Mag das politische Zentrum der Bundesrepublik auch Berlin sein – am Wochenende wird vor allem die Uni-Stadt Gießen aus politischen Gründen viel Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Einen größeren Polizeieinsatz als an der Lahn wird es in ganz Deutschland am Samstag nicht geben. Der Grund ist die geplante Gründung der neuen Jugendorganisation der AfD. Der Junge Alternative genannte Vorgänger war selbst der AfD zu rechtsextrem, der Nachfolger soll gemäßigter werden. Ob dem so sein wird, muss die Zukunft zeigen. Um nicht Ursache und Wirkung zu verwechseln: Ohne die Selbstbezüglichkeit der Messe Gießen stünden die Stadt und die von Tausenden Einsatzkräften aus 14 Bundesländern unterstützte hessische Polizei nicht vor dieser Herausforderung. Sie hat, wie ein Gießener Staatsrechtler erläutert hat, ohne Not an die AfD vermietet, deren Veranstaltung in der weltoffenen und von Menschen aus 160 Nationen geprägten Stadt weithin unerwünscht ist. Klar ist: Zehntausende Menschen wollen gegen das Treffen in den privat betriebenen Hessenhallen der Messe Gießen protestieren. Und das möglichst nahe am Tagungsort der Parteijugend. 23 Veranstalter haben Kundgebungen, Mahnwachen und ein Protestcamp angemeldet. Die Polizei erwartet 50.000 Teilnehmer aus Deutschland und dem Ausland. Einen solchen Auftrieb hat Gießen noch nicht erlebt. Die daraus folgende Kernfrage lautet: Wie gewaltarm wird dieser Protest verlaufen? Unkalkulierbar ist, wie viele Krawalltouristen in die Uni-Stadt kommen werden. Die gesellschaftlich breit bis weit ins bürgerliche Lager hinein verankerten Anmelder aus Mittelhessen setzen auf friedlichen wie kreativen Protest und werben für Demokratie, Freiheit und Toleranz. An ihnen sollten sich möglichst alle Teilnehmer von Kundgebungen jedweder Art ein Beispiel nehmen. Gewalttäter gilt es auszugrenzen.
