FAZ 25.11.2025
06:16 Uhr

Prozess gegen „Hammerbande“: Sie zielten stets auf die Köpfe


Sieben mutmaßliche Linksextremisten stehen von diesem Dienstag an in Dresden vor Gericht. Die Anklage: versuchter Mord und brutale Angriffe auf Rechtsextreme.

Prozess gegen „Hammerbande“: Sie zielten stets auf die Köpfe

Es ist der Morgen des 12. Januar 2023 gegen halb neun, als zwei Männer in Erfurt nahe dem Petersberg überfallen werden. Sie sind als Gebäudereiniger auf dem Weg zur Arbeit, als eine Gruppe von vermummten Angreifern sich ihnen von hinten nähert, sie zu Boden wirft und ihnen Dutzende Male mit Fäusten, Schlagstöcken und einem Hammer mit Wucht auf den Kopf schlägt. Eines der Opfer erleidet einen Schädelbasisbruch. Die Lebensgewohnheiten der Männer, zwei frühere Mitglieder der rechtsextremen Kleinstpartei „Neue Stärke“, hatten die Angreifer zuvor ausgespäht. Bei dem Überfall hätten die Täter tödliche Verletzungen „zumindest billigend in Kauf genommen“. So sieht es die Bundesanwaltschaft, die den Angriff als versuchten Mord bewertet. Der Angriff in der thüringischen Landeshauptstadt war typisch für die Taten einer linksextremistischen Gruppierung, die wegen ihres Vorgehens unter dem Namen „Hammerbande“ bekannt wurde. Gegründet wurde sie spätestens Anfang 2018 in Leipzig, viele ihre Mitglieder stammten aus dem thüringischen Jena, einige aus Berlin. Sie spähten ihre Opfer aus der rechtsextremen Szene aus und zielten bei ihren Blitzangriffen mit Hämmern und Schlagwerkzeug nach Möglichkeit auf die Köpfe der Opfer. 132 Verhandlungstage geplant Von Dienstag an werden sich sieben mutmaßliche Linksextremisten, sechs Männer und eine Frau, vor dem Oberlandesgericht Dresden für acht Angriffe auf tatsächliche oder vermeintliche Rechtsextremisten in Deutschland verantworten müssen. Hinzu kommen mehrere Überfälle in Budapest im Februar 2023. Die Bundesanwaltschaft wirft den Angeklagten die Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung und in einem Fall deren Unterstützung vor. Für den Mammutprozess sind 132 Verhandlungstage geplant. Er würde damit noch länger dauern als das Gerichtsverfahren gegen Lina E., die Rädelsführerin der Gruppe, die 2023 nach 98 Tagen Verhandlung zu fünf Jahren und drei Monaten Haft verurteilt wurde. Das Gericht sprach damals von „Selbstjustiz“, die Lina E. und ihre Mittäter gegen politische Gegner verübt hätten. Einer der Angeklagten ist Johann G., Spitzname Gucci. Er soll neben Lina E. die Gruppe geführt haben, Ermittler sehen in ihm sogar den eigentlichen Kopf der „Hammerbande“. Die Bundesanwaltschaft spricht von einer „herausgehobenen Stellung“, die der 32 Jahre alte Mann innegehabt habe. Er habe die Überfälle geplant, Mittäter gezielt angesprochen und in der linken Szene weitere Leute rekrutiert. G. soll bei zahlreichen Angriffen dabei gewesen sein, unter anderem bei jenem in Erfurt. Ihm sowie zwei weiteren Angeklagten wirft die Bundesanwaltschaft versuchten Mord vor. Tarnnamen, Wegwerfhandys und verschlüsselte Kommunikation Gemeinsam mit dem Angeklagten Paul M. soll G. zudem Schulungen für die Gruppe organisiert haben, bei denen Kampftechniken und Szenarien der Angriffe trainiert worden seien. Der gebürtige Brandenburger Thomas J., der im November 2024 festgenommen wurde, soll der Gruppe Kampfsportunterricht erteilt haben. Er ist der Unterstützung der kriminellen Vereinigung angeklagt. Die Mitglieder der Gruppe sollen Tarnnamen, Wegwerfhandys und verschlüsselte Kommunikation genutzt haben. Das präzise geplante und konspirative Vorgehen der „Hammerbande“ hat Ermittler – neben der Brutalität der Angriffe – überrascht. Der mutmaßliche Kopf der Gruppe, Johann G., hatte sich in Leipzig einst für das Studium der evangelischen Theologie und Geschichte eingeschrieben, sich zugleich in der linken Szene im Leipziger Stadtteil Connewitz hervorgetan, etwa Graffiti gegen „Nazis“ gesprüht. Auf die Finger ließ er sich die Worte „Hate Cops“ („Hasse Polizisten“) tätowieren. Anfang 2015 attackierte er eine Teilnehmerin auf einer Kundgebung von Legida, dem Leipziger Ableger der Pegida-Bewegung. Dafür erhielt er eine Jugendstrafe von 14 Monaten. Mit Hammer und Eisenstangen auf die Köpfe der Opfer Ein Überfall, an dem G. beteiligt gewesen sein soll, fand im Oktober 2019 statt. Vermummte stürmten im thüringischen Eisenach eine Kneipe, die von Leon R. geführt wurde, Kopf einer rechtsextremen Kampfsportgruppe, schlugen auf ihn und die Gäste ein. Am Tatort blieben Blutspritzer zurück, die G. zugeordnet wurden. Wenig später wurden Leon R. und drei Begleiter vor seinem Haus abermals attackiert, die Angreifer