FAZ 19.01.2026
18:34 Uhr

Prozess gegen Attentäter: „Es gibt keinen Tag, an dem ich nicht daran denke“


Im Prozess um das Attentat auf eine Münchener Verdi-Demonstration 2025 sagen Polizisten aus, die die Demo begleiteten. Sie berichten von schockierenden Szenen.

Prozess gegen Attentäter: „Es gibt keinen Tag, an dem ich nicht daran denke“

Der Polizist beginnt seine Ausführungen mit einer Entschuldigung. Es tue ihm wirklich leid, aber das Bild, das er von dem Geschehen habe, sei pietätlos, doch so habe er es in Erinnerung: „Es war wie beim Bowling, wenn die Kugel auf die Kegel trifft. Menschen wurden durch die Luft geschleudert und landeten verdreht auf dem Boden.“ Ein „unglaublicher Schock“ sei es gewesen, das mitanzusehen. Der 26 Jahre alte Polizist, der zum Unterstützungskommando (USK) der bayerischen Polizei gehört, fuhr am 13. Februar 2025 ein Begleitfahrzeug, das in München die Verdi-Demonstration zusammen mit anderen Polizeifahrzeugen sichern sollte. Er war dabei, als Farhad N. mit seinem BMW Mini an der Polizei vorbei in die Menschen raste. Das Auto hatte er zuvor nur als „etwas Weißes“ im Außenspiegel wahrgenommen, alles sei so schnell gegangen – so schildert es der Polizist am Montag vor dem Oberlandesgericht München. „Fahrzeug in Menschenmenge!“ „Was können Sie zu dem Auto sagen, nachdem es zur Kollision gekommen ist?“, fragt der Vorsitzende Richter. „Gar nichts. Das Auto hat mich nicht interessiert. Da waren ja überall verletzte Menschen, denen wollte ich helfen.“ Die Minuten nach dem Attentat, bei dem zwei Menschen getötet und 44 Menschen zum Teil lebensgefährlich verletzt wurden, schildert der Polizist so: Er nahm sein Funkgerät, schrie hysterisch „Fahrzeug in Menschenmenge!“, war für Sekunden in einer Schockstarre, stieg aus, nahm seine Einweghandschuhe aus der Tasche und lief los. Überall waren Verletzte. Er sah eine Frau, die „aus Mund und den Ohren blutete“ und ein kleines Kind in der Nähe auf der Straße liegen, das sich nicht bewegte. Er kam zu einem Mann, der ihm sagte, sein Bein sei vermutlich gebrochen, aber es gehe ihm gut, er solle sich um andere kümmern. Leute schrien ihn an, dass er dem Kind helfen solle, die Lippen seien schon blau. Der Polizist verschaffte sich einen Überblick, sah, dass sich viele Ersthelfer schon um die Verletzten kümmerten, rannte zu seinem Wagen zurück, um Rettungsdecken zu holen. Als er kurz darauf wieder zu seinem VW-Bus kam, hörte er im Wagen über Funk, wie ein Mann „Ja Allah“ gerufen hat. „Das muss jemand gewesen sein, der ganz in der Nähe eines Polizeifunkgeräts war.“ Der Angeklagte soll aus religiösen Gründen gehandelt haben Der 25 Jahre alte Farhad N., so sieht es der Generalbundesanwalt, hat aus religiösen Gründen sein Fahrzeug am 13. Februar vergangenen Jahres gezielt in die Demonstration gesteuert, um so viele Menschen wie möglich zu töten. Der sunnitische Muslim sah sich demnach verpflichtet, in Deutschland willkürlich ausgesuchte Menschen zu töten, um so auf das Leid von Muslimen in Afghanistan und im Nahen Osten zu reagieren, deren Situation er durch die USA und den Westen verursacht sah.  