Die Begeisterung ist zu spüren, wenn Caroline Hillenbrand erzählt, wie es zu ihrem ehrenamtlichen Engagement gekommen ist. Kaum war Corona in Deutschland ausgebrochen, erkrankte die frühere Weinkönigin von der Bergstraße schwer. Kurz nach ihrer Genesung bekam sie das Pfeiffersche Drüsenfieber, das die damalige Studentin abermals monatelang aus der Bahn geworfen hat. „Da habe ich meine körperlichen Grenzen gespürt“, sagt die 33 Jahre alte Katholikin, die sich in ihrer Heimatstadt früher auch kirchlich engagiert hatte. Die Krankheiten verschafften ihr Zeit zum Nachdenken. Vor allem über die Konflikte in der Welt, oft auf religiösem Wahn fußend. Hillenbrand wollte Brücken bauen und gründete gemeinsam mit einem Mitstreiter mitten in der Pandemie 2021 die Organisation Coexister. Sie wollte junge Menschen unterschiedlicher Herkunft und unterschiedlicher Religionen zusammenführen. „Religion kann spalten und einen, ist Kitt oder Keil“, sagt sie im Gespräch mit der F.A.Z. Die Menschen hätten sich während der Pandemie gezwungenermaßen vor allem in den eigenen Kreisen bewegt. Sie hätten Vorurteile aufgebaut, weil sie Fremdes nicht verstanden hätten. Hillenbrand hat in ihrer Heimatstadt erlebt, wie seit 2015 viele junge Menschen, die oft fest in ihrer Religion verwurzelt sind, als Flüchtlinge nach Deutschland kamen. Nicht nur Muslime, auch Juden und andere Glaubensgruppen fanden keinen Draht zueinander und bekämpften sich gegenseitig. Hier setzt Coexister an. „Wir wollen den Menschen verschiedener Herkunft unsere Bräuche vermitteln und deren Bräuche kennenlernen.“ Inzwischen gibt es Coexister in ganz Deutschland Hillenbrand organisierte mit inzwischen mehr als 50 weiteren jungen Menschen Treffen, gemeinsame Besuche in Gottesdiensten, Moscheen und jüdischen Einrichtungen und gemeinsame Blutspendeaktionen. „Wir spendeten Blut für den Frieden, nicht für den Krieg.“ Die aktuellen Entwicklungen in Teilen der Welt machten Coexister notwendiger denn je, sagt Hillenbrand. „Wir wollten die positiven Aspekte der verschiedenen Religionen herausstellen und Verbindendes suchen.“ Dank der sozialen Netzwerke verbreitete sich Coexister bald in ganz Deutschland. Heute gibt es zehn Regionalgruppen. Gemeinsame Wochenenden, Freizeiten, Seminare, Aufenthalte in Taipeh und verschiedene Aktivitäten ließen Freundschaften über Glaubens- und Herkunftsgrenzen hinweg entstehen. Mit ihrer Organisation suchen Hillenbrand und ihre Mitstreiter Kontakte zu Flüchtlingen, um ihnen bei der Eingliederung in die Gesellschaft zu helfen. „Wir sind alle eine Menschheitsfamilie“, erklärt Hillenbrand ihre Arbeit. Dass sich immer mehr junge Menschen ihrer Idee von 2021 anschließen, macht sie stolz. Verbindung zur Heimatstadt nie verloren Bei all dem Engagement hat sie inzwischen nicht nur geheiratet, sondern auch ihr Philosophiestudium an der Universität Münster abgeschlossen und eine Doktorarbeit geschrieben. Wegen ihrer Arbeit als leitende Mitarbeiterin des katholischen Cusanuswerks lebt Hillenbrand inzwischen mit ihrem Mann im Rheinland, verliert ihre Heimatstadt aber nicht aus den Augen. Ihr Großvater war dort Winzer, heute wird der Weinanbau von Hillenbrands Eltern nur noch nebenberuflich betrieben. „Bei der Weinlese bin ich natürlich dabei“, sagt Hillenbrand, die gerne ein Glas Eiswein aus dem elterlichen Weinberg trinkt. Auch den traditionellen Fastnachtszug in Heppenheim lässt sie sich nicht entgehen, zumal die Winzerjugend dort mitmarschiert. Im April feiert Coexister seinen fünften Geburtstag. Da die Organisation auch in Zukunft von jungen Menschen im Alter von bis zu 35 Jahren getragen werden soll, hat Hillenbrand ihren Rückzug aus der Vorstandsarbeit vollzogen. Sie steht der vom Bund finanziell geförderten Organisation aber mit ihrer Erfahrung weiterhin zur Seite. Dialog, Solidarität und Bildung sind die drei Säulen, auf denen sie Coexister aufgebaut hat und auf denen sie auch die Zukunft der Organisation sieht. Sie weiß, was dieses Ehrenamt bedeutet, und spricht von Mut und Energie, Zweifel und Frust, Hoffnung und Herzblut, Tränen und Entscheidungen und vielen Stunden der Gespräche zur internationalen Verständigung. Rückblickend auf die vergangenen Jahre sagt Hillenbrand: „So sieht Weltfrieden im Kleinen aus.“ Dafür lohne sich das Engagement mit ihren Mitstreitern. Dass sie nach der Verleihung des Ehrenamtspreises von Nordrhein-Westfalen nun auch den Deutschen Engagementpreis erhalten habe, könne sie noch nicht fassen. Coexister war für Hillenbrand wohl nur der Anfang ihres ehrenamtlichen Engagements für Verständigung über Religionsgrenzen hinweg. Sie arbeitet inzwischen ehrenamtlich für die UNO, um ein internationales interreligiöses Netzwerk aufzubauen. In ihrer Heimstadt ist Hillenbrand die 16. Botschafterin des Weins und steht damit in einer Reihe mit dem Organisten Franz Lambert, dem Rennfahrer Sebastian Vettel und dem früheren Fußballtrainer Klaus „Schlappi“ Schlappner, die sich alle im Herbst für einen Tag im sogenannten Promiweinberg zur Weinlese treffen.„Ich schätze die energiegeladene junge Frau sehr“, schreibt Landrat Christian Engelhardt (CDU). Sie sei im Landkreis Bergstraße Vorbild für viele junge Menschen.
