FAZ 05.01.2026
08:36 Uhr

Probleme im Skispringen: Viel deutscher Frust und ein bisschen Hoffnung


Die arrivierten deutschen Skispringer fliegen bei der Vierschanzentournee hinterher. Doch warum nutzt der Nachwuchs seine Chance dann nicht? Eine Spur führt zum deutschen Ausbildungssystem.

Probleme im Skispringen: Viel deutscher Frust und ein bisschen Hoffnung

Es könnten goldene Zeiten für Nachrücker aus dem B-Kader sein. Denn gerade sind etablierte deutsche Skispringer wie die mehrmaligen Weltmeister Karl Geiger und Andreas Wellinger, der sogar zwei olympische Goldmedaillen gewonnen hat, formschwache Sorgenspringer. Bundestrainer Stefan Horngacher nutzte auch deshalb zuletzt bei der 74. Vierschanzentournee in Oberstdorf und Garmisch-Partenkirchen eine vom Internationalen Skiverband (FIS) gebotene Möglichkeit. Er durfte bei zwei Heimspringen seine sogenannte nationale Gruppe präsentieren, in diesem Fall vier Skispringer, in denen er Potential sieht. Doch sie konnten allesamt ihre Chance nicht nutzen. Bei der Qualifikation für das Tournee-Auftaktspringen in Oberstdorf belegte das Quartett aus dem B-Kader bei 65 Startern die Plätze 60 (Max Unglaube), 52 (Ben Bayer), 46 (Luca Roth) und 44 (Constantin Schmid). Schmid und Roth schafften es somit zwar ins 50er-Feld für den Wettkampf. Den aber beendeten Schmid auf dem 49. und Roth auf dem 44. Platz. In Garmisch-Partenkirchen, Teil zwei der Viererserie, folgten im Vorwettkampf bei diesmal 69 Teilnehmern die Positionen 65 (Unglaube), 54 (Roth), 51 (Schmid) und 27 (Bayer). Beim Neujahrsspringen wiederum landete Bayer auf Rang 43. Bundestrainer Horngacher lobt Bayer zwar, bootete ihn aber dennoch aus und setzte für die beiden Abschlussspringen in Innsbruck und Bischofshofen weiter auf Geiger und Wellinger. Am Bergisel schieden beide bereits im ersten Durchgang aus. Geiger wurde am Sonntag 31., Wellinger belegte den 37. Platz. „Wir haben in Deutschland generell sowohl ein Quantitäts- als auch ein Qualitätsproblem“, sagt Werner Schuster, der Cheftrainer für den skispringenden Nachwuchs des Deutschen Skiverbandes (DSV). Das liege vor allem auch an Wellenbewegungen von aussichtsreichen Athleten. Derzeit existierten Lücken in den Jahrgängen 2002 und 2003 – im krassen Unterschied etwa zu einer veritablen ­Talentschwemme des österreichischen Teams in dieser Altersklasse. Schuster ist Österreicher, er arbeitete zwischen 2008 und 2019 bereits erfolgreich als Bundestrainer des deutschen Teams, aber zuvor und danach auch als Coach und Ausbilder im österreichischen Skigymnasium Stams. Er kennt daher beide Systeme sehr genau: „In Deutschland haben wir sieben auf den Wintersport spezialisierte Elite-Schulen, in die auch nachrückende Skispringer integriert sind. Die sind viel weiter zerstreut als die drei Zentren, die die Österreicher in Stams, Eisenerz und Saalfelden aufgebaut haben. In Österreich können die Nachwuchstrainer gezielter und konzentrierter mit den jungen Leuten arbeiten, was nicht zuletzt auch an der Schneesituation liegt.“ Denn diese Zentren befänden sich „mitten in den Alpen. Dort sind die klimatischen Bedingungen noch besser als in den deutschen Mittelgebirgen“, sagt Schuster. Ein zu starker Fokus auf der Nordischen Kombination? Die Folge davon ist eine Vielzahl von spannenden Springern, nicht nur im Weltcup, sondern auch im Continental-Cup, der zweiten Liga der Skispringer. Dort dominieren rot-weiß-rote Fahnen hinter den Namen der besten Aktiven. Deutsche Teilnehmer tauchen erst sehr weit unten im Klassement auf. „So richtig kann ich mir auch nicht erklären, was da gerade los ist. Denn die Vorbereitung verlief gut“, sagt der einstige Weltklassespringer Martin Schmitt, der als Trainer für den D/C-Kader des DSV zuständig ist, und damit für Nachwuchsspringer, die zwischen 14 und 17 Jahre alt sind. Er stellt fest: „Wir haben in diesem Segment nicht die große Breite.“ Das liegt laut Schuster auch daran, dass in Deutschland viel Wert auf die Komplettausbildung zu Nordischen Kombinierern gelegt wird. Alle deutschen Skispringer waren zuvor auch in Langlauf-Loipen unterwegs, ehe sie sich spezialisiert haben. Schuster hat beobachtet, dass derzeit das Pendel des Interesses bei den nachrückenden Talenten zugunsten der Kombination ausschlägt – „kein Wunder, da ist der DSV ja auch irre erfolgreich. Aber aus diesem Bereich könnten wir schon noch einige Sportler gebrauchen, um sie zu Spezialspringern zu formen.“ Aktuell organisiert der DSV zwar in Zusammenarbeit mit den Skivereinen Talentsichtungen und Grundschulwettbewerbe. „Das sind gute und wichtige Initiativen. Diese Kinder müssen im Nachgang aber betreut und ausgebildet werden. Und hier stellen wir fest, dass es nicht mehr so einfach ist, junge Trainerinnen oder Trainer zu finden“, berichtet Schuster. Hinzu kommt, dass die Ausbildung zum Skispringer immer auch von der Physio­gnomie eines Athleten abhängt. Wächst ein junger Mann übermäßig schnell, gerät sein erarbeitetes System durcheinander, und er muss das Skispringen im Grunde noch einmal neu erlernen. Die Geduld dafür aufzubringen, ist eine große Herausforderung. Manche Talente geben daraufhin auf und wechseln zu einer anderen Sportart. Das deutsche System hat wiederum für Springer vom 20. Lebensjahr an einen Vorteil gegenüber dem österreichischen. DSV-Athleten sind dann in Bundesbehörden angestellt und für ihren Sport freigestellt. Schuster nennt das Beispiel Felix Hoffmann, der es in dieser Saison in die Weltklasse geschafft hat – mit 28 Jahren. „Felix ist bei der Bundespolizei. Er konnte deshalb seinen Sport immer weiter betreiben und musste nicht aufgeben. Ohne diesen Rückhalt wäre er uns womöglich verloren gegangen“, sagt Schuster. Hoffnung aber bestehe bei den Jahrgängen 2007 bis 2009 – „da haben wir ein paar Sportler dabei, die ganz interessant sind. Und da versuchen wir alles, dass wir sie für das A-Team entwickeln können“, sagt er. Doch damit sei ein Prozess verbunden, „der viel Zeit in Anspruch nimmt“.