FAZ 18.12.2025
15:39 Uhr

Pop-Anthologie: Carly Simon: Bestimmt denkst du, es geht um dich


Jahrzehntelang rätselten die Menschen, wen Carly Simon mit „You’re So Vain“ gemeint haben könnte. Die Antwort ist nur einer der Gründe, die den Song so großartig machen.

Pop-Anthologie: Carly Simon: Bestimmt denkst du, es geht um dich

Eine Bassgitarre, deren Klang einem Trommeln gleicht. Und vier Worte, geflüstert: Son of a gun. In der deutschen Sprache gibt es keine exakte Entsprechung für dieses englische Idiom. „Mistkerl“ oder „Teufelskerl“ böten sich an. Noch passender wäre aber ein Wort, das irgendwo dazwischen liegt. „Son of a gun“ ist ein ambivalenter Ausdruck, er suggeriert Geringschätzung und Bewunderung zugleich. Besser hätte sie ihren größten Hit nicht beginnen können – Carly Simon, die Frau mit einem Lächeln breiter als das von Julia Roberts und frecher als das von Pippi Langstrumpf. „You’re So Vain“ handelt von einem Mann, der sich selbst mit hoher Wahrscheinlichkeit zur Kategorie „Teufelskerl“ zählen würde. Simons lyrische Meisterleistung besteht darin, ihn immer wieder als „Mistkerl“ zu entlarven. You walked into the party like you were walking onto a yacht Your hat strategically dipped below one eye Your scarf it was apricot You had one eye in the mirror, as you watched yourself gavotte And all the girls dreamed that they'd be your partner Ob es ausgerechnet der tief ins Gesicht gezogene Hut und der apricotfarbene Schal waren, die zahlreiche Frauen zum Schwärmen brachten, ist fragwürdig – auch, wenn sich die Mode seit Erscheinen des Songs 1972 gewandelt haben mag. Dafür funktioniert nicht nur der Reim von „gavotte“ auf „apricot“ überraschend gut, sondern auch die Masche, die Simon hier beschreibt. Sicher, ein unumstößliches Selbstbewusstsein ist erst einmal nichts Verwerfliches. Doch der Grat zwischen Selbstbewusstsein und Selbstverliebtheit ist schmal, wie die Sängerin uns zu verstehen gibt. Sie muss es wissen. You had me several years ago when I was still quite naive Well you said that we made such a pretty pair and that you would never leave But you gave away the things you loved And one of them was me I had some dreams they were clouds in my coffee Hinter jedem Vorwurf steht Enttäuschung, auch in diesem Fall. Dafür findet die gebürtige New Yorkerin eine Metapher, die so undurchsichtig wie treffend ist: Träume, die nichts sind als „Wolken im Kaffee“. In einem Fernsehinterview erklärte Simon einmal, die Idee habe ihr ein Freund gegeben, der mit ihr im Flugzeug saß und sie darauf hinwies, dass sich die Wolken vor dem Fenster in ihrem Kaffee spiegelten. Für sie reflektierten die Wolken die „verwirrenden Aspekte des Lebens und der Liebe“. Ebenso gut funktioniert das Bild, wenn man sich vorstellt, wie weißer Milchschaum sich langsam aber gewiss in der braunen Flüssigkeit auslöst. Viel Raum für Interpretation Bis heute hat jedoch kaum ein anderer Vers so viele Spekulationen ausgelöst, wie der Refrain des Songs: You're so vain You probably think this song is about you Es ist eine einfache Rechnung, die in jedem Fall aufgeht: Wer sich anmaßt zu glauben, Carly Simon hätte Mühe und Zeit darauf verwendet, einen Song über ihn zu schreiben, muss ihr zwingend Recht geben, wenn sie sagt: „Du bist so eitel“. Wen könnte sie gemeint haben? Die Liste ist lang. Als ein möglicher Kandidat wurde Mick Jagger gehandelt, der in dem Song die Hintergrundstimme singt, was Simon jedoch bestritt. Auch andere musikalische Größen wie David Bowie, Cat Stevens, Kris Kristofferson sowie ihr Ex-Mann, James Taylor, standen zwischendurch im Raum. Über die Jahre verneinte Simon hier und da einzelne Spekulationen, heizte sie aber auch immer wieder zusätzlich an, indem sie neue Hinweise fallen ließ – etwa in einer Neuaufnahme des Songs, in der zwischendurch der Name „David“ zu hören ist, wenn man ihn rückwärts abspielt. Gewissheit über die wahre Identität des eitlen „Mistkerls“ blieb jedoch für lange Zeit wenigen Glücklichen vorbehalten. 2003 wurde die Information bei einer Benefizauktion für 50.000 Dollar an den mit Simon befreundeten Dick Ebersol versteigert, unter der Bedingung, dass er sie für sich behält. 2013 berichtete Taylor Swift nach einer gemeinsamen Performance von „You’re So Vain“, Simon habe ihr das Geheimnis verraten. Simon behielt Recht Erst 2015, als sie im Alter von 72 Jahren ihre Memoiren „Boys in the trees“ bewarb, bestätigte Carly Simon, dass „You’re So Vain“ von ihrem ehemaligen Liebhaber handelt, dem Schauspieler Warren Beatty – zumindest die zweite Strophe. Die anderen beiden Strophen seien zwei weiteren Männern gewidmet. Zumindest im Fall von Warren Beatty behielt Simon mit ihrer Vermutung Recht. Lange, bevor sie seinen Namen öffentlich nannte, soll er die Sängerin angerufen und sich für den Song bedankt haben. „Warren denkt, das ganze Ding handele von ihm“, sagte sie rückblickend. Well I hear you went up to Saratoga And your horse naturally won Then you flew your lear jet up to Nova Scotia To see the total eclipse of the sun Well you're where you should be all the time And when you're not, you're with some underworld spy Or the wife of a close friend Die Identität der anderen zwei „Mistkerle“ muss wohl weiterhin ungeklärt bleiben. Und das ist auch gut so. Denn „You’re So Vain“ ist ein Song, der von der Ambivalenz lebt. Ein Teil seines Reizes besteht in den persönlichen Bezügen, die in allen drei Strophen durch erstaunlich spezifische Beschreibungen hervortreten: Orte wie „Saratoga“ und „Nova Scotia“, Ereignisse wie eine „totale Sonnenfinsternis“ und Accessoires wie der „apricotfarbene“ Schal dürften keinem der gemeinten Männer Zweifel daran gelassen haben, dass es um sie geht. Zugleich laden die vielen direkten „Du“-Ansprachen dazu ein, in die Rolle des lyrischen Ichs zu schlüpfen und mit einem Glas Rotwein in der Hand aus vollem Halse mitzusingen. Vielleicht ist das die wahre Bedeutung des Songs: Er bezieht sich auf alle, die sich darin wiederfinden – sei es im „Ich“ oder im „Du“.