FAZ 15.02.2026
11:48 Uhr

Porträt Maren Eggert: Sie gibt nicht immer alles preis


Maren Eggert ist eine der großen Schauspielerinnen unserer Zeit. Über eine, die allen Etatkürzungen zum Trotz an die Kraft des Theaters glaubt.

Porträt Maren Eggert: Sie gibt nicht immer alles preis

Maren Eggert an der Rampe. Alles an ihrem Körper ist in Anspannung, die Worte kommen stoßweise aus ihr heraus. Ihr Gesicht fast blank, und trotzdem spürt man, wie alles dahinter tobt: Wenn die Ausnahmeschauspielerin aktuell am Deutschen Theater in Berlin als Marquise von O. auf der Bühne steht, der Mutter entgegenschreit, nein, ihr Gefühl trüge sie nicht, sie sei in anderen Umständen – und bereits das Unaussprechliche ahnt, das in Kleists Novelle nur mit einem Gedankenstrich angedeutet wurde: dass der Graf F. sie im bewusstlosen Zustand vergewaltigte. „Ich glaube, dass ich mich oft bewusst nicht festlege beim Spielen“, sagt Eggert im berühmten Reinhardt-Zimmer des Deutschen Theaters, ein Ort mit Wänden voller Bücher, gleich neben dem Büro der Intendantin. Da ist nichts von einer Theaterdiva. Und trotzdem diese schlichte Eleganz, wenn sie so vor einem sitzt, lässig in braunem Wollpulli, Sneakern, einer Tasse Tee in beiden Händen. Sie schaut ihr Gegenüber offen an. Taxierend und neugierig, manchmal prüfend, der Blick bleibt hoch konzentriert. „Türen gingen einfach immer auf“ „Es gibt viele Sichtweisen auf ein Ereignis. Und deswegen versuche ich immer, etwas offenzulassen für das Publikum. Etwas, das ich nicht sage oder zeige.“ Die Zuschauer nehme sie immer stark wahr, sagt sie. Diese bewusste Unschärfe ihrer Figuren bei gleichzeitiger Präzision macht den Sog von Eggerts Spiel aus. Maren Eggert ist keine Rampensau. Auf der Bühne nicht und auch nicht, wenn sie von sich spricht. Sie aalt sich nicht im Erzählen der eigenen Geschichte und spult auch keine biographischen Ereignisse ab. Ohnehin hat man beim Zuhören den Eindruck, sie schildere vieles zum ersten Mal, etwa wie das alles anfing mit der Schauspielerei. Und das, obwohl die vielfach Preisgekrönte Interviews dieser Art doch schon so oft ge­führt haben muss. Geboren wurde Eggert 1974 in Hamburg und wuchs im Stadtteil Bergedorf auf. Als Siebenjährige hatte sie einen Gesangsauftritt in der „Sesamstraße“, mit dreizehn durfte sie in eine Theater-AG eintreten, an der man eigentlich erst mit sechzehn teilnehmen konnte. „Da war ich schon mal sehr stolz“, erzählt sie. Es habe ihr einfach Spaß gemacht, viel verkopfter könne sie es nicht erklären. Zwar interessierte sie sich auch für viele andere Dinge, Mathe zum Beispiel oder Biologie, doch mit dem Schauspiel ging es „einfach immer so weiter“. Mehrere Schauspielschulen wollten sie aufnehmen, sie entschied sich nach dem Abitur für die renommierte Otto Falckenberg Schule in München. Zum Nachdenken, ob es überhaupt das Richtige sei, sei sie gar nicht gekommen, denn die „Türen gingen einfach immer auf“. Es gab und gibt auch innere Kämpfe Erste Engagements in Zürich folgten. Danach Bochum, wo Ulrich Khuon sie in der Rolle als unbekümmerte Lotte in Botho Strauß’ „Groß und Klein“ zum ersten Mal auf der Bühne sah – „heiterer, frischer“ als frühere Lotten, ein „Wandelstern“, schrieb die Kritik. Da war Eggert Mitte zwanzig. Khuon sah sie nur dieses eine Mal auf der Bühne, und dieser Eindruck reichte ihm, um zu wissen, dass sie eine rasend talentierte Schauspielerin war. Als Intendant holte er sie ans Hamburger Thalia Theater, wo sie mit ihren Schauspielkollegen Fritzi Haberlandt, Hans Löw und Felix Knopp alles Mögliche rauf und runter spielte. In den neun Jahren am Thalia Theater war Eggert in mehr