FAZ 15.01.2026
07:09 Uhr

Proteste in Iran: So finanzieren sich die Mullahs


In Iran protestiert das Volk gegen die wirtschaftliche Not. Dabei konnte das Regime in Teheran den internationalen Sanktionen jahrzehntelang trotzen und Handel treiben – mit China, aber auch mit Europa.

Proteste in Iran: So finanzieren sich die Mullahs

Dass die Islamische Republik sich in einer desolaten wirtschaftlichen Lage befindet, ist hausgemacht: Das Land verfügt über erhebliche Erdöl- und Erdgasvorkommen. Doch die Folgen des jahrelangen wirtschaftlichen Missmanagements setzen der Wirtschaft nun schwer zu, die Inflation liegt über 40 Prozent. Iran steht seit Jahrzehnten unter Sanktionen des Westens, die vom Internationalen Atomabkommen 2015 nur zeitweise unterbrochen wurden. Als die USA in Donald Trumps erster Amtszeit 2018 aus dem Abkommen ausstiegen, erließ der US-Präsident neue Sanktionen. Seither ist etwa der Handel mit iranischem Öl wieder extrem stark eingeschränkt. Hinzu kommen Finanzsanktionen und ein Ausschluss vieler iranischer Banken vom internationalen SWIFT-System (Society for Worldwide Interbank Financial Telecommunication), der die Abwicklung des Zahlungsverkehrs mit anderen Ländern verkompliziert. Die kürzlich von Washington angedrohten Zölle in Höhe von weiteren 25 Prozent auf alle Handelspartner Irans würden Importe und Exporte noch mehr erschweren. Bisher hat die Islamische Republik allerdings stets Mittel und Wege gefunden, trotz des wachsenden internationalen Drucks Geschäfte zu machen. Für den OPEC-Staat bleibt Öl das wichtigste Exportprodukt. Wichtigster Handelspartner ist China. Die Internationale Energieagentur schätzt, dass Iran im Jahr 2023 täglich eine Million Barrel nach China exportierte. 2025 gingen mehr als 80 Prozent des exportierten iranischen Öls nach China. Um Sanktionen zu umgehen, nutzen die Handelspartner ein undurchsichtiges Konstrukt aus Schein- und Briefkastenfirmen, die häufig in Hongkong angesiedelt sind, heißt es in einem Bericht einer US-Kommission zur Überwachung der Wirtschafts- und Sicherheitsbeziehungen mit China. Um das Öl zu bezahlen, überweisen chinesische Käufer das Geld an das Finanzinstitut Chuxin. Das wiederum finanziert chinesische Infrastrukturprojekte in Iran. Schätzungsweise 8,4 Milliarden US-Dollar sind so laut dem Bericht im Jahr 2024 von China nach Iran geflossen. Auch mit Indien, der Türkei, dem Irak und den Vereinigten Arabischen Emiraten unterhält Iran noch immer Handelsbeziehungen. Indischen Medienberichten zufolge handelten Indien und Iran zwischen 2024 und 2025 Waren im Wert von 1,68 Milliarden US-Dollar. Indien exportiert vor allem Reis, Zucker, Tee und Medikamente nach Iran und importiert im Gegenzug unter anderem Trockenobst und chemische Produkte. Handel mit Europa eingebrochen Und auch Europa spielt trotz offizieller Sanktionen weiterhin eine Rolle als Handelspartner der iranischen Wirtschaft. Zwar ist das Geschäft seit 2018 stark eingebrochen, nach wie vor werden aber einzelne Produkte wie Lebensmittel und Maschinen importiert und exportiert. Deutschland ist dabei innerhalb der EU Teherans größter Handelspartner. Deutsche Unternehmen lieferten zwischen Januar und November 2024 noch Waren im Wert von rund 1,2 Milliarden Euro nach Iran. 2025 belief sich dieser Wert im gleichen Zeitraum aufgrund der Sanktionen durch die EU und die USA nur noch auf rund 870 Millionen Euro, also etwa 25 Prozent weniger. Das entspricht nur einem winzigen Bruchteil der gesamten deutschen Ausfuhren. Die gehandelten Güter dienen überwiegend humanitären Zwecken: Aus Deutschland kamen vor allem Medizintechnik wie MRT-Geräte, Medikamente und Lebensmittel. Solche Geschäfte abzuwickeln, ist kompliziert. Denn durch die Finanzsanktionen und den Ausschluss großer iranischer Geschäftsbanken vom SWIFT-System können Iraner ihre deutschen Handelspartner nicht einfach per Überweisung bezahlen. Nur noch wenige iranische Banken sind im SWIFT-System verblieben und das auch nur für den Kauf humanitärer Güter im Westen. Selbst das gestaltet sich wegen spezieller Dokumentationspflichten oft kompliziert. Geschäfte über Umwege Geschäfte können alternativ über Umwege laufen. Die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) warnte jüngst vor Umgehungsgeschäften durch Wechselstuben oder Drittunternehmen, da hier schnell der Verdacht der Geldwäsche oder gar der Terrorismusfinanzierung aufkommt. „Die Umgehung erfolgt vor allem über Drittländer wie zum Beispiel China inklusive Hongkong, Indien, die Türkei oder die Vereinigten Arabischen Emirate“, sagt Ulrich Göres, Rechtsanwalt und Experte zur Bekämpfung von Finanzkriminalität. Praktisch geht das so: Iranische Auftraggeber überweisen Geld an einen Zwischenempfänger in einem Drittland, dieser transferiert es anschließend an den Endempfänger. Kriminelle Akteure könnten so den Iran-Bezug der Geschäfte verschleiern und Sanktionen umgehen, warnen Experten. „Und auch Kryptowährungen könnten eine Alternative für die Umgehungsgeschäfte sein“, sagt Göres. Das lässt sich allerdings nur sehr schwer nachverfolgen, „insbesondere, wenn es sich um kleinere Kryptowährungen handelt“. Neben den Marktführern Bitcoin und Ethereum existieren rund 10.000 bis 11.000 kleine und kleinste Kryptowährungen, mit denen gehandelt werden kann. Klar ist: Hundertprozentig lässt sich das Regime wohl nicht aus dem Welthandel verbannen – Sanktionen hin oder her.