FAZ 12.01.2026
18:15 Uhr

Proteste in Iran: Das Regime hat die Situation unter Kontrolle – sagt es


Die iranische Führung mobilisiert ihre Anhänger – und weist die Verantwortung für getötete Demonstranten „Terrorgruppen“ zu.

Proteste in Iran: Das Regime hat die Situation unter Kontrolle – sagt es

Auf dem Revolutionsplatz in Teheran gab es am Montag einen großen Aufmarsch mit Tausenden Teilnehmern. Die Leute, die da auf die Straße gingen, waren keine Regimegegner. Es war die Kernklientel der Islamischen Republik. Vermutlich waren auch viele Menschen darunter, die sich aufgrund ihrer Beschäftigung beim Staat gezwungen fühlen, an Pro-Regime-Veranstaltungen teilzunehmen. Im Staatsfernsehen wurden außerdem große Beerdigungsprozessionen für getötete Regimekräfte übertragen, aus Städten wie Qom, Ilam, Kerman, Zahedan und Rascht. Mit den Aufmärschen wollte die iranische Führung wohl den Eindruck erwecken, sie habe „die Situation unter Kontrolle“. So drückte es Außenminister Abbas Araghchi am Montag aus. „Sie töten uns alle“ Soweit sich das angesichts der anhaltenden Internetsperre beurteilen lässt, gehen Beobachter davon aus, dass es am Sonntag deutlich weniger Protestversammlungen gegen das Regime gab als in den Tagen davor. Möglicherweise hat das brutale Vorgehen der Sicherheitskräfte seit Freitag die gewünschte abschreckende Wirkung erzielt. Trotz der Internetsperre kommen mittels Starlink vereinzelt Sprachnachrichten von Gesprächspartnern aus Iran durch. Sie erwecken den Eindruck, als kenne in Teheran inzwischen fast jeder jemanden, der getötet wurde. Es fallen Sätze wie: „Sie töten uns alle.“ Nach Angaben der in Oslo ansässigen Menschenrechtsorganisation Iran Human Rights wurden mindestens 648 Demonstranten getötet. Die Zahlen könnten noch weit höher sein, weil die Internetsperre die Verifizierung verzögert. Einen Eindruck vom Ausmaß der Gewalt gibt ein Video von einem Forensischen Zentrum außerhalb von Teheran, das offenbar so überfüllt ist, dass Leichensäcke auf dem Parkplatz und dem Bürgersteig abgelegt wurden. Das Regime versucht derweil, die Verantwortung für die Toten von sich zu weisen und ein gänzlich anderes Narrativ zu verbreiten. Außenminister Araghchi behauptete, dass „eine große Zahl“ von ihnen nicht von Regimekräften, sondern von „Terrorgruppen“ und „bewaffneten Elementen“ erschossen worden sei. Diese hätten sich unter die Demonstranten gemischt. Einige Polizisten seien enthauptet, andere bei lebendigem Leibe verbrannt worden, sagte Araghchi in einer Rede vor ausländischen Diplomaten. Tote und verletzte Sicherheitskräfte Im Staatsfernsehen wurde gezeigt, wie den Diplomaten im Außenministerium ein Video vorgeführt wurde, in dem unter anderem ein verletztes Mitglied der Sicherheitskräfte berichtet, wie er misshandelt worden sei. Dazu hieß es, die Botschafter Deutschlands, Frankreichs, Großbritanniens und Italiens seien ins Ministerium bestellt worden, „um aus erster Hand Aufnahmen anzusehen, die zeigen, wie Aufrührer Gewalt anwenden“. Zuvor hatten Bundeskanzler Merz, Präsident Macron und Premierminister Starmer gemeinsam die Tötung von Demonstranten verurteilt und sich „zutiefst besorgt über Berichte von Gewalt durch iranische Sicherheitskräfte“ gezeigt. Auch aufseiten der Sicherheitskräfte gibt es viele Tote und Verletzte. Nach Angaben des Institute for the Study of War (ISW) wurden seit Beginn der Demons­trationen bereits mehr Sicherheitskräfte getötet als bei jeder anderen Protestwelle in Iran zuvor. Die Nachrichtenagenturen der Revolutionsgarde haben bislang mindestens 114 getötete Regimekräfte gemeldet. Das ISW geht davon aus, dass die wirkliche Zahl höher ist. Um das eigene Narrativ vom angeblich terroristischen Gegner zu verstärken, sendete das Staatsfernsehen Aufnahmen aus demselben Forensischen Zentrum außerhalb Teherans, das auch Aktivisten gefilmt hatten. Ein Mitarbeiter des Propagandasenders sagt in dem Video, unter den Toten seien viele, die laut ihren Familien einfach nur aus dem Haus gegangen seien. „Zum Beispiel zum Supermarkt.“ Die Trauernden werden vor laufender Kamera gefragt, ob ihre Angehörigen sich an den Demonstrationen beteiligt hätten. Es ist wenig überraschend, dass sie das zurückweisen. Berichte wie diese sollen einschüchtern und Eltern dazu bringen, ihre Kinder von Protesten fernzuhalten. Präsident Massud Peseschkian sagte am Sonntag: „Familien werden gebeten, ihren jungen Leuten im eigenen Interesse zu sagen, dass sie sich nicht mit Aufrührern und Terroristen einlassen sollen.“ Die Vernetzung der Aktivisten wird schwieriger Der Rückgang der Protestaktivitäten könnte außerdem damit zusammenhängen, dass die Aktivisten wegen der Internetsperre Probleme haben, sich zu vernetzen. Starlink-Satellitenverbindungen werden inzwischen auch teilweise von Störsendern des Regimes unterbrochen. Hinzu kommt das Ende des iranischen Wochenendes am Samstag. Selbst die Satellitenverbindungen ausländischer Botschaften wurden vom Machtapparat gestört, wie der Sprecher des Außenministeriums bestätigte. In einem Fernsehinterview behauptete Araghchi abermals, Israel sei direkt in die Proteste involviert, während die USA die Demonstranten zu Gewalt anstiften würden. Zugleich scheint die iranische Führung einen diplomatischen Ausweg aus der Krise zu suchen. Der amerikanische Präsident Donald Trump sagte am Sonntag vor Reportern an Bord der Air Force One, Iran wolle mit Amerika verhandeln und habe am Samstag Kontakt aufgenommen. Am selben Tag hatte der omanische Außenminister Badr bin Hamad Al-Busaidi Teheran besucht. Das hatte Spekulationen hervorgerufen, Teheran könnte ihm, wie schon bei früheren Anlässen, eine Botschaft für Washington mitgeben. Trump sagte: „Ein Treffen wird vorbereitet.“ Zugleich bekräftigte er seine Drohung gegen Iran. „Angesichts dessen, was passiert, könnte es sein, dass wir vor dem Treffen handeln müssen.“ Auf die Frage, ob Iran mit der Tötung von Demonstranten eine rote Linie überschritten habe, sagte er: „Es sieht so aus.“ Das amerikanische Militär verfolge die Situation genau. Es gebe „einige Optionen“ für ein amerikanisches Eingreifen. Araghchi äußerte sich am Montag in der üblichen Form über mögliche Verhandlungen mit den USA. Man sei dazu bereit, aber nicht, wenn die andere Seite „Anweisungen gibt und die Bedingungen diktiert“.