Wer einem Lagerkoller vorbeugen will, braucht genügend Kuchen. Der Backofen im Hotel unterhalb der Südtirol-Arena muss in den vergangenen Tagen auf Hochtouren gelaufen sein. Nach jedem Biathlon-Wettkampf dieser Olympischen Spiele feierten bisher entweder Norweger, Franzosen oder Schweden mindestens einen Medaillenerfolg. Und weil die Teams der drei Nationen allesamt in diesem Hotel untergebracht sind, begießen sie ihre Siege gemeinsam. In Antholz finden ausschließlich die olympischen Biathlon-Wettkämpfe statt, die nächsten Standorte der Winterspiele in Cortina d’Ampezzo, Val di Fiemme oder Tesero liegen mindestens eine Stunde Fahrtzeit entfernt. Ein echtes olympisches Dorf gibt es deshalb in Antholz nicht, die Teams sind in verschiedenen Hotels im Tal verteilt untergebracht. Acht Medaillen an Frankreich, sieben an Norwegen Doch die bisher erfolgreichsten Nationen schaffen sich ihr eigenes „Olympia-Feeling“ mit Jugendherbergsflair. Die Bilder, die über die Sozialen Medien nach außen dringen, zeigen Athletinnen und Athletinnen in Jogginganzügen beim Videospielen, Stricken oder Kartenspielen. Sieben von elf Biathlon-Rennen sind schon gelaufen, von den 21 Medaillen gingen acht an das französische Team und sieben an Norwegen. Bei dieser geschlossenen Medaillen-Gesellschaft ist die deutsche Mannschaft seit ihrem Bronze-Erfolg in der Mixed-Staffel vor mehr als einer Woche außen vor. In den Einzelrennen wirkten die Athletinnen und Athleten des Deutschen Skiverbandes (DSV) eher wie Blauhelm-Truppen der Vereinten Nationen: zwar bewaffnet, aber unbeteiligt im Kampf um die Medaillen. Zugegeben, ganz abgeschlagen waren Philipp Nawrath (Fünfter im Einzel), Vanessa Voigt (Vierte im Einzel), Philipp Horn (Zehnter im Sprint) und Franziska Preuß (Sechste in der Verfolgung) nicht. Doch im entscheidenden Moment fehlte ihnen die perfekte Symbiose aus dem, worauf es im Biathlon ankommt: fehlerfrei schießen und in der Loipe schnell langlaufen. Warum können die anderen das besser, vor allem unter größtem Druck am Schießstand? Das ist der Vorteil der Franzosen und Norweger Vier Faktoren spielen dabei eine entscheidende Rolle: das Selbstvertrauen, das Schießvermögen, die Ausdauer in der Loipe und das Skimaterial. Punkt eins, das hatte der DSV-Schießexperte Peter Sendel vor den Spielen im F.A.Z.-Interview gesagt, müssen sich die Athleten im Training aneignen. „Wenn du da immer wieder deinen Nachbarn wegputzt“, sagte er, „dann weißt du, dass du das auch im Wettkampf kannst und nichts Besonderes machen musst“. Der Vorteil der Franzosen und Norweger ist: Sie haben schon früh einen hohen Konkurrenzdruck. Der deutsche Biathlet David Zobel wies darauf hin, „wie viele Nachwuchssportler die Franzosen haben. Das geht in Richtung 200 und bei uns sind es 50. Da brauchst du das eine Übertalent, ansonsten wird es schwierig.“ Und – diese Frage samt Antwort ergänzte Zobel noch – warum sei Deutschland im Fußball besser als Norwegen? „Weil wir mehr Fußballer haben.“ Die Franzosen haben den Biathlon-Boom genutzt, den ihr „Übertalent“, der sechsmalige Olympiasieger Martin Fourcade, in den 2010er Jahren ausgelöst hat. Bei Julia Simons Sieg im Einzel am Mittwoch saß die nächste Biathlon-Generation ihres Heimatvereins Les Saisies vor dem Fernseher und fieberte mit. Auf regionaler Ebene gebe es in Frankreich so viele gute, junge Athleten, dass der Verband Schwierigkeiten habe, sie alle in den nationalen Rennen an den Start zu bringen, sagte Teamchef Stéphane Bouthiaux bei der Weltmeisterschaft im vergangenen Jahr. Auch Norwegen kann aus einem großen Pool von Nachwuchsathleten schöpfen. Sendel: „Die wachsen ja schon mit Skiern an den Füßen auf.