Wasserwerfer und Boote der Wasserschutzpolizei, gepanzerte Fahrzeuge und Drohnen: Die Polizei wird in Gießen am Wochenende viel Großgerät und Überwachungstechnik bereithalten. Vor allem aber wird sie eine mittlere vierstellige Zahl an Einsatzkräften auf die Straßen schicken. Denn aus Anlass der Treffens zur Gründung der neuen AfD-Jugendorganisation werden mehrere zehntausend Gegendemonstranten in der Uni-Stadt erwartet. Wie viele es genau sein werden, wird vor allem der Samstag zeigen. Alleine das Aktionsbündnis „Widersetzen“ hat mehr als 200 Busse aus ganz Deutschland angekündigt. Es mobilisiert mithin mehr als 10.000 Menschen. „Widersetzen“ will den AfD-Parteitag mit Sitzblockaden verhindern. Andere Gegner der Rechtspopulisten äußern sich in einer Art, die von der Polizei als Aufruf zur offenen Gewalt eingestuft wird. Deshalb stellt sich die Polizei auf jedes Szenario ein. Sie will sich wappnen. Alles andere wäre naiv. Aufruf aus der Schweiz zur Gewalt in Gießen Denn: Einerseits sind zwei breit in der Bevölkerung verankerte Großdemonstrationen gegen die AfD in Gießen mit jeweils weit mehr als 10.000 Teilnehmern zwar friedlich verlaufen. Andererseits ist schwer zu kalkulieren, ob dieses Mal nicht doch Gewalttäter von außerhalb anreisen. Ein Aufruf auf einer Schweizer Internetseite lässt dies befürchten. Und die Polizei in Gießen verfügt über Erfahrungen mit Krawalltouristen. Zweimal lief das Eritrea-Festival aus dem Ruder und mündete in Gewalt. Vermieter war seinerzeit die private Messe Gießen, bei der sich nun die AfD-Jugend eingemietet hat – sehr zum Ärger von Stadt und Handel, der um den traditionell umsatzstarken ersten Adventssamstag fürchtet. Friedlich gesinnte lokale Aktionsbündnisse sehen ihren kreativen Protest nun überstrahlt von der Furcht vor einem Gewaltexzess. Sie sollten aber nicht verzagen. Sie können das Wochenende selbst prägen und für die bunte Vielfalt werben, für die sie wortmächtig eintreten. Gießen ist eine junge und bunte Stadt. Ein Viertel der Stadtbevölkerung teilt sich auf Menschen aus 159 Nationen auf. Viele von ihnen studieren an einer der vier Hochschulen in Gießen. Dazu kommen Tausende Bürger mit ausländischen Wurzeln. Kirchenvertreter knüpfen daran an: Sie wollen am Samstag zeigen, wofür sie sind. Ausgrenzung und Diskriminierung gehören nicht dazu – Demokratie, Freiheit und Toleranz im sozialen Rechtsstaat sehr wohl.
