Donald Trump hält den Druck auf Iran aufrecht. Einmal mehr hat er gedroht, militärisch einzugreifen, wenn das Regime mit tödlicher Gewalt gegen Demonstranten vorgeht. Das stellt die Führung in Teheran vor ein Dilemma. Schlägt sie die Proteste blutig nieder, muss sie womöglich mit einer militärischen Reaktion Amerikas rechnen. Tut sie es nicht, werden noch mehr Iraner sich ermutigt fühlen, auf die Straße zu gehen. Der Oberste Führer Ali Khamenei sieht sich mit einer Lage konfrontiert, für die es in seinem Instrumentenkasten noch kein erprobtes Werkzeug gibt. Wie sehr er sich in die Enge getrieben fühlt, kann man daran ablesen, dass sein Militärapparat Amerika und Israel nun erstmals mit einem Präemptivschlag droht. Vorbereitungen für eine Zeit nach Khamenei Die Frage ist, wen oder was ein möglicher amerikanischer Militärschlag überhaupt treffen sollte. Im Juni hatte Trump kurz mit dem Gedanken an einen Regimewechsel geflirtet und getönt, man wisse, wo Khamenei sich verstecke. Dessen Tod würde aber wohl nicht das Ende der Islamischen Republik bedeuten, auch da hilft ein Blick nach Venezuela. Ohnehin gibt es im Innern des Machtapparats längst Vorbereitungen für eine Zeit nach Khamenei. Der Mann ist 86 Jahre alt. Die aktuelle Krise könnte diesen Prozess beschleunigen. Der iranische Ökonom Saeed Laylaz hat die These aufgestellt, dass mit Zustimmung Khameneis ein neuer Führer installiert werden könnte. Unmöglich erscheint das nicht. Gut denkbar, dass ein Nachfolger Khameneis zu Zugeständnissen an die Vereinigten Staaten bereit wäre, ähnlich wie die venezolanische Führung nach der Gefangennahme Maduros. Zu einem demokratischen Übergang, wie die Demonstranten ihn sich erhoffen, würde das kaum führen. Noch stehen die Sicherheitskräfte fest zum Regime Die Proteste in Iran haben am Donnerstagabend zahlenmäßig eine neue Dimension erreicht. Es wäre aber verfrüht, darin schon die Vorzeichen eines zusammenbrechenden Regimes zu sehen. Auch Zehntausende Demonstranten werden wenig ausrichten können, solange die Sicherheitskräfte sich nicht weigern, gegen das eigene Volk vorzugehen. Khamenei wird sehr genau darauf achten, dass der Sicherheitsapparat gut versorgt ist. Außer Gewalt bleiben ihm kaum noch Mittel. Jahrzehnte gebrochener Reformversprechen haben den Glauben in der Bevölkerung an einen Wandel ohne Regimewechsel erstickt. Nach der „Frau, Leben, Freiheit“-Bewegung von 2022 konnte Teheran mit ein paar sozialen Freiheiten noch Druck aus dem Kessel lassen. Doch gegen den freien Fall der iranischen Währung und die hohe Inflation, die die Menschen diesmal auf die Straße getrieben haben, scheint das Regime machtlos. Die Kassen sind zu leer, um die Massen mit Subventionen zu besänftigen. Dabei ist Iran kein armes Land. Das Geld liegt auf den Konten der Revolutionsgarde, die Khameneis Macht sichert und nicht gewillt scheint, von ihrem Reichtum etwas abzugeben. Welche Rolle spielt Reza Pahlavi wirklich? Die Tatsache, dass am Donnerstag Zehntausende Iraner dem Aufruf des früheren Kronprinzen Reza Pahlavi gefolgt sind, lässt vermuten, dass die Proteste künftig stärker koordiniert werden und damit mehr Wirkung entfalten könnten. Auch nach außen bekommen die Ereignisse in Iran durch ihn jetzt mehr Sichtbarkeit, wie die Stellungnahmen aus etlichen europäischen Hauptstädten zeigen, die bislang geschwiegen hatten. Es wäre aber verfrüht, in Pahlavi schon den neuen Oppositionsführer zu sehen. Vom künftigen Herrscher ganz zu schweigen. Eine Mehrheit der Iraner schaut auf ihn nur aus Mangel an Alternativen. Sie eint bisher nur der Ruf nach dem Ende der Diktatur. Über den Weg dorthin und was danach geschehen soll, gibt es sehr unterschiedliche Vorstellungen. Selbst wenn die aktuelle Protestwelle nicht das Ende des Regimes einläuten sollte, so wird es doch von jeder neuen Krise immer weiter ausgehöhlt. Die zeitlichen Abstände zwischen den Unruhen sind in den vergangenen zwei Jahrzehnten so kurz geworden, dass die Führung in Teheran nur noch mit Selbsterhaltung beschäftigt ist. Die Fähigkeit des Staates, die Probleme des Landes zu lösen, sind so gering, dass selbst Präsident Massud Peseschkian offen zugibt, er habe keine Ahnung, wie er sie lösen sollte. Obwohl Iran zu den Ländern mit den größten Gasvorkommen der Welt zählt, fallen regelmäßig Strom und Heizung aus. Der Hauptstadt geht das Wasser aus. Das Land, das einst als militärisches Schwergewicht galt, wurde im Zwölf-Tage-Krieg von Israel gedemütigt und hat einen Großteil seiner Abschreckungsfähigkeiten verloren. Nichts davon hat den greisen, entscheidungsschwachen Khamenei zu einem Kurswechsel bewogen. Auch seine Antwort auf die Massenproteste klang am Freitag wie eine viel zu oft abgespielte Platte. Man stellt sich schon die Frage, wie lange die Leute, die hoffen, ihn zu beerben, sich das noch anhören wollen.
