FAZ 25.01.2026
15:19 Uhr

Prevc bei Skiflug-WM: „Jetzt beginnt es, unglaublich zu werden“


Der Slowene Domen Prevc fliegt wieder mal in seiner eigenen Liga – und freut sich schon auf die Olympischen Spiele. Für das deutsche Quartett sind die Aussichten hingegen düster.

Prevc bei Skiflug-WM: „Jetzt beginnt es, unglaublich zu werden“

Vor dem letzten Flug zeigte sich die surreale Überlegenheit des Skifliegers Domen Prevc aus Kranj in Slowenien. Er führte so souverän das Klassement an, dass ihm zum Sieg auf der Oberstdorfer Heini-Klopfer-Schanze 171 Meter zum Sieg und zu Gold bei der Skiflug-Weltmeisterschaft im Allgäu gereicht hätten. Das sind 60,5 Meter weniger als der Versuch, den der Norweger Marius Lindvik kurze Zeit zuvor gestanden hatte. 60,5 Meter – das ist eine andere Dimension. Und wie ein Springer aus einer anderen Welt wurde Prevc ja auch behandelt während seiner vier Versuche vor 18.000 Zuschauern. Die Jury verlegte die Anlaufluke vor Prevc’ Einsätzen bisweilen um vier Stufen nach unten. Das verlangsamte die Anlaufgeschwindigkeit erheblich und sollte dafür sorgen, dass Prevc unten im Auslauf noch sicher landen konnte. Ein gigantischer Vorsprung Der Sechsundzwanzigjährige konterte die Sicherheitsmaßnahme meisterhaft. Trotzdem landete er nach seinem letzten Flug bei 222,5 Metern und erhielt dafür satte Bonuspunkte wegen des verkürzten Anlaufs – zuvor flog er 204, 224,5 und 232 Meter weit. Nachdem dieser Vogelmensch seine Skier in den Schnee gesetzt hatte, stilecht im Telemark, verbeugte er sich vor dem Publikum – und gewiss auch ein wenig vor sich selbst. 59,5 Punkte hatte Prevc schließlich an Vorsprung zwischen sich und Lindvik gelegt, den Zweitplatzierten. Und 63 Zähler trennen den Sieger vom Dritten, dem Japaner Ren Nikaido. 59,5 Punkte entsprechen fast genau 50 Weitenmetern. Das ist zwar wahr, bleibt aber unglaublich. Domen Prevc bildet nun zusammen mit Peter Prevc das erste Brüderpaar, das Skiflug-Weltmeister und Vierschanzentournee-Sieger wurde. Peter Prevc gewann beides, die Tournee und Flieger-Gold, 2016. Sein Bruder zehn Jahre später. Das deutsche Quartett hatte Domen Prevc nichts entgegenzusetzen. Es hatte überhaupt wenig gezeigt in den beiden Wettkampftagen von Oberstdorf. Der beste Springer des Bundestrainers Stefan Horngacher, der seinen Posten nach dieser Saison abgibt, war Philipp Raimund auf Rang 13. Es folgten dahinter Karl Geiger (17.), Felix Hoffmann (22.) und Pius Paschke als 25. im Feld der 30 besten Teilnehmer. Kein deutscher Starter bei einer Skiflug-WM unter den besten zehn – das gab es zuletzt 2010, und das erklärt auch das Ausmaß dieser gravierenden Heimpleite. „Das ist bitter. Mit dem Ergebnis bin ich absolut nicht zufrieden“, sagte Horngacher nach dem Wettkampf. Auch er konnte nur staunen über Domen Prevc. Prevc ist auch Weltrekordhalter Der Slowene ist der überragende, der dominierende Skispringer der Saison. Von den bisher 19 Weltcup-Wettbewerben gewann er neun. Den ersten Saisonhöhepunkt, die Vierschanzentournee, sicherte er sich quasi en passant ebenfalls mit riesigem Vorsprung. Und schon nach dem letzten Sprung dieser Serie betonte er, dass er sich sehr auf die Skiflug-Tage von Oberstdorf freue. Nun ist Prevc auch noch Skiflug-Weltmeister, und es ist mehr als wahrscheinlich, dass er auch bei den Olympischen Spielen ab Anfang Februar, dem dritten Großereignis in diesem Winter, glänzen wird. Skifliegen ist der große Bruder des Skispringens. Die Schanze ist gewaltiger, der Anlauf viel länger, die Geschwindigkeit vor dem Abheben größer, was Weiten weit jenseits der 200-Meter-Marke ermöglicht. Slowenische Skispringer gelten schon seit Generationen als Meister in dieser besonderen Disziplin. Daheim in Planica steht im Tal der Schanzen eine der größten Anlagen der Welt. Dort gelang Domen Prevc am 30. März des vergangenen Jahres der Weltrekord-Flug auf 254,5 Meter. In Oberstdorf war diese Weite vor allem wegen des Eingreifens der Jury nicht möglich. Und obwohl seine beiden Flüge am ersten Tag ein paar Wackler aufwiesen, war sein Vorsprung schon da komfortabel. Karl Geiger staunte daher: „Der Domen hat da noch ein paar Ecken drin und fliegt trotzdem so überlegen. Wie sieht es erst aus, wenn er mal perfekt durchkommt?“ Wie das aussah, war im dritten und vierten Versuch zu sehen, als Prevc erst einige Sekunden nach Überquerung der grünen Linie landete, die die Führungsweite ausweist. „Um diese Leistung zeigen zu können, habe ich hart gearbeitet. Jetzt beginnt es, unglaublich zu werden“, sagte der neue Skiflug-Weltmeister. Prevc ist gerade auf einer großen Come­backtour. Denn schon einmal, Ende 2016, startete er als Siebzehnjähriger mit einigen Erfolgen in die Saison. Doch das war ein positiver Ausreißer, erst Anfang 2025 war er wieder ein konstanter Siegspringer. Und nun ist er der mit Abstand beste von allen. In Oberstdorf sagte er noch: „Die Olympischen Spiele stehen vor der Tür. Ich freue mich sehr darauf.“ Für die Konkurrenz sind das keine guten Aussichten.