Anders als Zugbegleiter oder Lokführer bleiben sie für Bahnreisende in der Regel unsichtbar – doch am Mittwoch haben Hunderte Beschäftigte von DB Systel, dem konzerneigenen IT-Dienstleister des Staatskonzerns, im Bahnhofsviertel demonstriert. Die Betriebsgruppe DB Systel der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) befürchtet den Wegfall von „rund 2000 Stellen, schlimmstenfalls über 4000“. Ende 2025 beschäftigte die IT-Gesellschaft rund 7000 Mitarbeiter, davon mehr als 4000 in Frankfurt. Rund 600 Bahn-Mitarbeiter, unter diesen Unterstützer aus anderen Konzerngesellschaften, versammelten sich am Mittwochmorgen zu einer Kundgebung vor dem Büroturm von DB Systel nahe der Taunusanlage. Auch an den Standorten Berlin und Erfurt hatte die EVG zu Demonstrationen aufgerufen. Der Protest richtete sich gegen Überlegungen im Vorstand, Aufgaben und damit auch Mitarbeiter des IT-Dienstleisters auf andere Konzerntöchter zu übertragen, wie der EVG-Betriebsgruppenvorsitzende in Frankfurt, Erol Polat-von Meding, sagte. „Wenn man uns zerschlägt, zerschlägt man die Zukunft der Bahn.“ Was passiert, wenn es bei der IT der Deutschen Bahn Probleme gibt, war eine Woche zuvor bei einem Cyberangriff auf die Onlinebuchungsplattform deutlich geworden. Unbekannte hatten am 17. und 18. Februar für mehrere Stunden Fahrplanauskünfte und Buchungsanfragen über die Website bahn.de und die App DB Navigator lahmgelegt. „Wenn wir nicht die leistungsstarke Cybersecurity der DB Systel hätten, wären wir heute noch nicht wieder am Start“, sagte dazu am Donnerstag der Vorsitzende des Gesamtbetriebsrats, Burkhard Nobbe. Aus seiner Sicht beweist der Angriff: „Es ist jetzt die dämlichste Idee, die Systel zu zerschlagen.“ Wechsel in andere Konzernteile für ITler unattraktiv Eine Aufteilung der Systel-Mitarbeiter auf andere Konzerngesellschaften bezeichnete Nobbe als „Horrorszenario“, die Entscheidung sei allerdings noch nicht gefallen. Dass die Geschäftsführung bei Systel Arbeitsplätze abbauen wolle, sei jedoch eindeutig: Laut deren Plänen solle die Zahl der in Vollzeitäquivalente umgerechneten Stellen bei Systel bis Ende 2029 um 1400 sinken, erläuterte der Gesamtbetriebsratsvorsitzende in einem Pressegespräch. Bis dahin würden zudem 500 Auszubildende und dual Studierende ihre Abschlüsse erwerben. Wenn diese von DB Systel übernommen werden sollten, ohne neue Arbeitsplätze zu schaffen, hieße das, dass von den bisherigen Beschäftigten noch einmal 500 gehen müssten. Bei einer Zerlegung der Systel müssten noch mehr Beschäftigte den IT-Dienstleister verlassen – darauf bezieht sich die Aussage der EVG, wonach bis zu 4000 Stellen gefährdet seien. Ein Teil davon würde dann allerdings auf andere Konzerntöchter übertragen. Da die Systel-Beschäftigten allerdings nach einem eigenen Haustarifvertrag bezahlt werden, müssten sie bei einem Wechsel in andere Bahngesellschaften vermutlich für Jahre auf Gehaltserhöhungen verzichten, sagte Nobbe. Er bezweifele, dass der Konzern auf diese Weise hoch qualifizierte IT-Fachkräfte halten oder gar neue gewinnen könne. Die Bahn will „die Geschäftsfelder stärken“ Die Deutsche Bahn teilte auf F.A.Z.-Anfrage mit, DB Systel überprüfe „kontinuierlich die IT-Bedarfe ihrer Kunden im Konzern (...) vor diesem Hintergrund wird der Personalbedarf künftig sinken. Über die sozialverträgliche Umsetzung sprechen wir aktuell mit der Interessenvertretung.“ Zum Stichwort Umstrukturierung schrieb eine Bahn-Sprecherin: „Die Holding wird verschlankt, und gleichzeitig werden die Geschäftsfelder gestärkt.