FAZ 22.01.2026
11:37 Uhr

Preisanstieg um 3,4 Prozent: Warum ist die Inflation in Großbritannien so hartnäckig?


Die Teuerung ist auf 3,4 Prozent gestiegen und liegt höher als im Euroraum. Verbraucher stöhnen, doch Ökonomen erwarten 2026 eine sinkende Inflation und Zinssenkungen.

Preisanstieg um 3,4 Prozent: Warum ist die Inflation in Großbritannien so hartnäckig?

Die Verbraucherpreise im Vereinigten Königreich steigen seit Längerem stärker als in den meisten westlichen Industrieländern. Im Dezember ist die Inflationsrate vor Weihnachten von 3,2 auf 3,4 Prozent geklettert, wie das Statistikamt ONS am Mittwoch mitteilte. Dies war der erste Anstieg nach fünf Monaten mit tendenziell sinkender Inflationsrate. Großbritanniens Teuerung sticht jedoch heraus und liegt hartnäckig über der Inflationsrate im Euroraum, die im Dezember auf 1,9 Prozent sank. Auch in den USA liegt die Verbraucherpreisteuerung – trotz der Auswirkungen der Importzölle – mit zuletzt 2,7 Prozent niedriger. Für Nahrungsmittel zahlten die Briten im Dezember sogar 4,5 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Der Preisanstieg für Essen hat sich damit leicht beschleunigt. Auch Pub- und Restaurantbesuche werden für die Bürger teurer. Das führen Beobachter auf den Kostendruck der Restaurants durch höhere Sozialabgaben, steigende Steuern und Lohnkosten zurück. Dass der Verbraucherpreisindex, der mit einem großen Warenkorb berechnet wird, im Dezember stärker steigen würde, hatten Ökonomen vorhergesehen. Laut ONS lag das auch daran, dass Tabakprodukte mehr kosten. Finanzministerin Rachel Reeves hat die Tabaksteuer angehoben. Zudem wurden Flugtickets in der Vorweihnachtszeit teurer. In diesem Jahr soll die Inflation auf zwei Prozent sinken Ökonomen erwarten grundsätzlich in diesem Jahr deutlich sinkende Inflationsraten. Der Wirtschaftsverband Institute of Directors schrieb, der jüngste Teuerungsanstieg sei „kein Grund für Beunruhigung“. Chefvolkswirtin Anna Leach sagte: „Der heutige Anstieg der Inflation wurde wie erwartet durch eine Erhöhung der Tabaksteuer und einen starken Anstieg der Flugpreise verursacht.“ Lebensmittel und Dienstleistungen verteuerten sich um mehr als vier Prozent. „Die Kerninflation blieb jedoch stabil“, so Leach. Als Kerninflation bezeichnen Volkswirte jene Rate, die ohne die Preise für Energie und Nahrungsmittel berechnet wird. Im Verlauf dieses Jahres soll die Inflationsrate laut Prognose der Bank of England deutlich sinken. Mitte 2026 soll sie nahe dem Zielwert von zwei Prozent sein, so die Notenbank. Diese Erwartung teilen Ökonomen. Sanjay Raja, britischer Chefvolkswirt der Deutschen Bank, unterstreicht diese Erwartung. „Mit Blick auf die Zukunft ist der Pfad klar: Die Inflationsrate wird im Januar einen großen Abwärtsschritt machen, der sie nahe drei Prozent bringt. Und bis zum Frühjahr wird das Ziel der Bank of England von zwei Prozent in Sicht sein.“ Deshalb könne die Notenbank sich auch weitere Zinssenkungen leisten. Auch der schwächere Arbeitsmarkt öffnet die Tür dafür. Im Jahresverlauf 2025 ist die Beschäftigung gefallen, und das Lohnwachstum schwächte sich im Dezember deutlich ab. Das bedeutet weniger Preisdruck für Unternehmen und folglich auch Verbraucher. Andrew Wishart von der Berenberg-Bank in London erwartet daher künftig weitere Zinssenkungen der Bank of England. „Da sich die Anzeichen dafür verdichten, dass die Inflation wieder auf ein akzeptables Niveau zurückkehrt, wird die BoE handeln können. Wir erwarten eine frühere und stärkere Zinssenkung als der Markt, von derzeit 3,75 Prozent auf 3,0 Prozent im dritten Quartal.“ Labour-Regierung in der Kritik Für die Labour-Regierung ist die hohe Inflation eine Belastung. Schatzkanzlerin Reeves hat mit der Erhöhung von Steuern, Sozialabgaben sowie Mindestlöhnen zum Kostenanstieg für Unternehmen beigetragen, der an Verbraucher weitergegeben wird, sagen Ökonomen. In den vergangenen fünf Jahren stiegen die Preise eines typischen Korbs mit Lebensmitteln für eine durchschnittliche Familie um mehr als ein Drittel. Schatzkanzlerin Reeves gab am Mittwoch in Davos zu, dass die Inflation noch hoch sei. Die höchsten Raten habe es aber in den Jahren der bis Mitte 2024 amtierenden konservativen Vorgängerregierung gegeben. Die Regierung habe Maßnahmen zur Entlastung getroffen, etwa jüngst die um 150 Pfund niedrigeren Energierechnungen von April an. „Es gibt noch mehr zu tun, aber Britannien kriegt dieses Jahr die Kurve“, sagte Reeves. Schatten-Schatzkanzler Mel Stride von den Konservativen gab der Labour-Regierung eine Mitschuld. Das „wirtschaftliche Fehlmanagement“ und rekordhohe Steuererhöhungen seit 2024 hätten die Situation verschlechtert.