FAZ 27.12.2025
11:54 Uhr

Probleme des Wintersports: Lernen Kinder heute noch, wie man Ski fährt?


Klimawandel, Schneemangel, verändertes Freizeitverhalten und auch immer weiter steigende Kosten: Der Skisport steht vor riesigen Herausforderungen. Es gibt Ideen – und unterschiedliche Prognosen.

Probleme des Wintersports: Lernen Kinder heute noch, wie man Ski fährt?

„Skilaufen ist Motorsport“, sagt Boris Bregar, Präsident des Skiklubs Bad Reichenhall. Um zum Skilaufen in den Schnee zu kommen, muss er fahren. Immer. Selbst im bergnahen Berchtesgadener Land. Sogar für Langlauf. An Zeiten, in denen er mal eben Schuhe und Skier unterschnallen und seine Runden hinter der Haustür drehen konnte, erinnert sich der Mittfünfziger zwar noch gut. Aber sie sind vorbei. „Wir hatten gute Loipen, aber sie sind nicht mehr gespurt“, sagt Bregar. Der Klimawandel. Der Schneemangel. Und das geänderte Freizeitverhalten. Bad Reichenhall liegt 473 Meter über dem Meeresspiegel, an der Grenze zu Österreich in der Nähe von Salzburg. Eigentlich Ski-Enthusiasten-Einzugsgebiet. „Aber der Dorflift nach der Schule ist bei uns schon lange kein Thema mehr.“ „Bewegung im Schnee zaubert Alltagsprobleme weg“ Genau diese „kleinen Liftanlagen in den Mittelgebirgen und im Alpenvorland“ sind aber nach Meinung von Ralf Roth, Professor am Institut für Outdoor-Sport und Umweltforschung der Deutschen Sporthochschule (DSHS) Köln, „die wichtigsten Lernorte für das Skifahren von Kindern“. Im Schwarzwald, im Schwäbischen oder in Bayern. Sie gelte es zu erhalten. Roth forscht über das aktive Freizeitverhalten der Deutschen, er erkundet die Wechselwirkungen von Breiten- und Leistungssport mit dem Naturraum, der Zivilgesellschaft und den Wirtschaftsakteuren. In einer Abhandlung über die „Magie des Schnees“ hat er herausgearbeitet, warum es Menschen zum Wintersport zieht. „Bewegung im Schnee zaubert unsere Alltagsprobleme weg“, sagt Roth: „Der Schnee schafft den perfekten Übergang von Alltagsbegrenzung in ein Gefühl von grenzenloser Freiheit.“ Diese „Auszeit“ begründe die psychologische Verbundenheit der Menschen zum Wintersport. Letztlich sei das „Erlebnisgut“ Schnee auch einfach zu begreifen: „Ich muss keinem Kind beibringen, was es im Schnee machen kann: rutschen, Schneebälle werfen.“ Oder eben Skilaufen. Für Kinder und Jugendliche seien Schneelandschaften Sehnsuchtsräume. Und den Zugang gelte es zu erhalten. Skifahren ist dank zahlreicher Skigebiete eine kommerzielle, aber frei zugängliche Sportart. Und das grundsätzliche Interesse am Skifahren ist nach wie vor hoch. „In Deutschland wird die Zahl der jährlichen Skifahrerinnen und Skifahrer auf rund sieben Millionen geschätzt“, sagt Roth. Der Einstieg erfolgt zumeist über das private und familiäre Umfeld. Skifahrende Eltern und Großeltern geben die Begeisterung an Kinder oder Enkel weiter. Auch Schulen und Vereine dienen als Verstärker: Deutschlandweit gibt es etwa 3600 Skivereine. „Der Aufwand ist enorm“ Der Skiklub Bad Reichenhall vereint 430 Mitglieder, die Hälfte ist unter 18 Jahren, bei einer Kleinstadt von 19.000 Einwohnern. Zum Angebot gehören auch zwei organisierte