Zwei Menschen – eine Mutter und ihre zwei Jahre alte Tochter – wurden getötet, 44 Menschen zum Teil lebensgefährlich verletzt. Wie konnte der Täter überhaupt an den Polizeifahrzeugen vorbeifahren? Ein Nebenklägervertreter will am Montag wissen, wie groß denn der Abstand zwischen den Polizeifahrzeugen war – fünf Wagen folgten versetzt dem Demonstrationszug, dazu noch ein Fahrzeug der Münchener Verkehrsbetriebe. Meist ist von einem „sehr engen Korridor“ die Rede. Wurden Risiken missachtet? Der USK-Polizist sagt: Es gebe keine genaue Vorschrift, wie die Sicherung genau auszusehen habe. Aber: „Wir hatten zu keinem Zeitpunkt den Auftrag, die Straße zu sperren.“ Der Wagen des Täters stoppte erst nach 23 Metern, als die Vorderräder keinen Bodenkontakt mehr hatten, da vor und unter dem Fahrzeug Menschen lagen, wie es in der Anklage heißt. Er habe bis zuletzt das Gaspedal gedrückt. Dann wurde er von Polizisten aus dem Auto gezogen, wie ein weiterer Polizist am Montag schildert. „Ich habe seine Hände gesichert, ein Kollege hat den Gurt durchtrennt, dann wurde er über die Fahrerseite rausgezogen“, sagt der Verkehrspolizist, der ebenso in einem Fahrzeug saß, das das hintere Ende der Demonstration sichern sollte. N. zeigte keinerlei Widerstand Widerstand habe der Täter keinen geleistet, wie der Polizist sagt, er wirkte auf ihn „bewusstseinsgetrübt“, still. Auf einem Video der Festnahme, das am Montag gezeigt wird, sieht man einen großen, muskulösen Mann in einer grauen Jacke mit plüschigem, weißen Teddy-Fell, der von Polizisten auf den Boden gedrückt wird und starr vor sich hinblickt. Der USK-Polizist eskortierte schließlich den Krankenwagen, der N. zur Notaufnahme brachte. Danach wurde N. ins Polizeipräsidium gebracht. „Wir haben ihn eindringlich aufgeklärt, dass wir Gewalt anwenden können, wenn er versuchen sollte, zu fliehen“, sagt der Polizist. N. habe auf alles mit „Okay“ geantwortet und keinerlei Widerstand gezeigt. Während der Fahrt sprach er nicht, doch der Polizist nahm ein Murmeln wahr, „als ob er beten würde in einer Sprache, die ich nicht verstehe“. Zu den Sachen, die N. bei der Tat bei sich trug, gehörte auch ein sogenannter Gebetszähler (Klickzähler), wie am Montag ein Ermittler des Landeskriminalamtes ausführt. Der Angeklagte verfolgt die Rekonstruktion der Tat im Gerichtssaal meist zurückgelehnt auf seinem Platz, ein Dolmetscher übersetzt alles. So wie am Freitag zu Prozessbeginn zuckt sein Kopf immer mal wieder, dann blinzelt er. Als der Polizist von seinen „Gebeten“ spricht, fasst N. sich mit der Hand an die Augen. Der Vorsitzende Richter will von den beiden Polizisten auch wissen, wie es ihnen persönlich mit dem Erlebten ergangen sei. Der Verkehrspolizist sagt, dass er „akut belastet“ gewesen sei. „Inzwischen geht es.“ Er hatte, nachdem er bei der Sicherung des Täters geholfen hatte, auch Verletzte versorgt. Auch er kam zu der schwer verletzten Mutter des Kindes und sah, dass „ein Fahrzeugteil, etwa zehn Zentimeter groß und drei Zentimeter breit, in ihrem Kopf steckte“. Ebenso wie der USK-Polizist hat er die psychosoziale Betreuung der Polizei in Anspruch genommen. Der USK-Polizist sagt, dass er unmittelbar nach der Tat „sehr wütend“ war, das alles habe ihn „sehr betroffen gemacht“. Er habe im weiteren Verlauf keine weitere professionelle Hilfe mehr gebraucht. „Aber es gibt keinen Tag, an dem ich nicht daran denke.“