Sage mir, was KI mit der Beschäftigung machen wird – und ich sage dir, dass du an Selbstüberschätzung leidest. Angesichts der enormen Unsicherheiten über die Wirkungen der Technologie und ihrer künftigen Entwicklung scheinen Prognosen zur Beschäftigung in der neuen KI-Welt ein Ding der Unmöglichkeit. Und dennoch haben wir uns genau dieser Unmöglichkeit angenommen. „Künstliche Intelligenz: Potentielle Effekte für den deutschen Arbeitsmarkt“ heißt die aktuelle Studie des Bundesinstituts für Berufsbildung, des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung und der Gesellschaft für Wirtschaftliche Strukturforschung. Nein, hellsehen können wir nicht. Aber wir können Annahmen fundieren und transparent darlegen. Wir können die vorliegenden Daten und Entwicklungen analysieren. Wir können Tätigkeiten untersuchen und das Potential für technologische Änderungen ermitteln. Wir können Zusammenhänge nachvollziehen und quantifizieren. Und wir können die Funktionsweise von Wirtschaft und Arbeitsmarkt in Modellen nachbilden. Was wir als Ergebnisse anbieten, hat denn auch keinen Wahrheitsanspruch, nur den Anspruch wissenschaftlicher Objektivität. Im Grunde dienen die Ergebnisse sogar dazu, sich selbst obsolet zu machen. Denn wenn unter den dargelegten Voraussetzungen kritische Entwicklungen absehbar sind, soll ja genau das Impulse zum Gegensteuern setzen. Was die Studie zeigt Thesen gibt es viele in aktuellen Debatten: Uns geht die Arbeit aus, KI bringt den großen Produktivitätsschub, Berufseinsteiger werden massenweise ersetzt, das Ende der Akademisierung ist gekommen. Also, was zeigen die Ergebnisse? Unternehmen können mithilfe verstärkter KI-Nutzung ihre Produktionsprozesse optimieren. So lassen sich Güter etwa mit weniger Materialeinsatz produzieren, weil die Produktionsabfälle reduziert werden. Aber nicht nur bei den Vorleistungen kann gespart werden. Unternehmen werden mit KI ihre Arbeitsproduktivität steigern und die gleiche Menge an Gütern mit weniger Personal herstellen. Dies betrifft nicht nur die Industrie. Auch bei den Dienstleistungen kann Personal eingespart werden. Die Nutzung von KI bringt jedoch nicht nur zusätzliche Einsparpotentiale bei den Vorleistungen und dem Personal mit sich. Um überhaupt KI nutzen zu können, müssen im Vorfeld Investitionen getätigt werden. So sind beispielsweise neue Rechenzentren zu bauen, und in den einzelnen Betrieben sind Investitionen in neue IT-Systeme erforderlich. Eventuell werden auch neue Produktionsmaschinen benötigt. Hinzu kommt, dass KI auch die Erschließung neuer Geschäftsfelder beziehungsweise die Entwicklung neuer Geschäftsmodelle ermöglicht. Diese erhöhen die Absatzmöglichkeiten im In- und Ausland. Infolge der nötigen zusätzlichen Investitionen, der gestiegenen Exporte und des höheren privaten Konsums steigt die Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen im Vergleich zum aktuellen Entwicklungspfad – das lässt neue Arbeitsplätze entstehen. Die höhere Produktivität schafft dafür die Kaufkraft. 800.000 Arbeitsplätze fallen weg – und werden neu geschaffen Aber nicht alle Branchen werden gleichermaßen profitieren. So gibt es zwischen den Branchen Unterschiede bezüglich der Zeit, die die KI braucht, die Branche zu durchdringen, sodass sie vielversprechend eingesetzt werden kann. Bei den Finanzdienstleistungen oder in der pharmazeutischen Industrie dürfte es beispielsweise schnell gehen, KI deutlich stärker einzusetzen. Im Baugewerbe oder im Gastgewerbe ist dagegen zu erwarten, dass es noch einige Jahre dauern wird. Bei anderen Branchen wiederum dürfte der Einsatz der KI nur wenig bringen. Hierzu zählen unter anderem die Vermittlung und Überlassung von Arbeitskräften oder die sonstigen überwiegend persönlichen Dienstleistungen. Entsprechend ergeben sich auch unterschiedliche Arbeitsmarkteffekte. Die Unternehmensdienstleister werden etwa durch den Einsatz von KI immer weniger Personal benötigen und somit Beschäftigung abbauen. Die IT- und Informationsdienstleister oder die Branche Erziehung und Unterricht werden dagegen mehr Personal benötigen. Insgesamt würden durch die verstärkte Nutzung von KI nach 15 Jahren im Vergleich zum aktuellen Entwicklungspfad rund 800.000 Arbeitsplätze wegfallen, gleichzeitig würden aber auch neue Arbeitsplätze in gleicher Größenordnung entstehen. Die höhere Effizienz bei den Vorleistungen und dem Personaleinsatz führt zusammen mit den getätigten Investitionen, den neuen Geschäftsmodellen und günstigeren Importen zu einem höheren Wirtschaftswachstum. Wie die Modellrechnungen zeigen, würde die Wirtschaft durch eine stärkere Nutzung von KI in den nächsten 15 Jahren im Durchschnitt jedes Jahr um 0,8 Prozent stärker wachsen als auf dem aktuellen Entwicklungspfad. Insgesamt ergibt sich daraus ein kumulierter Wertschöpfungszuwachs von rund 4,5 Billionen Euro. Arbeitsplatzmobilität wird wichtiger Eine gute Nachricht ist auch, dass das bei nahezu gleicher Zahl an Arbeitsplätzen passieren würde. Aber: Wenn die geburtenstärkste Generation in den Ruhestand übergeht und sich das Arbeitskräfteangebot verringert, können entstehende Arbeitsplätze nicht nur über das Neuangebot aus dem Bildungssystem besetzt werden. Eine Beschleunigung des Strukturwandels muss über eine zunehmende Arbeitsplatzmobilität erfolgen. Die Ergebnisse zeigen somit einen Entwicklungspfad auf, die demographische Schrumpfung mit einem Wohlstandswachstum zu verbinden. Dies erfordert allerdings eine Adaptionsbereitschaft seitens der Beschäftigten und Betriebe, die bislang in einem eher festgefügt erscheinenden Arbeitsmarkt noch nicht hinreichend sichtbar ist. Schließlich ist eine KI-induzierte Verringerung der Beschäftigung noch nicht mit einer schlechteren Arbeitsmarktlage gleichzusetzen. Vielmehr könnten knappe Personalressourcen langfristig effizienter eingesetzt und etwaige Arbeitskräfteengpässe in anderen Bereichen reduziert werden. Gleichzeitig ist zu erwarten, dass ein verstärkter KI-Einsatz die Anforderungen an die Beschäftigten verändern wird. So dürften insbesondere hoch qualifizierte Tätigkeiten stärker von KI-Anwendungen betroffen sein als von Entwicklungen im Bereich klassischer nichtlernender Software. Diese Diagnose ist aber kein Damoklesschwert. Schließlich liegt die Chance gerade darin, dass es durch die Umwälzungen zu einer Weiterentwicklung von Tätigkeiten und Kompetenzen kommt, für die gerade Hochqualifizierte gute Voraussetzungen haben.
