Eine Mehrheit der Iraner hat genug von der Islamischen Republik. Deshalb brauchte es nur einen Funken, um abermals den kollektiven Volkszorn zu entzünden. In Windeseile verbreitete sich der Protest bis in entlegene Winkel des Landes. Aus einer Demonstration von Basarhändlern entstand über Nacht eine neue Bewegung gegen das Regime. Bislang deutet aber wenig darauf hin, dass die Wut auf der Straße das System kurzfristig zum Einsturz bringen könnte. Der Sicherheitsapparat zeigt sich entschlossen, die Unruhen genauso mit Gewalt zu ersticken, wie dies in der Vergangenheit der Fall war. Zum Druck von innen kommt der von außen hinzu Der Kontext, in dem die Proteste stattfinden, ist diesmal allerdings ein anderer. Die Führung in Teheran muss fürchten, gleichzeitig von innen und außen unter Druck zu geraten. Irans Führer Ali Khamenei dürfte sehr genau verfolgt haben, was in der Nacht zum Samstag seinem Verbündeten Nicolás Maduro in Caracas widerfahren ist. Zumal Donald Trump schon zweimal gedroht hat, dass Amerika militärisch eingreifen werde, wenn Iran Demonstranten töte, was freilich längst der Fall ist. Wozu er bereit ist, hatte Trump schon 2020 gezeigt, als er Qassem Soleimani töten ließ, den einflussreichsten General des Landes. Ebenso große Sorgen dürfte Teheran sich über ein mögliches Eingreifen Israels machen, das schon während des Zwölf-Tage-Krieges im Juni einen Enthauptungsschlag gegen Khamenei geplant haben soll. Selbst der Tod des 86 Jahre alten Obersten Führers muss nicht das Ende der Islamischen Republik bedeuten. Er wäre aber eine Zäsur, in der der Druck von innen und von außen das Kalkül der künftigen Führung beeinflussen dürfte. Es gibt keinen Oppositionsführer Die wiederkehrenden Proteste in Iran haben bisher nicht vermocht, den Fortbestand des Systems zu gefährden. Das hat auch damit zu tun, dass die Proteste nicht koordiniert sind. Seit den Massenprotesten von 2009 hat es keinen Oppositionsführer mehr gegeben, der die Kräfte bündeln könnte. Das ist zum einen eine Folge der Repression, aber auch des Vertrauensverlusts in jegliche Politiker, die aus dem System hervorgegangen sind. Die meisten Demonstranten können sich zwar mit dem Ruf nach dem Ende der Diktatur identifizieren. Über den Weg dorthin und was danach geschehen soll, gibt es aber sehr unterschiedliche Vorstellungen. Deutlich wird das durch die erbitterten Streitigkeiten, die derzeit im Internet über die Frage ausgefochten werden, wie viele Anhänger der frühere Kronprinz Reza Pahlavi in Iran hat. Sein Umfeld wiederum verbreitet Hetze gegen andere Regimegegner wie die Friedensnobelpreisträgerin Narges Mohammadi. Die meisten Iraner halten sich zurück Die aktuellen Proteste haben noch keine kritische Masse erreicht, die den Sicherheitsapparat herausfordern könnte. Auch gibt es keinerlei Hinweise auf Überläufer oder eine geringe Moral in den Reihen der Polizei, der Basidsch-Miliz oder der Revolutionsgarde. Zwar finden täglich Versammlungen in Dutzenden Städten und Ortschaften gleichzeitig statt. Die Zahl der Teilnehmer liegt aber meist nur bei einigen Hundert. Trotz der allgemeinen Frustration über Repression, mangelnde Freiheiten und den dramatischen Verfall der Kaufkraft gibt es noch immer viele Iraner, die glauben, etwas zu verlieren zu haben. Sie haben 1979 erlebt, dass eine Revolution nicht unbedingt Besserung bringt. Und sie fürchten sich vor einem Bürgerkrieg, wie ihn andere Länder in der Region wie Syrien und der Irak erlebt haben. Das Regime weiß diese Ängste auszunutzen und schürt sie nach Kräften. Unberechtigt sind sie deshalb aber nicht. Die Krisen des Landes nehmen überhand Auch wenn die bisherigen Protestwellen nicht zu einem Systemwechsel geführt haben, waren sie doch nicht folgenlos. So hat die Frau-Leben-Freiheit-Bewegung von 2022 die islamische Kleiderordnung, die einst als ein Grundpfeiler der Islamischen Republik galt, zu Fall gebracht. Die zeitlichen Abstände zwischen den Unruhen sind in den vergangenen zwei Jahrzehnten immer kürzer geworden, sodass das Regime von innen immer weiter ausgehöhlt wurde. Aktuell ist das Land mit so vielen Krisen gleichzeitig konfrontiert, dass seine Dysfunktionalität unübersehbar ist. Der Hauptstadt geht das Trinkwasser aus. Die Inflation hat fast 50 Prozent erreicht. Obwohl Iran zu den Ländern mit den größten Gasvorkommen der Welt zählt, fallen regelmäßig Strom und Heizung aus. Das Land, das einst als militärisches Schwergewicht galt, wurde im Zwölf-Tage-Krieg von Israel gedemütigt und hat einen Großteil seiner Abschreckungsfähigkeiten verloren. Den greisen und sturen Khamenei hat nichts davon zu einem Kurswechsel bewogen. Was nach ihm kommt, ist völlig offen. Darauf könnten die Menschen auf den Straßen von Teheran, Shiraz und Isfahan durchaus einen Einfluss haben.