“ „Wir inspirieren und helfen uns gegenseitig“ Sprint-Siegerin Maren Kirkeeide stammt aus demselben Dorf wie Johannes Thingnes Bö, der erfolgreichste Biathlet des vergangenen Jahrzehnts. Dort, in Stryn, gebe es viele Menschen, „die hart arbeiten, damit wir unsere Ziele erreichen können”, sagte die 22 Jahre alte Athletin nach ihrem Olympiasieg. „Wir inspirieren und helfen uns gegenseitig, um immer besser zu werden.“ Nach dem Sprint der Männer in Antholz erklärte Silbermedaillengewinner Vetle Sjaastad Christiansen, wie es ihm und seinen Landsleuten gelinge, ständig ihrer Favoritenrolle gerecht zu werden und mit dem damit verbundenen Erfolgsdruck umzugehen: „Ich glaube, bei den Olympischen Spielen haben wir am wenigsten Druck“, sagte Christiansen, der mit 33 Jahren der Erfahrenste im Team ist. „Vor dem ersten Rennen der Saison ist es am schlimmsten. Es ist hart für uns, sich überhaupt für den Weltcup zu qualifizieren, weil wir so viele gute Athleten haben. Wenn man erstmal drin ist und seinen Rhythmus gefunden hat, wird es besser. Hier freuen wir uns einfach, dass wir nominiert worden sind“, sagt er. Ein krasser Kontrast zur Situation im deutschen Männer-Team: Lediglich vier Athleten hatten überhaupt im Weltcup die volle Norm für die Olympischen Spiele erfüllt, also entweder einmal die Top-Acht erreicht oder zweimal die Top-15. Lucas Fratzscher war mit einem 16. Platz im Sprint von Oberhof als fünfter Mann für Antholz nominiert worden. „Können nicht mit einem Fingerschnippen aufholen“ An der Teildisziplin Schießen hatte das deutsche Männer-Team im Sommer mit einem Psychologen gearbeitet, nachdem die Vorsaison eine „große Verunsicherung“ im Team hinterlassen hatte, wie es Bundestrainer Tobias Reiter beschrieb. Er hatte die Mannschaft im März übernommen, sein Vorgänger Uros Velepec war nach ausbleibenden Erfolgen bei der WM 2025 zurückgetreten. Reiter dämpfte aber schon im Dezember die Erwartungen an einen schnellen Effekt: „Wir dürfen nicht den Fehler machen und denken, wir könnten das, was wir in den letzten Jahren verloren haben, mit einem Fingerschnippen wieder aufholen. Das ist ein Prozess, da wieder hinzukommen.“ Sportdirektor Felix Bitterling betont in Antholz gern, dass die Deutschen gezeigt hätten, dass sie mit der Weltspitze mithalten könnten. Aber: „Am Ende des Tages müssen die Trainer mit dem Athleten-Personal arbeiten, was da ist. Der Trainer kann nicht selbst den richtigen Schuss setzen, das muss der Athlet tun. Wenn am Ende dieser eine Fehler steht, dann sind wir da, wo wir jetzt sind.“ Ein Blick auf die zweite Teildisziplin, das Langlaufen, zeigt, dass selbst, wenn die DSV-Athleten fehlerfrei schießen würden, sie in der Loipe abgehängt werden. Auch die laufstarken Julia Tannheimer und Franziska Preuß konnten mit den Spitzenzeiten nicht konkurrieren. Was die Frage aufwirft, ob das deutsche Skimaterial perfekt auf die Schneebedingungen in Antholz abgestimmt ist. „Ich glaube“, sagte Bitterling dazu, „dass viele Nationen, inklusive wir, gute Ski haben.“ „Es wäre schön, wenn wir das noch entschlüsseln“ Aber: „Bei aller Qualität, die Franzosen und Norweger läuferisch haben, hat man das Gefühl, dass da noch ein bisschen was anderes drunter ist. Es wäre schön, wenn wir das auch noch entschlüsseln.“ Entspannte Tage erlebt das deutsche Skitechnik-Team in Antholz mit Sicherheit nicht. An diesem Dienstag (14.30 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zu Olympia 2026, in der ARD und bei Eurosport) geht es weiter mit der Männer-Staffel. Sofern Franzosen oder Norweger in ihrer Partylaune nicht versehentlich das Wunder-Wachs-Rezept verraten, kann das Küchenpersonal den Backofen im Team-Hotel schon einmal vorheizen.
