine verloren und ihn in der U-Bahn angefahren habe, sowie über einen Dialog mit Jesus. Vor Gericht berichtete Ostanin am Dienstag, wie ihn Leute des Geheimdiensts KGB nach der Festnahme in Belarus auf dem Weg nach Russland in einem Wald geschlagen, ihm Stromstöße versetzt und seine Dreadlocks abgeschnitten hätten. Bisher fordert die Anklage gegen ihn fünf Jahre und elf Monate Haft. Dank der Abwesenheit droht dem Düsseldorfer Karnevalswagenkünstler Tilly kein solcher Freiheitsentzug. Aber bei den immer häufiger werdenden Verfahren und Verurteilungen gegen Regimekritiker, die in der EU oder in den USA leben, geht es nicht allein darum, dass sich Putins Strafverfolger in ihrem System profilieren. Sondern auch um Einschüchterung über Landesgrenzen hinweg. Russische Staatsbürger, die wegen Kritik am Krieg und an Putin in die Mühlen der Repression geraten, können nicht mehr in die Heimat zurück, ohne Haft zu riskieren, müssen zudem um ihr Eigentum fürchten. Doch sogar im Westen können sie Scherereien mit Banken und womöglich gar mit Behörden bekommen, insofern Letztere Putins Justiz nicht ohnehin als politisch ablehnen.