FAZ 03.02.2026
10:35 Uhr

Protest vor Turnier 2026: Nicht alle Mexikaner freuen sich auf die Fußball-WM


Gewalt, Wassermangel und steigende Mieten: Die Unzufriedenheit in der mexikanischen Bevölkerung wächst, doch die Proteste werden international kaum wahrgenommen. Das könnte sich mit WM-Beginn ändern.

Protest vor Turnier 2026: Nicht alle Mexikaner freuen sich auf die Fußball-WM

Während in Deutschland die politische Debatte über einen Boykott der Fußballweltmeisterschaft in den Vereinigten Staaten Fahrt aufnimmt, wächst im Ko-Gastgeberland Mexiko die Enttäuschung der indigenen Bevölkerung über die Tatenlosigkeit der Linksregierung im Lichte der dortigen Menschenrechtslage. Vertreter der indigenen Organisationen kündigten nun an, „den Protest auf die WM-Bühne“ zu tragen, wie lokale Medien in der vergangenen Woche berichteten. Konkret äußerten sich die Regionalkoordination der Gründungsvölker, die Union der Völker des Bundesstaates Guerrero und der Indigene Volksrat des Bundesstaates Guerrero-Emiliano Zapata (Cipog-EZ). „Sicherheit, Wiedergutmachung und Nichtwiederholung“ In einem vor wenigen Tagen veröffentlichten gemeinsamen Schreiben heißt es: „Dutzende von Nahua-Dörfern und -Gemeinden aus der Montaña Baja werden unseren Kampf im Juni zur Fußballweltmeisterschaft tragen, damit die Welt von der Ungerechtigkeit, Vernachlässigung und Kriminalisierung erfährt, unter der wir in unserem Bundesstaat leiden“, sollte die mexikanische Politik auf den verschiedenen Regierungsebenen „unsere Forderung nach Sicherheit ignorieren“. Die Organisationen berichten von einem Hinterhalt der organisierten Kriminalität auf 13 Gemeindepolizisten in der Gemeinde El Cortijo im August letzten Jahres sowie von 70 Morden und 25 Verschwundenen in der Montaña Baja. „Wir sehen keine Regierung, die sich um die Ereignisse in Guerrero kümmert“, heißt es in dem Schreiben. Die Organisationen fordern die Verhaftung der für die Gewalt Verantwortlichen und die sichere Rückkehr aller Vertriebenen „mit voller Garantie für Sicherheit, Wiedergutmachung und Nichtwiederholung“. Für Mexikos Präsidentin Claudia Sheinbaum wird der indigene Protest zunehmend zum Problem. Die Linkspopulistin profitierte bislang davon, dass die internationale Aufmerksamkeit ganz auf die Vorfälle in den USA gerichtet war und vor allem die rigorose Abschiebepolitik der Regierung von Präsident Donald Trump die Debatte über einen möglichen WM-Boykott prägte. Dabei gab es auch schon in der Hauptstadt Mexiko-Stadt Proteste gegen einen durch WM-bezogene Bau- und Erschließungsprojekte verschärften Wassermangel. Auch die durch Gentrifizierung und Tourismus steigenden Mieten und die Verdrängungen von Anwohnern, Straßenverkäufern und Kleingewerben werden zunehmend thematisiert. „Symbolische Protestaktionen am Estadio Azteca“ „Die Aktionen reichen von Demonstrationen über lokale Straßenblockaden bis hin zu symbolischen Protestaktionen am Estadio Azteca, dem Austragungsort des Eröffnungsspiels der WM“, berichtet Katharina Krakow von der FDP-nahen Friedrich-Naumann-Stiftung in der mexikanischen Hauptstadt im Gespräch mit der F.A.Z. Sie untersucht den Einfluss der organisierten Kriminalität und Gewalt auf die mexikanische Gesellschaft. Präsidentin Sheinbaum habe bereits Ende 2025 im Kontext der WM vor allem Sicherheits- und Infrastrukturmaßnahmen in den Vordergrund gestellt, sagt Krakow. Sheinbaum versicherte damals, Mexiko werde alle notwendigen Sicherheitsvorkehrungen treffen, um Besucher, Teams und Fans zu schützen, sagt Krakow. Die Adressaten waren aber vor allem nationale und internationale Touristen. Zu den Protestaktionen Ende Januar erklärte die Regierungschefin von Mexiko-Stadt, Clara Brugada, es würden unabhängig von der Weltmeisterschaft neue Wasserversorgungssysteme gebaut und bestehende repariert. Diese Bauarbeiten sollten der Bevölkerung dauerhaft dienen. Behauptungen, der Bevölkerung werde Wasser entzogen, wies die Nachfolgerin und Parteifreundin von Sheinbaum an der Spitze des riesigen Hauptstadtbezirks ­Mexiko-Stadt als Lüge zurück. „Stattdessen kündigte sie eine historische Investition zur Verbesserung der Lebensbedingungen in der Region an. Konkrete Zugeständnisse an Forderungen indigener Gruppen oder lokaler Initiativen sind bislang jedoch nicht erfolgt“, sagt Krakow. „Es ist außerdem zu erwarten, dass die Regierung auch weiterhin versuchen wird, Proteste als unberechtigt und übertrieben darzustellen.“ In Mexiko-Stadt findet am 11. Juni das Eröffnungsspiel der WM zwischen Gastgeber Mexiko und Südafrika statt. Auch in Guadalajara und Monterey wird während der WM gespielt.