“ Allerdings gelte auch: „Wir werden selbstverständlich nichts umsetzen, was die Betriebssicherheit unserer IT-Systeme gefährdet.“ Nobbe warnte, eine Zerlegung von DB Systel gefährde nicht nur die Sicherheit der IT, sondern bringe auch an anderer Stelle Nachteile für Bahnreisende. Welche Probleme etwa eine Verteilung des Daten-Managements auf verschiedene Einheiten bereite, werde jetzt schon am Beispiel Fahrgastinformation deutlich: „Wir haben Auskünfte im Netz, im DB Navigator, im Bahnhof und im Zug. Im schlimmsten Fall sind sie alle unterschiedlich, und keine ist richtig“, kritisierte der Gesamtbetriebsratsvorsitzende. Es handele sich um ein Daten-Synchronisationsproblem. Bei der Anreicherung von Daten um lokale Informationen – wie etwa das von einem Zug angefahrene Gleis – komme es immer wieder zu Fehlern. Das Beispiel mache die Notwendigkeit einer zentralen Steuerung deutlich. Kritik am Bau eigener Rechenzentren Kritik, die Dienstleistungen von Systel seien deutlich teurer als die externer Wettbewerber – ein Vorwurf, den unter anderem der ehemalige Vorsitzende der Lokführergewerkschaft GdL, Claus Weselsky, erhoben hatte –, wies Nobbe zurück. Die Preise von Systel bewegten sich im Mittelfeld, externe Lösungen wären zum Teil deutlich teurer, sagte der Gesamtbetriebsratsvorsitzende. Als Beispiel nannte er Überlegungen im Konzernvorstand, den bislang von Systel betreuten Betrieb der SAP-Anwendungen bei der Bahn an das Softwareunternehmen auszulagern. Dies würde nach Angaben Nobbes in den Jahren 2026 bis 2032 Dutzende Millionen Euro an Mehrkosten zulasten der DB verursachen. Der Arbeitnehmervertreter warf dem Vorstand vor, beim Thema Kostensenkungen nur an Stellenstreichungen zu denken. Auch der für den Gesamtkonzern angekündigte Abbau von 30.000 Arbeitsplätzen scheine einfach „mittels Dreisatz“ von der erwünschten Ersparnis abgeleitet worden zu sein. „Das ist nicht fundiert, hat nicht Hand und Fuß.“ Eher sparen ließe sich aus Sicht des Systel-Gesamtbetriebsratsvorsitzenden bei der Erneuerung der Stellwerke. Dass diese modernisiert werden müssten, sei unstreitig, die Bahn plane dafür jedoch 52 neue sogenannte Technikstandorte, bei denen es sich um eigene Rechenzentren handele. Ein Großteil der Steuerprozesse könnte aber rein virtuell über die Cloud laufen oder laufe derzeit bereits in der Cloud, sagt Nobbe. Eine solche Virtualisierungsstrategie verfolge auch die Schweizerische Bundesbahnen AG. Bei der DB dagegen sei noch die Vorstellung verbreitet: „Wir haben hier unseren eigenen Beton, hier ist die Software sicher.“ Das sei aber ein Irrglaube. Die Rechenzentren großer Cloud-Anbieter wie Microsoft, Amazon Web Services oder der Telekom seien viel besser bewacht und gesichert, als die Bahn es bei einer Vielzahl eigener Rechenzentren je leisten könne. Für die EVG kritisierte der stellvertretende Gewerkschaftsvorsitzende Kristian Loroch, der Bahn-Vorstand habe auch unter der neuen Chefin Evelyn Palla bislang kein „Zielbild“ für den Konzern entworfen. „Es fehlt schlichtweg der Fahrplan.“ Der Abbau von konzernweit 30.000 Stellen über mehrere Jahre war schon 2024 unter dem damaligen Vorstandsvorsitzenden Richard Lutz angekündigt worden. Gut 6000 davon sollen allein in der Güterverkehrssparte DB Cargo wegfallen, wie deren Chef, Bernhard Osburg, vergangene Woche mitteilte. Nobbe sagte dazu auf der Kundgebung: „Wir erleben hier gerade die Verkehrswende rückwärts.“
