Tausende Frankfurter stehen an den Straßen oder folgen dem Trauerzug. An diesem Morgen erweisen sie ihrem Stadtoberhaupt in Schwarz die letzte Ehre. Über die folgenden Jahre werden sie ihre Kleidung demonstrativ mit Weiß und Rot akzentuieren – den Farben der Freien Stadt Frankfurt, die an diesem Sommermorgen symbolisch ebenfalls zu Grabe getragen wird. So endet die Tragödie um Carl Fellner, die ein halbes Jahr zuvor begann: am 11. Dezember 1865, dem Tag, an dem er zum Älteren Bürgermeister der Freien Stadt Frankfurt gewählt wurde. Mit Fellner verließ sich der Senat auf einen bewährten Kandidaten. Fellner war Mitglied der liberalen Gothaischen Partei, pflichtbewusst und beliebt. Dreimal hatte man ihn schon zum Jüngeren Bürgermeister gewählt, zuständig für die inneren Angelegenheiten, etwa Rechtsfragen und die Wirtschaft. Dabei hatte Fellner wichtige Modernisierungen vorangetrieben, zuletzt besonders die Aufhebung des mittelalterlichen Zunftzwangs zugunsten einer modernen Gewerbefreiheit. Gerade in Wirtschaftsfragen war der erfahrene Geschäftsmann Fellner der richtige Ansprechpartner. Im neuen Amt als Älterer Bürgermeister wurde er nun verantwortlich für Äußeres: Vertragsschlüsse, das Militär sowie Fragen von Krieg und Frieden. Frankfurt war 1865 eine blühende Stadt Allzu schwer schien diese Aufgabe nicht zu werden: Die Freie Stadt Frankfurt stand in wirtschaftlicher Blüte. Nach London behauptete sie ihren Platz als zweitgrößter Finanzplatz Europas. In den vergangenen Jahrzehnten waren üppige Prachtbauten, Stadtvillen und Privatparks entstanden – etwa die Villa Metzler und der Günthersburgpark. Im Palais Thurn und Taxis kam der Deutsche Bundestag zusammen. Wirtschaftlich wie politisch stand Frankfurt damit im Zentrum des Deutschen Bundes. Doch in diesem Bund verschärften sich inzwischen die Probleme. Der schwelende Machtkampf zwischen Preußen und Österreich eskalierte. Vordergründig ging es um gemeinsame Eroberungen aus dem deutsch-dänischen Krieg: die Herzogtümer Schleswig und Holstein. Eigentlich wurde aber um die Vorherrschaft gerungen. Preußen war mit den Staatsgrenzen, die ihm der Wiener Kongress zugewiesen hatte, unzufrieden. In seiner berühmten Rede vor dem preußischen Abgeordnetenhaus hatte Otto von Bismarck am 30. September 1864 offen ausgesprochen, dass die Fragen der Zeit nicht durch Reden und Mehrheitsbeschlüsse gelöst würden wie in Frankfurt, „sondern durch Eisen und Blut“. 1866 besetzten preußische Truppen Frankfurt Im Mai zog Preußen seine Truppen an den Grenzen zu Österreich zusammen. Am 11. Juni beantragte Österreich die Mobilmachung des Bundesheeres. Am 14. Juni wurde der Antrag angenommen, Preußen erklärte seinen Austritt aus dem Deutschen Bund und dem Deutschen Bund den Krieg. Vielleicht begann Fellners Tragödie also an einem dieser Frühsommertage. Zwar blieb sein Frankfurt offiziell neutral. Auf welcher Seite die Frankfurter Sympathien lagen, zeigte sich aber schon beim Abzug der Truppen beider Seiten: Während man für die Österreicher jubelte, ließ man die Preußen diskret ziehen. Davon schreibt der Frankfurter Historiker Henning Roet de Rouet in seinem Buch „Frankfurt am Main als preußische Garnison“ unter Berufung auf damalige Zeitungsberichte. Was der autoritäre Otto von Bismarck indes von Fellners liberalem Frankfurt hielt, ließ sich erahnen. Immerhin war Frankfurt der Regierungssitz des Deutschen Bundes – und noch schlimmer: der Hauptschauplatz der deutschen Revolution von 1848/49. Wenn außerdem Berlin das neue Zentrum bilden sollte, musste man Frankfurt ins Abseits schieben. Die Kriegsentscheidung fiel bei Königgrätz: Preußen gewann gegen Österreich. Am 16. Juli 1866 besetzten die preußischen Truppen ohne eine Kriegserklärung Frankfurt. Damit