Überraschend viele Iraner, die man nach ihrer Ankunft am Istanbuler Flughafen anspricht, wünschen sich amerikanische Militärschläge auf ihr Land. Das wäre für jedes Land ungewöhnlich. Für Iran gilt das erst recht, denn ausländische Interventionen haben in der Geschichte des Landes schon viel Unheil angerichtet. In der aktuellen Lage ist es noch ungewöhnlicher, denn die ursprünglichen Angriffsdrohungen des amerikanischen Präsidenten hatten vielen Iranern erst den Mut gegeben, auf die Straße zu gehen, den sie dann bitter bezahlen mussten. Donald Trumps Äußerungen scheinen das iranische Regime geradezu angestachelt zu haben, die Proteste mit demonstrativer Brutalität so schnell wie möglich zu beenden. Man würde also verstehen, wenn die meisten Iraner jegliches Vertrauen in Trump verloren hätten. Dass es trotzdem noch Rufe nach einer Militärintervention gibt, zeigt, wie groß die Verzweiflung ist. Man hört Sätze wie: „Wir schaffen es nicht allein.“ Luftschläge werden dem Regime kein Ende setzen Nüchtern betrachtet dürfte es schwer sein, allein mit Luftschlägen einen Regimewechsel herbeizuführen. Auch wenn Trump sein Militär jetzt angewiesen hat, ihm „entscheidende“ Optionen vorzulegen. Die könnten darin bestehen, die Revolutionsgarde weiter zu schwächen. Den Preis ihrer Politik in die Höhe zu treiben. Teile der Führung zu töten. Eine weniger repressive Politik wäre damit längst nicht garantiert. Ein Ende der Herrschaft Ali Khameneis, auf welche Weise auch immer, könnte aber zumindest jene Kurskorrekturen ermöglichen, denen sich der Oberste Führer stets widersetzt hat. In den 37 Jahren seiner Herrschaft war er selten bereit zurückzuweichen. Aus dem Sturz des Schahs 1979 und dem Zusammenbruch der Sowjetunion zog er die Lehre, dass Zugeständnisse der Anfang vom Ende seien. Mit dieser Geisteshaltung hat er sein Land in den Ruin getrieben. Überall im Apparat hat er kompetente Leute durch Loyalisten ersetzt. Trotz der Brutalität, mit der die Regimekräfte gegen wehrlose Demonstranten vorgegangen sind, gibt es bislang keine glaubwürdigen Berichte über Befehlsverweigerer oder Seitenwechsel ranghoher Regimevertreter. Der Machtapparat scheint noch immer intakt. Man kann nur vermuten, dass es hinter den Kulissen ein intensives Ringen um die Frage gibt, wie das Regime langfristig erhalten werden kann. Die Wahrscheinlichkeit, dass Khamenei dem Druck von innen weichen muss, erscheint zumindest größer als ein Sturz des gesamten Systems. Eine Strategie, die von außen versucht, Teile der Elite zu kooptieren, könnte dazu einen Beitrag leisten. Vorerst hat sich das iranische Regime mit Gewalt Zeit erkauft. Nimmt man aber die vergangenen Jahre als Maßstab, dann wird schon bald die nächste Protestwelle folgen. Schließlich bestehen die Gründe fort, die die Menschen auf die Straße getrieben haben. Zumal sich diesmal auch Geschäftsleute anschlossen, die bislang eher auf den Status quo setzten. Zum Unmut über Korruption, Inkompetenz und Misswirtschaft kommt jetzt noch der Hass auf die Mörder hinzu. Es ist zwar nicht das erste Mal, dass in Iran Proteste brutal unterdrückt wurden. Doch die Exzesse fanden früher in der Peripherie statt. Diesmal schossen Regimekräfte in Großstädten wie Teheran, Isfahan und Maschhad mit Maschinengewehren in die Menge. Mit Gewalt allein ist kein Staat zu machen.
