FAZ 30.01.2026
08:33 Uhr

„Populationsmanagement“: Sollen Zoos Tiere töten, wenn sie unfruchtbar werden?


Forscher warnen vor der „Überalterung“ von Zootier-Populationen: Das schade dem Artenschutz. Tiergärten suchen nach Lösungen. Eine davon ist drastisch.

„Populationsmanagement“: Sollen Zoos Tiere töten, wenn sie unfruchtbar werden?

Wäre Natalie ein Mensch, würde sie wohl erst so langsam anfangen, sich ernsthaft über den Ruhestand Gedanken zu machen. Unter ihresgleichen gilt die zartgliedrige Affendame mit der ausdrucksstarken Mimik allerdings schon als hochbetagt. Während Bonobos in freier Wildbahn meistens nicht älter als 50 Jahre werden, kann der Frankfurter Zoo in diesem Jahr Natalies 60. Geburtstag feiern. Oft leben Tiere in Gefangenschaft länger als in der Natur. In menschlicher Obhut sind sie nicht von Fressfeinden oder Unwettern bedroht, sie werden gut ernährt und medizinisch behandelt, wenn sie krank werden. Was die Zoobesucher freut, kann jedoch für die Tiergärten zu einem Problem werden. Vor allem dann, wenn es um seltene Arten geht, die von Zoos auch zu dem Zweck gepflegt werden, ihren Fortbestand zu sichern. Wie etwa die Bonobos. Immer weniger fortpflanzungsfähige Weibchen Biologen der Frankfurter Universität haben sich zusammen mit Kollegen der Universitäten Zürich und Aarhus sowie der Zoos in Zürich und Kopenhagen die Altersentwicklung von 774 Säugerpopulationen angeschaut, die zwischen 1970 und 2023 in Europa und Nordamerika gehalten wurden. Was sie dabei herausgefunden haben, gibt aus ihrer Sicht Anlass zur Besorgnis. Meist wird die Altersverteilung in Lebensgemeinschaften mit Grafiken dargestellt, in denen horizontale Balken für die verschiedenen Altersklassen übereinandergestapelt sind – mit den jüngsten Individuen unten und den ältesten oben. Gibt es viele Junge und wenige Alte, ähnelt die Darstellung einem Tannenbaum. Fehlt es dagegen an Nachwuchs, verschiebt sich das Bild in Richtung einer Säule oder Raute. Die Forscher aus Frankfurt, Dänemark und der Schweiz haben eine Methode entwickelt, solche Grafiken aus den Altersdaten von Zootieren automatisch zu erstellen und zu kategorisieren. „Tannenbäume“ bekamen sie dabei nur selten zu sehen, denn gerade viele der sogenannten Reservepopulationen, die der Arterhaltung dienen sollen, sind überaltert: Es fehlt ihnen an jungen, fortpflanzungsfähigen Tieren, die auch widerstandsfähiger gegen Krankheiten und ungünstige Umwelteinflüsse sind. Die Studie ergab, dass der Anteil der fortpflanzungsfähigen Weibchen in den Zoos stark abgenommen hat: In Nordamerika sank er während des Beobachtungszeitraums um 49 Prozent, in Europa sogar um 68 Prozent. In einigen der untersuchten Tiergesellschaften habe es zuletzt überhaupt keine fruchtbaren Weibchen mehr gegeben, so die Wissenschaftler. Das habe nicht nur zur Folge, dass Nachwuchs ausbleibe, sondern schade auch der Sozialstruktur der Gruppen: Fortpflanzung und Aufzucht von Jungen zählten zu den Grundbedürfnissen der Tiere und seien elementare Bestandteile einer artgerechten Haltung. Sorge um Zoos als Orte des Lernens und der Forschung „Dieser Trend muss unbedingt gestoppt und umgekehrt werden“, sagt Marcus Clauss, Veterinärmediziner der Uni Zürich und Erstautor der Studie. „Zoos übernehmen eine zentrale Rolle im Artenschutz. Diese Aufgabe können sie aber nur erfüllen, wenn sie tatsächlich stabile und resiliente Reservepopulationen erhalten. Dafür braucht es wieder mehr Jungtiere und weniger alte Tiere.