verwendeten Hämmer und Schlagstöcke. Die Bundesanwaltschaft nennt G. und die Mitangeklagten Tobias E., Paul M. und Julian W. als Täter. G. und der Mitangeklagte Tobias E. sollen zudem Anfang 2019 vier Personen aus der rechten Szene auf dem Bahnhof in Dessau-Roßlau überfallen haben. Die Angreifer schlugen mit einem Hammer und mit Eisenstangen auf die Köpfe der Männer ein. Im Jahr 2021 fanden Ermittler in Leipzig-Connewitz auf einem Dachboden das „Tatmitteldepot“ der Gruppierung. Dort entdeckten sie rund zwanzig Hämmer verschiedener Größe, Schlagstöcke, Sturmhauben, Pfefferspray, Mobiltelefone und SIM-Karten. Der Angeklagte Paul M. soll sich um die Ausstattung des Depots gekümmert haben. Ein Kronzeuge erhält Strafrabatt Der Chef der Gruppe, Johann G., verschwand im Sommer 2020. Er wurde im Ausland vermutet, unter anderem in Thailand. Nach ihm wurde gefahndet, eine Belohnung von 10.000 Euro für seine Ergreifung ausgesetzt. Doch G. kam offenbar schon bald zurück, konnte sich in Berlin verstecken. Über eine Begleiterin sollen die Ermittler im Herbst 2024 in München auf ihn aufmerksam geworden sein. Im Regionalzug von Erfurt nach Gera nahmen ihn sächsische Polizisten im November 2024 fest. Wie schon im Verfahren gegen Lina E. stützt sich die Bundesanwaltschaft in Teilen auf die Aussagen eines Kronzeugen: Johannes D. Er gehörte früher selbst zur linksradikalen Szene, schied aber 2021 aus, nachdem ihm im Internet linke Aktivistinnen sexuelle Übergriffe vorgeworfen hatten. Verfassungsschützer machten ihn in seinem neuen Wohnort Warschau ausfindig und konnten ihn im Frühjahr 2022 davon überzeugen, im Prozess gegen Lina E. gegen die Gruppe auszusagen. D. erhielt dafür einen Strafrabatt, in einem gesonderten Verfahren wurde er zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. Es ist davon auszugehen, dass die Anwälte der Angeklagten die Zuverlässigkeit seiner Aussagen in Zweifel ziehen. Bezweifeln wird die Verteidigung wahrscheinlich auch die Aussagekraft eines 3D-Modells. Es hat den Bewegungsapparat von G. mit Personen abgeglichen, die auf Zeugenvideos von der Tat in Erfurt zu sehen sind. Schülerinnen einer nahen Berufsschule hatten mit ihren Handys einen Teil des Überfalls gefilmt. Angriffe in Budapest Nach der Untersuchung, die der Forensiker Dirk Labudde von der Hochschule Mittweida vornahm, ist es „äußerst wahrscheinlich“, dass G. auf den Videos zu sehen ist. Die Methode ist umstritten, wurde unter anderem aber auch schon im Verfahren gegen Hanna S. vor dem Oberlandesgericht München angewendet, die im September für Gewalttaten der Gruppe in Budapest zu fünf Jahren Haft verurteilt worden ist. Viele Mitglieder der Gruppe waren im Februar 2023 in die ungarische Hauptstadt gereist. Anlass war das jährliche internationale Treffen von Rechtsextremisten, der sogenannte Tag der Ehre. Die Gruppe griff dort in unterschiedlichen Konstellationen mehrfach tatsächliche oder vermeintliche Teilnehmer des Marsches mit Schlagstöcken und Hämmern an. Auch als ein Mann schon bewusstlos auf dem Boden lag, sei er weiter auf den Kopf und den Körper geschlagen worden, heißt es von der Bundesanwaltschaft, die unter anderem Johann G. und Paul M. für die Taten verantwortlich macht. Ein anderes Opfer habe mindestens 15 Schläge erlitten, „überwiegend gegen den Kopf“. „Antifa-Ost“ auf US-Terrorliste Die Mitglieder der Gruppe waren in Budapest ohne Vermummung vorgegangen, einige ihrer Taten wurden von Überwachungskameras gefilmt. Sie gingen offenbar davon aus, nach ihren Attacken unbehelligt abreisen zu können. Doch die ungarischen Sicherheitsbehörden nahmen Festnahmen vor, lösten Fahndungen aus und stellten europaweite Haftbefehle aus. Daraufhin tauchte rund ein Dutzend Mitglieder der Gruppierung ab. Viele von ihnen waren Studenten oder befanden sich in der Berufsausbildung. Ein mutmaßliches Mitglied der Gruppe, Maja T. aus Jena, das sich als nonbinäre Person versteht, wurde von den sächsischen Behörden im Juni 2024 an Ungarn ausgeliefert; eine einstweilige Verfügung des Bundesverfassungsgerichts gegen die Auslieferung traf um wenige Minuten zu spät ein. Vor wenigen Tagen setzte die US-Regierung die „Antifa-Ost“ auf eine Terrorliste. Sie folgte damit dem Beispiel Ungarns, das Ende September einen solchen Schritt getan hatte. Im Januar stellten sich sieben untergetauchte Mitglieder der Gruppe den deutschen Behörden, um nicht nach Ungarn ausgeliefert zu werden. Viele von ihnen sind junge Frauen Anfang 20. Von Januar an werden sich weitere fünf Frauen und ein Mann aus der Gruppierung vor dem Oberlandesgericht Düsseldorf verantworten müssen.