Skigruppen für Kinder und Jugendliche. In der Breitensportgruppe sind es knapp 50 Kinder, die ab und zu „Stangerlfahren“ üben, wie hier über Slalom und Riesenslalom gesagt wird – sie allerdings vereint vor allem der Spaß am freien Fahren. Zum Leistungssportteam zählen zehn Jungen und Mädchen zwischen zehn und vierzehn Jahren. Diese ambitionierte Gruppe ist schon seit Anfang November zum Gletschertraining unterwegs, immer am Wochenende stehen 90 Minuten Fahrt zum Kitzsteinhorn an. Dazu mittwochabends zum Götschen nach Bischofswiesen, wo unter Flutlicht trainiert werden kann. „Der Aufwand ist enorm“, sagt Bregar. Zeitlich und finanziell. Die Ausrüstung ist teuer: Ski, Schuhe, Winterbekleidung. Dazu schlägt der Skipass zu Buche. Die „Große Salzburgkarte“, die 23 Skigebiete im Salzburger Land und den Kitzbüheler Alpen umfasst, kostet für Kinder 483 Euro, für Jugendliche 732, für Erwachsene knapp tausend pro Saison. „Skifahren ist mittlerweile ein Sport, den nicht mehr jeder betreiben kann“, sagt Bregar. „Ohne gezielte Gegenmaßnahmen besteht die Gefahr, dass sich der alpine Skisport zunehmend sozial selektiv entwickelt“, hat auch Roth erkannt. Zumal die Eltern das Hobby der Kinder nicht nur finanzieren, sondern auch Zeit dafür aufbringen müssen: als Fahrer und Begleiter am Wochenende. Mehrwert des Skisports ist ein Dreiklang Der Reichenhaller Verein verfügt über 14 ausgebildete Übungsleiter – die meisten sind Mitte, Ende 50. Um die Jüngeren zu akquirieren, gilt es, zwei Hürden zu überwinden. „Du musst sie dazu motivieren, den Übungsleiter-Lehrgang zu absolvieren – und dann schauen, dass sie im Winter auch zur Verfügung stehen“, sagt Bregar. Dabei sind geeignete Coaches in den Vereinen nach Ansicht von Roth ein wichtiges Kriterium für die Zukunftsfähigkeit des alpinen Skifahrens. Der Mehrwert des Skisports liegt nach seinen Erkenntnissen in einem Dreiklang aus sportlicher Ausbildung, ganzheitlicher Persönlichkeitsentwicklung sowie dem Bewegungs- und Naturerlebnis: „Der Schlüssel ist, Kinder und Jugendliche in Bewegung und Gemeinschaft zu bringen!“ Gerade auch im Winter. „Deshalb ist es wichtig, alle Sportaktivitäten im Winter niedrigschwellig anzubieten.“ Um gemeinsame Schneeerlebnisse zu kreieren, hat die Wintersportinitiative „Dein Winter. Dein Sport“ eine Skischul-Challenge ins Leben gerufen. Bei dem vom Deutschen Skiverband (DSV) getragenen Projekt konnten sich Schulklassen aus ganz Deutschland bewerben, um eine Woche Klassenfahrt im Schnee mit Skikurs zu gewinnen. Als Patin und Losfee fungierte Miriam Neureuther. „Ich finde es toll, Schulklassen die Möglichkeit zu geben, gemeinsame Erlebnisse im Schnee zu bekommen“, sagt die ehemalige Weltklasse-Biathletin über ihre Motivation, sich zu engagieren. Als Lohn empfindet sie die spürbare Begeisterung: „Die Schüler gehen alle strahlend aus der Skiwoche raus.