Schweigend, aber mit bestimmten Blick stellt sich Egisto Ott vor die Kameras. „Kein Kommentar“, sagt er, „vorerst“, dann geht er in den Saal 401 des Landesstrafgerichts Wien. Nach acht Jahren Ermittlungen soll hier endlich eine Geschworenenkammer entscheiden, ob der Chefinspektor und frühere Geheimdienstmann als russischer Spion den Interessen der Republik Österreich geschadet hat – oder, wie Ott es gern selbst darstellt, ob er zum Opfer politischer Intrigen wurde. Ott als schillernde Person zu beschreiben, wäre eine Untertreibung. Der 63 Jahre alte Kärntener wird mit beinahe jedem Skandal in Verbindung gebracht, der Österreichs Sicherheitsbehörden in den letzten Jahren erschüttert hat. Von der Affäre um die rechtswidrige Durchsuchung im damaligen Bundesamt für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung (BVT) unter dem damaligen FPÖ-Innenminister Herbert Kickl, über die Nachwirkungen des Ibiza-Videos bis hin zu dem mutmaßlichen Agentenring, den der frühere Wirecard-Manager Jan Marsalek im Auftrag des russischen Inlandsgeheimdienstes FSB unterhalten haben soll. Dieser verfolgte in Wien nicht nur Kremlgegner und Journalisten, sondern soll auch Sicherheitstechnik für den russischen Geheimdienst beschafft haben. Ott hat an der „Operation Doktor“ mitgewirkt Britische Ermittler waren Marsaleks Helfern in London auf die Spur gekommen und hatten Zehntausende Chatnachrichten zwischen dem früheren Wirecard-Manager und seinem bulgarischen Partner Orlin Roussev sichergestellt, in denen Marsalek nicht nur offen über seine Dienste für den russischen FSB schreibt und Aktionen seiner Leute in Wien dirigiert, sondern auch Verbindungen zum deutschen BND andeutet. Die sechs bulgarischen Helfer wurden in London inzwischen zu langen Haftstrafen verurteilt. Doch die Ermittlungen gegen Egisto Ott zogen sich immer weiter. Mehrfach kam er bereits in Untersuchungshaft, war kurz danach aber immer wieder frei. Dabei steht der suspendierte Chefermittler, der in den Achtzigerjahren als Polizist angefangen hatte und dann als Verbindungsbeamter im Ausland eingesetzt war, schon seit 2017 im Fokus der Sicherheitsbehörden. Damals hatte ein US-Geheimdienst Österreich gewarnt, dass Informationen über einen privaten Gmail-Account von Ott abflössen. Es ging um geflohene Russen, an deren Aufenthaltsort der Kreml ein Interesse hatte, darunter ein früherer Agenten des FSB. Ott holte über den Mann Informationen in österreichischen Datenbanken, aber auch in Kroatien und Italien ein. Ott wurde damals bereits suspendiert, doch ein Gericht hob die Maßnahme auf. Er habe damals an einer „streng geheimen Aktion“ mitgewirkt, der „Operation Doktor“, erklärt Ott am Mittag im Gerichtssaal und nennt das als Grund, weshalb er damals habe konspirativ vorgehen müssen. Mehr dürfe er aus rechtlichen Gründen nicht sagen, doch erinnert seine Verteidigerin etwa an die „Operation White Milk“, in der Österreich mit dem israelischen Mossad an einen syrischen Foltergeneral gekommen sei. Auch dort habe kein Beteiligter offen reden dürfen. Bald werde ein Zeuge alles bestätigen. Nach der gescheiterten Suspendierung wurde Ott 2017 an die Sicherheitsakademie versetzt. Dort sollte er sich um Delegationen kümmern, nutzte seine alten Kontakte aber weiter. Ermittler gehen davon aus, dass Ott auch hinter den Vorwürfen steckte, die 2018 zu der rechtswidrigen Durchsuchung in den BVT-Gebäuden unter Innenminister Kickl führte. Im Zuge der Affäre wurde das gesamte BVT umgebaut und unter neuem Namen aufgestellt, denn – auch das gehört zu der Geschichte – waren offenbar nicht alle Vorwürfe gegen die Behörde unbegründet. Angelpunkt war Otts früherer Vorgesetzter Doch das wahre Ausmaß von Otts mutmaßlichen verdeckten Tätigkeiten wurde erst durch die in Großbritannien sichergestellten Chats zwischen dem flüchtigen Wirecard-Manager Marsalek und seinen bulgarischen Helfern greifbar. Aus ihnen lässt sich nachvollziehen wie Marsalek seine inzwischen verhafteten bulgarischen Agenten sowie eine Zelle in Wien koordiniert. Angelpunkt war Otts früherer Vorgesetzter Martin Weiss, der den in Wien geborenen Marsalek 2015 auf einer Veranstaltung kennengelernt hatte. Wie Ott soll Weiss innerhalb der Strukturen des damaligen BVT frustriert gewesen sein, von 2016 an war er lange krankgeschrieben – kurz bevor Otts erste verdächtige Aktionen begannen. 