Die Proteste gegen die Entlassung von Mychajlo Federow haben kraftvoll begonnen. Als der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj seinen beliebten Verteidigungsminister Mitte Juli vor die Tür setzte, strömten tausende junge Menschen in das Zentrum von Kiew. Mit Pappschildern versammelten sie sich auf dem Iwan-Franko-Platz in Hörweite des Präsidentenbüros. Für sie war Fedorow ein zentraler Hoffnungsträger. Er verkörperte aus ihrer Sicht einen modernen Reformkurs, der echte Resultate erzielt. Durch seine Abberufung sahen sie das große Ganze in Gefahr. Optisch erinnerten die Kundgebungen an die Proteste gegen die Entmachtung der Antikorruptionsbehörden im Sommer 2025. Damals hatten die jungen Demonstranten auch die Rückendeckung der europäischen Verbündeten. Bereits nach wenigen Tagen stellte das Parlament die Unabhängigkeit der Antikorruptionsbehörden wieder her. Demonstranten streiten auf offener Bühne In diesem Sommer ist die Lage eine andere. Die westlichen Verbündeten mischen sich nicht in die Personalpolitik der Ukraine ein. Selenskyj ging zwar einen Schritt auf die Demonstranten zu, indem er den viel kritisierten Armeechef Olexandr Syrskyj entließ. Doch ihre zentrale Forderung, Fedorow zurück auf seinen Posten zu versetzen, erfüllte er nicht. Nach vier Wochen strömen abends noch immer Demonstranten auf den Iwan-Franko-Platz. Für das Jubiläumswochenende haben sie noch einmal kräftig mobilisiert. Doch es kommen nur wenige hundert, keine tausenden wie zu Beginn. Weiterhin sind es hauptsächlich politisch engagierte Leute in ihren Zwanzigern. Ihre Sprechchöre aber wirken nicht mehr kraftvoll, sondern pflichtschuldig. Einen Anführer haben die Demonstranten nicht. Mehrere Leute springen mit Megaphonen herum. Jeder, der will, darf eine Rede halten. Den Protesten fehlt eine Führungsfigur, die Wortführer fallen sich gegenseitig ins Wort und streiten auf offener Bühne. Auf Nachfrage äußern sie zwar noch immer die Hoffnung, der Präsident werde einlenken und Fedorow wieder einsetzen. Doch echte Anzeichen dafür gibt es nicht. Mychajlo Fedorow hat sich nie auf einer Kundgebung blicken lassen. Nach seiner Entlassung hielt der erst 35 Jahre alte Politiker zwar eine Pressekonferenz ab, um seine Erfolge hervorzuheben. Er brüstete sich damit, die Russen mit Elon Musks Hilfe vom Satelliteninternet Starlink abgetrennt zu haben und eine Drohnenkampagne zur Isolierung der Krim initiiert zu haben. Zudem verwies er auf seine Bemühungen, Soldaten durch Drohnen zu ersetzen. Zu den Protesten aber wahrte Fedorow aber Abstand. Er äußerte, die Demonstranten gingen nicht seinetwegen auf die Straße. Sondern, „weil sich die Lage auf dem Schlachtfeld und in der Luft gerade zu wenden begann“ und diese Entwicklung durch seine Absetzung unterbrochen worden sei. Federow betont, es gehe ihm nicht um politische Ambitionen, sondern allein darum, den Krieg gegen Russland zu gewinnen. Niemand kritisiert den Interimsverteidigungsminister Selenskyj hat die Krise gesichtswahrend entschärft. Nachdem die Proteste sich zunehmend gegen den damaligen Armeechef gerichtet hatten, trennte er sich von Olexandr Syrskyj. Die Demonstranten machten ihn sowohl für Probleme in der Armee und die Entlassung Fedorows verantwortlich. Syrskyj verkörpert aus ihrer Sicht einen sowjetischen General alter Schule, der hohe Verluste in Kauf nimmt. Selenskyj machte mit Jewhen Chmara einen Generalmajor des Inlandsgeheimdienstes geschäftsführend zum Verteidigungsminister. In der kommenden Woche dürfte das Parlament für seine Ernennung stimmen. Für Selenskyj war Chmara eine kluge Wahl. Er wusste, dass niemand einen verdienten Geheimdienstler, der Sonderoperationen gegen Russland koordiniert hatte, offen kritisieren würde. Der frühere Innenminister, den er eigentlich für den Posten vorgesehen hatte, hätte hingegen den Zorn der Massen auf sich gezogen. Auch zum neuen Armeechef ernannte Selenskyj einen General, der in der Bevölkerung viel Vertrauen genießt. Es gibt bis heute unterschiedliche Versionen, warum der Präsident Fedorow wirklich entlassen hat. Immerhin war Fedorow als einziger seit Selenskyjs Wahlsieg permanent im Kabinett und verhielt sich dem Präsidenten gegenüber stets loyal. Zu Anfang war viel von einem Konflikt zwischen Fedorow und Armeechef Syrskyj die Rede. Syrskyj habe gegen Fedorows waghalsige Reformen aufbegehrt, so die Darstellung. Federow selbst sagte dem Portal „Ukrajinska Prawda“ jüngst in einem Interview, „dass die Gründe ganz woanders liegen“. Fedorow wollte das Beschaffungswesen grundsätzlich reformieren. Er inszenierte sich als Manager, der schnell und effektiv Probleme löst, Prozesse optimiert, Transparenz schafft. In der Rüstungsindustrie habe es aber Widerstand gegen offene Ausschreibungen gegeben. Eine grundlegende Reform des Beschaffungswesens hätte auch Verlierer produziert. Fedorow äußerte im Interview, es gebe „Personen, die faktisch im Auftrag von privaten Unternehmen Abteilungen im Verteidigungsministerium leiten“. Der Kampf um Aufträge wird in Kiew mit harten Bandagen geführt. Ein Funke reicht, um neue Proteste zu entfachen Das verstärkt den Eindruck, dass der junge Reformer einflussreiche Geschäftsleute gegen sich aufgebracht hat. Im Interview sagte Fedorow, er habe den Präsidenten zwar vor Widerstand gegen seinen Kurs gewarnt. „Der Druck nahm von Monat zu Monat zu und es wurde immer schwieriger, die Reformen umzusetzen.“ Einen Monat nach seiner Absetzung hat Fedorow noch keine neue Verwendung. Selenskyj hat ihm offenbar eine eher repräsentative Rolle in der Regierung angeboten. Doch Fedorow lehnte ab. Lediglich der Präsident, der Verteidigungsminister und der Armeechef seien wirklich in der Lage, etwas zu verändern, äußerte er. Er werde jedoch im Land bleiben und dort zum Sieg beitragen. Angebote aus dem Ausland seien für ihn keine Option. Für die jungen Leute auf dem Iwan-Franko-Platz ist Federow ein Idol geblieben. Den Straßenprotest sehen sie weiterhin als einziges Mittel an, um auf die Politik Einfluss zu nehmen. Das Parlament genießt wenig Vertrauen. Die Abgeordneten in der Werchowna Rada haben sich schon oft als Befehlsempfänger der Regierung erwiesen. Dem System fehlen Kontrollmechanismen. Da die Verfassung Wahlen in Kriegszeiten verbietet, fehlt auch ein Ventil für die Unzufriedenheit. Womöglich reicht ein Funke aus, um neue Proteste zu entfachen