“ Ist der Wintersport ein Klimakiller? Etwa tausend Klassen bewarben sich bundesweit, neun hatten Losglück. So fährt eine zehnte Klasse der Waldschule Hatten aus Niedersachsen nach Garmisch-Partenkirchen, die achte einer Gesamtschule aus Nordrhein-Westfalen nach Obertauern. Und eine neunte aus Ansbach in Bayern an den Kronplatz nach Südtirol. Die Anreise finden mit der Deutschen Bahn statt, sodass die Fahrten klimaschonender erfolgen. Doch entgegen seinem schlechten Ruf sei Wintersport ohnehin kein Klimakiller, sagt Roth. Wintersport weist – wie andere Sportarten im Freien – einen vergleichsweise geringen Energiebedarf auf. Im Wesentlichen zahlen An- und Abreise und die Unterkunftswahl auf das CO₂-Konto ein. Wer sich in Fahrgemeinschaften organisiert und möglichst länger vor Ort bleibt, sei schon auf einem guten Weg. Für Miriam Neureuther, die mit Ehemann Felix, vier Kindern und Hund in Garmisch-Partenkirchen lebt, „gehört Skifahren immer noch zur Alltagskultur“. Und beginnt vor der Haustür. Ihr durch Vierschanzentournee und Weltcup bekannter Wohnort liegt auf 700 Metern, das Skigebiet unterhalb der Zugspitze reicht bis rauf auf 2700 Meter Höhe – und ist entsprechend schneesicher trotz Klimaveränderung. „Die Begeisterung ist ungebrochen, die Kinder lieben es“, sagt die 35-Jährige aus eigener Beobachtung über das Skifahren als gesamtgesellschaftliches Phänomen. Gleichwohl erkennt auch sie, dass die finanzielle Frage für viele Familien das Ausschlusskriterium darstellen könnte. Sie lobt in diesem Zusammenhang Angebote heimischer Skischulen, die vom Skistock bis zum Helm alle Materialanforderungen leihweise zur Verfügung stellen. Erfolge von Profisportlern fördern Interesse Es werde entscheidend sein, ob es Verbänden, Vereinen und Partnern gelingt, niedrigschwellige Angebote, Fördermodelle und einfache Zugangswege zu etablieren, sagt Roth. „Gelingt dies, kann alpines Skifahren auch künftig als attraktiver, breitenwirksamer und zukunftsfähiger Kinder- und Jugendsport erhalten bleiben.“ Der Sportprofessor blickt über die Bundesgrenze hinaus und berichtet von Initiativen, bei denen Kinder bis zu einem bestimmten Alter kostenfrei Liftanlagen nutzen können. Zudem können Erfolge im alpinen Rennsport und positiv wahrgenommene Vorbilder das Interesse am Nachwuchsskisport steigern. In der Schweiz zeigte sich dies zuletzt deutlich: Die Erfolge des Weltcup-Teams, insbesondere durch Marco Odermatt, gingen in einzelnen Kantonen mit deutlich steigenden Teilnehmerzahlen bei Kinder-Skirennen einher. In Deutschland wird Skifahren dagegen fast ausschließlich als Freizeitsport betrieben. Der Anteil derjenigen, die regelmäßig an Skirennen teilnehmen, liegt bei deutlich unter zehn Prozent aller skifahrenden Kinder. Tendenziell seien die Teilnehmerzahlen bei Kinderrennen leicht rückläufig, teilt der DSV auf Anfrage mit. Zwar seien sie im „Deutschen Schülercup“ im vergangenen Jahrzehnt relativ gleich geblieben – sie erreichten jedoch längst nicht mehr das Niveau von vor zwanzig Jahren. Obwohl er sich selbst als begeisterten Skifahrer versteht, empfindet der Bad Reichenhaller Boris Bregar den Skisport langfristig „eher auf dem absteigenden Ast“. Nach Erkenntnissen von Professor Ralf Roth kann die „Magie des Schnees“ dagegen unverändert wirken. Als Auszeit aus dem digitalen und entkörperlichten Alltag. „Wir müssen allerdings klimafit und wandlungsstark bleiben.“