2018 wechselte Weiss schließlich offiziell die Seiten und heuerte bei Marsalek an. Weiss war es auch, der Marsalek nach der Wirecard-Pleite 2020 half, mit einem Privatflugzeug von einem kleinen Flughafen nahe Wien in Richtung Minsk zu entkommen. Inzwischen hat er sich nach Dubai abgesetzt. In den Chats zwischen Marsalek und seinem bulgarischen Helfern lässt sich nachlesen, wie Marsalek an seinen Wiener Verbindungsmann – offenbar Weiss – genau jene Aufträge vergab, die Ott kurz danach ausführte. Der nutzte weiter seine persönlichen Kontakte, um Informationen einzuholen, an denen russische Geheimdienste ein Interesse hatten, etwa über den bekannten Investigativjournalisten Christo Grozev, der unter anderem die Hintergründe des Skripal-Attentats in London und der Ermordung Alexej Nawalnijs aufdeckte. Ott speicherte Anfang 2021 Informationen über Grosev auf seinem Mobiltelefon. Kurz darauf wurde Ott nach Hinweisen aus den USA abermals in Untersuchungshaft genommen, kam aber wieder frei. In einem Provinzamt gelangte er mit seiner alten Dienstmarke an Grosevs Meldeadresse. Später beschatteten Marsaleks Helfer Grosev für einige Zeit, brachen in seine Wohnung ein und stahlen einen Laptop und USB-Sticks. Grosev verließ Österreich aus Sorge um seine Sicherheit. Stand Marsalek auch mit dem BND in Verbindung? Eine wichtige Quelle Otts soll der mit ihm angeklagte Gruppeninspektor Anton H. gewesen sein, der als Datenforensiker für die österreichischen Sicherheitsbehörden arbeitete. Anton H. steht auch im Mittelpunkt eines weiteren Anklagepunktes, der zunächst wie eine Posse wirkt. 2017 hatten mehrere enge Mitarbeiter des damaligen ÖVP-Innenministers Walter Sobotka auf einem Teambuildingseminar auf einem Ruderboot herumgeblödelt und waren mit ihren Diensthandys ins Wasser gefallen. Anton H. sollte danach die durchnässten Geräte sichern, meldete aber, es sei nichts zu retten. Statt die Telefone wie vereinbart zu vernichten, stellte H. sie heimlich wieder her. Aus den Marsalek-Chats ergibt sich, dass seine Leute die Telefone mit einer Fülle von privaten und dienstlichen Daten Jahre später an den russischen FSB verkauften. Ein als DHL-Bote getarnter Mann holte sie in der Wohnung von Otts früherem Schwiegersohn in Wien-Floridsdorf ab. Über weitere Helfer gingen die Geräte nach Russland. Auf dem gleichen Weg gelangte über die Wiener Adresse auch ein sogenannter SINA-S-Laptop zum FSB. Die Geräte der deutschen Firma werden von EU-Staaten genutzt und sind mit spezieller Sicherheitssoftware ausgestattet. Den Chats zufolge verkaufte Marsalek das Gerät für 20.000 Euro nach Russland. Nach Recherchen der „Süddeutschen Zeitung“ und „Profil“ schrieb Marsalek in dem Zusammenhang: „Ich habe jemanden gefunden, den der BND tatsächlich ausspionieren will, so dass sie uns buchstäblich zum Kauf der Laptops gedrängt haben“, was darauf hindeuten könnte, dass auch der deutsche Auslandsgeheimdienst in die Aktion involviert war. Schon länger wird über Verbindung von Marsalek zum BND spekuliert, da Marsalek selbst immer wieder Hinweise in dieser Richtung gab. Ob das aber Prahlerei ist und Wirklichkeit, lässt sich bislang schwer ermitteln. Der BND selbst äußert sich nicht zu derartigen Fragen. Und auch die Beschaffenheit der Laptops deutet nicht darauf hin, dass es sich tatsächlich um Geheimdienstgeräte handelt. Denn bei einer Hausdurchsuchung in Otts Villa in Kärnten hatten Ermittler zwei weitere SINA-S-Laptops gefunden, die der Betreiber einer österreichischen Enthüllungsplattform mit FPÖ-Verbindungen offenbar legal für ein journalistisches Projekt angeschafft hatte, für das auch Egisto Ott zu arbeiten vorgibt. „Extrem frustriert und in seinem Ego gekränkt“ Nach Angaben des Herstellers, der deutschen Firma Secutec, handelte es sich bei den SINA-S-Laptops um Geräte, die auch an private Firmen verkauft werden, die ihre Daten besonders sichern wollen. Bei deutschen Behörden sind sie nur für die unterste Stufe („Verschlusssache – nur für den Dienstgebrauch“) zugelassen, während für höhere Geheimhaltungsgrade andere Technik genutzt werde. Was an Otts Tun Stümperei war, und was Agententätigkeit – und wie viel er tatsächlich von dem Agentennetz um Marsalek und Weiss wusste, wird im Wiener Mammutprozess mit Dutzenden Zeugen zu klären sein. Zu den Motiven sagt der Staatsanwalt in seinem Plädoyer, Ott sei „als Beamter extrem frustriert und in seinem Ego gekränkt“ gewesen, nachdem er von seinem Posten als Verbindungsbeamter im Ausland in die Wiener Behörde zurückmusste. Das habe er auf „politische Netzwerke“ im BVT geschoben. Hinzu kamen Geldnöte, da mit dem Bürojob Zulagen und Spesen wegfielen. „Ott geht gerne Essen, er hat ein Anwesen in Kärnten, das einem toskanischen Schloss gleicht.“ Menschen wie Ott mit Frust und Geldsorgen seien extrem anfällig für die Anwerbung durch russische Nachrichtendienste. „Und russische Nachrichtendienst bezahlen sehr gut.“ Doch Ott selbst gibt sich überzeugt, dass er alles aufklären kann, und kündigt eigene Beweise an. Damals die geheime Operation, später habe er sich mit dem Investigativreporter Grozev nur austauschen wollen. Die Handys seien über Zufall bei ihm gelandet – und der Verbleib der Sicherheitslaptops? „Lassen Sie sich überraschen!“, sagt Ott. Die Befragung der Zeugen werde einiges zum Vorschein bringen.