“ Mitautor Paul Dierkes, Professor für Didaktik der Biowissenschaften und Zootierbiologie an der Uni Frankfurt, weist auf einen weiteren Aspekt hin. Tiergärten seien wichtige Lernorte, sie vermittelten Wissen über Naturschutz und ermöglichten Forschungen, mit denen sich bedrohte Arten in freier Wildbahn besser schützen ließen. Auch diese Aufgaben gerieten in Gefahr, wenn Zootiergemeinschaften immer älter würden, meint Dierkes. „Folglich sollte das Populationsmanagement in Zoos stärker auf demographische Nachhaltigkeit ausgerichtet werden.“ Einer von denen, die diesen Ratschlag in die Tat umsetzen müssten, ist Johannes Köhler. Der Biologe ist als Kurator im Frankfurter Zoo zuständig für Raubtiere, für das Grzimekhaus, in dem viele Kleinsäuger leben, und für das Exotarium, in dem unter anderem Reptilien und Fische gehalten werden. Das Problem, mit dem sich die Studie befasst, ist nach Köhlers Worten in Zookreisen bekannt; dennoch seien die neuen Daten „hochwillkommen“, da sie die Diskussion auf eine wissenschaftliche Grundlage stellten. Fundierte Argumente können Köhler und seine Kollegen in den Tiergärten gut gebrauchen, denn das „Populationsmanagement“, das von den Forschern gefordert wird, könnte ihnen heikle Entscheidungen abverlangen. Wenn der Platz in den Gehegen knapp ist, sich die Tiere aber dennoch fortpflanzen oder fruchtbare Artgenossen aus anderen Zoos geholt werden sollen, müssten womöglich ältere Tiere weichen. Man könnte sie an andere professionelle Einrichtungen abgeben – oder sie töten. Empörung nur, wenn getötete Tiere „süß“ sind Kurator Köhler weiß, dass Berichte über das Einschläfern lebensfähiger Zootiere in der Öffentlichkeit regelmäßig Empörung hervorrufen. Jedenfalls dann, wenn es sich um solche handelt, die der tierliebe Bürger „süß“ findet wie Affen oder Löwenbabys. Über die Doppelmoral einer Gesellschaft, die in weiten Teilen mit der millionenfachen Tötung von Schweinen, Rindern oder Hühnern zum Verzehr keine Schwierigkeiten habe, denkt sich der Zoobiologe seinen Teil. In Frankfurt wurden nach Köhlers Worten schon Steinböcke und Zwergziegen – in bewusstlosem Zustand – an die Löwen verfüttert, ohne dass dies zu stärkerem „negativen Feedback“ geführt hätte. Würde der Zoo sich entschließen, zum Zwecke der Gruppenverjüngung Tiere einzuschläfern, die sich größerer Sympathie erfreuen als Paarhufer, könnte es lautstarke Kritik geben – so wie jüngst aus Anlass der Tötung von zwölf gesunden Pavianen in Nürnberg. Köhler wünscht sich für diesen Fall vom Gesetzgeber mehr Rechtssicherheit. Das Töten von Wirbeltieren ist zwar erlaubt, wenn es einen „vernünftigen Grund“ dafür gibt, aber ist „Populationsmanagement“ ein solcher Grund? Der Kurator findet, darüber müsse man nachdenken. Dazu gehöre auch, sich mit der Frage zu befassen, ob immer alle Möglichkeiten der Veterinärmedizin genutzt werden müssten: „Wie lange sollen wir ein Tier am Leben halten, das schon ein erfülltes Leben hatte?“ Ein erfülltes Dasein dürfte Bonobo Natalie gehabt haben. 2007 hatte die Äffin zum letzten Mal Nachwuchs, inzwischen kann sie keine Junge mehr bekommen. Nach Köhlers Worten erfüllt sie aber immer noch eine „sehr wichtige soziale Funktion“ in ihrer Gruppe, indem sie diese zusammenhalte. Tierschützer können also beruhigt sein: Niemand trachtet Natalie nach dem Leben.