nahm die Tragödie Fellners ihren Lauf. Der Bürgermeister weiß keinen Rat Der Frankfurter Senat, die Gesetzgebende Versammlung und die Bürgerrepräsentation wurden entmachtet, stattdessen wurde eine preußische Militärverwaltung etabliert. Fellner erklärte sich bereit, als Regierungsbevollmächtigter Preußens seiner Verantwortung für Frankfurt gerecht zu werden. Gemeinsam mit dem Senator Samuel Gottlieb Müller verhandelte er zwischen der besetzten Stadt und den Besatzern – eine schwierige, wenn nicht gar unmögliche Aufgabe. Denn die Besatzung war hart. Die preußischen Soldaten quartierten sich bei Frankfurter Bürgern ein, beanspruchten die besten Zimmer und bedienten sich mit dem Recht des Stärkeren bei kostbaren Vorräten. Die Militärverwaltung stand offenbar unter dem Eindruck, mit der Handelsstadt Frankfurt einen Ort unerschöpflicher Reichtümer betreten zu haben. General Eduard Vogel von Falckenstein forderte eine Kontributionszahlung von mehr als 5,7 Millionen Gulden. Um die Dimension deutlich zu machen: Als Fellner die Zahlung bewilligte, mussten für den Transport des Geldes nach Berlin acht Eisenbahnwaggons beladen werden. Doch damit nicht genug. Am 20. Juli 1866 verlangte Falckensteins Nachfolger, General Edwin von Manteuffel, eine neuerliche Zahlung: diesmal 25 Millionen, zu zahlen binnen 24 Stunden. Fellner versuchte zu vermitteln, die Stadt zu einer Zahlung zu bewegen und die Preußen für eine Ratenzahlung zu gewinnen. Immerhin zeigte Manteuffel sich bereit, die bereits gezahlten 5,7 Millionen Gulden anzurechnen. Doch die Gesetzgebende Versammlung und die Bürgerrepräsentation lehnten eine weitere Zahlung ab. Derweil waren preußische Kanonen auf dem Roßmarkt und der Zeil aufgestellt worden; die Weigerung wurde von Preußen als Rebellion verstanden. Manteuffel forderte von Fellner eine Liste aller Mitglieder des Senats, der Gesetzgebenden Versammlung und der Bürgerrepräsentation mit Angabe ihrer Namen und Besitzverhältnisse. Er wollte sie persönlich haftbar machen. Was sollte Fellner tun? Zwar wollte er zahlen, doch er konnte nicht. Zwar konnte er eine Liste herausgeben, aber er wollte nicht. Bislang hatte er einen Kampf mit äußeren Umständen geführt. Ohne verbleibende Handlungsmöglichkeiten verlagerte sich dieser Kampf offenbar in sein Inneres. Damit kam seine Tragödie am 24. Juli 1866 zu ihrem Ende – Carl Fellners 59. Geburtstag und zugleich sein Todestag. Carl Fellner scheidet aus dem Leben In der Friedberger Anlage, in seinem ehemaligen Garten, erinnert seit 1958 eine Gedenkplatte an ihn: „Carl Constantin Victor Fellner, letzter Regierender Bürgermeister der Freien Stadt Frankfurt, schied an dieser Stelle am 24.7.1866 freiwillig aus dem Leben, weil er den Verlust der städtischen Freiheit nicht ertragen konnte.“ Um Proteste zu verhindern, setzte die preußische Militärverwaltung Fellners Begräbnis auf fünf Uhr morgens an. Trotzdem folgten mehrere Tausend Frankfurter dem Leichenzug. Im Oktober 1866 wurde Frankfurt offiziell von Preußen annektiert. Mit dem exponierten Status einer freien Stadt, privilegiert und im politischen Zentrum, war es damit vorbei. Preußen gab seine Zahlungsforderung letztlich auf. Trotzdem waren die Preußen als Besatzer – diejenigen, mit denen eine Blütezeit zu Ende gegangen war – über die nächsten Jahre unbeliebt, wenn nicht verhasst. Doch im patriotischen Rausch der Reichsgründung von 1871 vergaß man schließlich diesen Preußenhass. Vergessen ist Carl Fellner nicht. Noch heute erinnern sein Grabmal mit Büste auf dem Hauptfriedhof und seine Totenmaske im Historischen Museum an ihn: den letzten Bürgermeister der Freien Stadt Frankfurt, der bei seiner Wahl am 11. Dezember 1865 noch nicht wusste, was in seinem Amtsjahr auf ihn zukam.
