Auf der letzten Seite der Präsentation, die an der Wand im Gerichtssaal gezeigt wird, sind zwei Judokämpfer zu sehen. „Was bedeutet das?“, fragt die Vorsitzende Richterin. „Das ist Cyber-Philosophie“, erklärt David B. Er selbst mache gern Judo. „Das bedeutet, proaktiv zu sein und nicht abzuwarten, also aktive Verteidigung.“ Aktive Verteidigung: Der Ausdruck passt auf viele Rechtfertigungen und Erklärungen in diesem Prozess. Die seit sieben Monaten laufende Verhandlung am Landgericht Hamburg soll klären, wer veranlasst hat, dass mehrere Israelis zwei Kinder von Christina Block in der Silvesternacht 2023 entführten, sie knebelten und fesselten – weil sie schrien und sich wehrten. David B. hat vor Gericht zugegeben, diese „Operation“ durchgeführt zu haben, als Geschäftsführer der Sicherheitsfirma Cyber Cupula mit seinem Team. Vor der Entführung hatte seine Firma Stephan Hensel – Blocks früheren Mann, bei dem die Kinder seit 2021 lebten – monatelang in seinem Haus in Dänemark mit Kameras und Drohnen bespitzelt, um für Block Informationen über das Leben der Kinder zu sammeln. „Ich hatte gehofft, dass Christina die Warheit sagen werde“ So schildert es David B. An diesem Dienstag stellt der Israeli sich zum sechsten Mal den Fragen der Kammer. Wieso lässt er sich überhaupt ein? Er sagt: Als er die Berichte über den Prozess gelesen habe, in denen er beschuldigt werde, die Kinder ohne Absprache mit Block entführt zu haben, da habe er entschieden, sich zu stellen. Aktive Verteidigung, wenn man so will. „Ich hatte gehofft, dass Christina und Herr C. die Wahrheit sagen werden, so wie ich es jetzt tue“, sagt David B. am Dienstag. Andreas C. ist der Vertrauensanwalt der Familie Block, er ist ebenfalls angeklagt und bestreitet alle Vorwürfe. Nach seinem damaligen Verständnis und dem deutschen Recht, wie insbesondere Andreas C. ihm es vermittelt habe, seien die Kinder „illegal“ in Dänemark festgehalten worden und hätten befreit werden müssen. „Ich habe einen Fehler gemacht“, sagt B. Er wolle Verantwortung tragen. Hensel hatte die Kinder im Jahr 2021 nicht wie vereinbart nach einem Besuchswochenende zurückgebracht, er ist deshalb selbst in einem anderen noch anhängigen Verfahren angeklagt. Die Präsentation trägt den Titel: „Focusing on bringing the kids home safely“ Die Präsentation mit den Judokämpfern hat nichts mit der „Rückholung“ der Kinder zu tun. Sie zeigt Vorschläge rund um Cybersicherheit, die David B. der Block-Gruppe unterbreitet hat. Block hatte vor Gericht angegeben, die Firma nur für Sicherheits-Penetrationstests engagiert zu haben. David B. bestreitet das. Eine weitere Präsentation mit gleichem Titel-Layout, die am Dienstag im Gericht an die Wand geworfen wird, trägt den Titel „Focusing on bringing the kids home safely“. 250.000 Euro habe er für die Informationssammlung im Voraus bekommen, sagt B. Eine schriftliche Vereinbarung habe es nicht gegeben, das sei aber nicht ungewöhnlich: „Wir lassen uns die Ausgaben im Voraus geben.“ Er habe nach der Entführung in der Silvesternacht nach mehr Geld gefragt, weil diese „Aktion“ nicht von Anfang an geplant gewesen sei und daher nicht von den 250.000 Euro gedeckt. Er habe aber kein weiteres Geld mehr erhalten, sondern sein Team teils aus seiner eigenen Tasche bezahlt und dafür sogar einen Kredit aufgenommen. Nur ein mutmaßlicher Entführer sitzt in Untersuchungshaft Die Staatsanwaltschaft hat bereits vier mutmaßliche Entführer unabhängig vom schon laufenden Verfahren vernommen, unter ihnen David B. Sie alle erhielten sicheres Geleit: Der internationale Haftbefehl gegen sie wird im Gegensatz für eine Aussage ausgesetzt. Aktive Verteidigung, wenn man so will. Solche „Deals“ gelten als Ausnahme, sie müssen sich für die Behörden lohnen. Im Fall des 35 Jahre alten Jonathan C. lehnte die Staatsanwaltschaft ihn ab. Laut dem Israeli Tal S., der als einziger der mutmaßlichen Entführer in Untersuchungshaft sitzt, soll C. Hensel in der Silvesternacht auf eine „nicht notwendige Weise“ verprügelt haben. C. soll israelische und schwedische Wurzeln haben, aber auch Deutsch sprechen. Demnach arbeitete er als Model für verschiedene Agenturen und war im israelischen Fernsehen sowie im Mai 2021 bei „Germany’s Next Topmodel“ zu sehen. Tal S. hatte vor Gericht angegeben, C. sei in der Tatnacht dabei gewesen, weil er als Einziger die Muttersprache der entführten Kinder gesprochen habe. Die Staatsanwaltschaft fahndet noch immer mit internationalem Haftbefehl nach drei Personen, die an der Entführung beteiligt gewesen sein sollen, unter ihnen ist Jonathan C. Wie die „Bild“-Zeitung unter Berufung auf seinen Anwalt berichtete, soll er sich in seinem Heimatland Israel aufhalten.