als dreißig Rollen zu sehen – sie spielte die Agnes in „Das Kind“ von Jon Fosse oder Klara in „Klaras Verhältnisse“ von Dea Loher und Sara in Lessings „Miss Sara Sampson“. Sie brillierte als Christine in Arthur Schnitzlers „Liebelei“ oder als Lessings „Minna von Barnhelm“. „Eine schöne und intensive Zeit“, sagt Eggert. Sie folgte Khuon 2009 nach Berlin ans Deutsche Theater, insgesamt waren es vierundzwanzig gemeinsame Jahre. Doch der Beginn in Berlin sei hart gewesen. Der Druck auf die Produktionen war groß und das Publikum anfangs skeptisch und verschlossen gegenüber dem neuen Intendanten. „In Berlin wartet niemand auf einen. Es war wirklich schwierig“, sagt Eggert. Zwei Jahre sei das so gegangen, in denen das Ensemble zu kämpfen hatte, mit „wirklich schlimmen Flops“. Eggert, die Kontinuität liebt, die es schätzt, sich in langjährigen Ensemblestrukturen gemeinsam etwas aufzubauen, blieb Khuon und dem Deutschen Theater bis zum Ende seiner Intendantenära treu. Und sie blieb auch, als Iris Laufenberg 2023 an seine Stelle trat. Von dem latenten Gefühl einer Krise des Theaters Trotz all der Gradlinigkeit in ihrem beruflichen Leben gab und gibt es innere Kämpfe. Früher sei es ihr mehr um das Spielen selbst gegangen, heute kämen andere Gedanken hinzu: „Ich frage mich in letzter Zeit häufiger, ob man mit dem Theater wirklich politisch etwas bewirken kann. Wen erreiche ich alles damit? Kann ich mit dem, was ich tue, wirklich etwas auslösen?“ Sie spricht auch von dem latenten Gefühl einer Krise des Theaters, einer, die mit Corona anfing und mit den Kürzungen im Kulturetat ihren Lauf nimmt. „Es ist massiv, wie sich das jetzt schon auswirkt“, sagt Eggert. Ob das eine oder das andere Theater vielleicht schließen müsse, stehe immer im Raum als ständige Bedrohung. Der Druck auf die Produktionen wachse, es ginge mehr und mehr darum, möglichst viele Tickets zu verkaufen. Aber wenn das Theater bald eine reine Effektmaschine werde, die einfach nur „bunt und laut“ alles herausknalle, was es habe, dann ertrage sie das nicht mehr. „Ich habe das Gefühl, wenn man sich auf die Kraft des Theaters zurückbesinnt, darauf, was Theater eigentlich kann, und sich gemeinsam klar wird, was man erzählen will, dann werden auch die Leute weiter ins Theater kommen.“ Kleist ist ihr näher als Goethe oder Schiller Mit Abenden wie die „Marquise von O. und –“ sei sie sehr zufrieden. In der Inszenierung verwebt die ungarische Regisseurin Ildikó Gáspár die Vergewaltigung in Kleists Novelle mit realen Fällen sexueller Gewalt, etwa mit dem von Gisèle Pelicot. „Der Raum, der dort geschaffen wurde, war groß genug, damit sich alle mal wirklich mit dem Thema beschäftigen können“, sagt Eggert. Sehr herausfordernd seien die Proben gewesen. Die Schauspieler suchten nach Modi der Distanz, um überhaupt weitermachen zu können. Es habe immer eine Probe gegeben, in der einer nicht mehr konnte. „Uns wurde klar, wir können diese Figuren nicht spielen. Wir müssen zu ihren Stellvertretern werden, um uns nicht überwältigen zu lassen.“ Ohnehin sei Kleist ihr näher als Goethe oder Schiller. Sie verstehe besser, was er schreibt. Zu Kleists Figuren habe sie ein intimes Verhältnis; von seiner Sprache gehe etwas Reales aus, das sie beinahe berühren könne, während Goethe eher ihren Kopf anspreche. Ausgezeichnet mit dem International Actors Award für ihr Gesamtwerk Das ist die Bühnenseite von Maren Eggert. Auch im Film ergründet die Schauspielerin ihre Figuren in aller Tiefe und scheint dennoch immer weiter auf der Suche nach ihnen zu sein. Im vergangenen Jahr wurde sie für ihr Gesamtwerk im Film und Fernsehen mit dem International Actors Award des Film Festival Cologne ausgezeichnet. Es ist längst nicht ihr erster großer Preis: 2021 erhielt sie für ihre Rolle der Wissenschaftlerin Alma, die eine Beziehung zu einem humanoiden Roboter führt, in Maria Schraders Sci-Fi-Komödie „Ich bin dein Mensch“ den Silbernen Bären für die beste Schauspielleistung. Eggert, die sich im Autorenkino zu Hause fühlt, wo Projekte oft jahrelang mit wenig Geld finanziert werden, bekommt auch in diesem Bereich Sparmaßnahmen durch reduzierte Fördermittel zu spüren. Regisseure, mit denen sie jahrelang zusammengearbeitet habe und die nicht mehr wüssten, ob sie ihre Filme noch so realisieren könnten. Bei der Preisverleihung in Köln habe sie gemerkt, sie stecke da eben mit drin – dem Arthousekino deshalb den Rücken zu kehren und sich mehr dem Mainstream zuzuwenden, wolle sie nicht. „Das macht mich einfach glücklich“, sagt sie. Es sind nie nur eine oder zwei Facetten, die Eggert zeigt Auch in ihren Filmrollen gibt sie den Betrachtern nicht alles preis, es bleibt oft ein Rest, den Eggerts Figuren für sich behalten. In Hanna Slaks „Kein Wort“ spielt sie die erfolgreiche Dirigentin Nina, die sich in der Vorbereitung auf ein wichtiges Konzert von ihrem Teenagersohn entfremdet. Sie zeigt die Dirigentin in ihrer Zerrissenheit, isoliert in ihren eigenen Ambitionen, gleichzeitig kämpfend um die Nähe zu ihrem Kind. Es sind nie nur eine oder zwei Facetten, die Eggert zeigt, sondern möglichst viele widersprüchliche zugleich. Sie schreibt ihre Heldinnen nicht auf Eigenschaften fest, sondern spielt Menschen in Situationen. Vielleicht liegt darin Eggerts enorme Wandelbarkeit, weil sie ihren Figuren selbst die Freiheit zur Veränderung lässt. Im April kommt ihr neuer Film „Gavagai“ von Ulrich Köhler in die Kinos – darin spielt sie eine Schauspielerin, die sich während der Dreharbeiten einer umstrittenen „Medea“-Verfilmung im Senegal in eine Affäre mit ihrem Kollegen (Jean-Christophe Folly) flüchtet. „Im Film gibt es einen Kampfshowdown zwischen Jason und Medea. Wir mussten mit Messern durch Gassen rennen, im Sand miteinander ringen, ins Meer rennen und uns abstechen. Sehr anstrengend“, sagt Eggert und lacht plötzlich so offen und herzlich, dass man direkt miteinstimmen muss. „Auf diese Szene bin ich echt stolz.“ Sie muss sich eigentlich immer irgendwo „freiboxen“ Eggert, die mit ihrem Lebensgefährten, dem Schauspieler Peter Jordan, und ihren zwei Kindern in Berlin lebt, verbrachte für den Dreh fünf Wochen im Senegal – der Spagat zwischen Familie und ihrem Beruf sei herausfordernd. Sie müsse sich eigentlich immer irgendwo „freiboxen“, um für beide Seiten genug Raum zu haben. Es gehe sicher einfacher, sagt sie, nur eben nicht mit diesem Beruf. Die Betreuungszeiten seien nicht darauf ausgerichtet, dass sie abends im Theater spiele. Da gebe es nichts zu beschönigen, auch wenn sie als Familie mittlerweile ein Gleichgewicht gefunden hätten. Trotz ihrer Filmerfolge geht Eggert immer wieder auf die Bühne. Aktuell probt sie am Deutschen Theater für Sarah Kurzes Inszenierung von „Der erste fiese Typ“, einem skurril-komischen Text nach dem Roman von Miranda July. Es ist Eggerts erste Soloarbeit. Darin spielt sie eine kontrollwütige Mittvierzigerin, die ihr rigides Lebenssystem hinter sich lassen muss, um eine echte Beziehung zu führen. „Ich glaube, dass man bei der Komödie genauer spielen muss, ablesbarer“, sagt Eggert. Da müsse sie sich mehr festlegen. Dass diese Schauspielerin so nuanciert zwischen dem Tragischen und Komischen wechseln kann, hat nicht nur mit spielerischer Leichtigkeit, sondern auch mit intellektueller Klarheit zu tun.