Eines vorweg: Polarlichter sind meistens auf Fotos schöner als in echt. Klar, das ist nicht nur in diesem Fall so, denn die Filter in den Geräten lassen das Leben farbenfroher erscheinen, erzeugen Bilder von hoher Intensität. Polarlichter sind oftmals einfach nur als helle Streifen am Himmel sichtbar – doch wenn man bei der Handykamera die Belichtungszeit hochdreht und nach oben knipst, ist da im Ergebnis ein grellgrünes Objekt zu sehen. Verblüffung bei zahlreichen Reisenden: Die Fotos zum Angeben auf den Social-Media-Kanälen sind prachtvoll, aber dafür die weite Anreise und das abendliche Warten bei fast minus 20 Grad im finnischen Outback? Das soll nicht heißen, dass Polarlichter kein Spektakel sein können. Man muss allerdings Glück haben und Geduld und warme Getränke mitbringen. An diesem Dienstagabend im Rentierressort „Torassieppi“ zum Beispiel, tiefstes Lappland, 200 Kilometer bis zum Polarkreis, es ist Mitte Februar: Erst sind leichte, weiße Streifen zu sehen, die dann immer stärker werden und tatsächlich grün leuchten. Sie werden immer größer, bewegen sich schnell über den Köpfen der Menschen auf dem zugefrorenen See Toras Sieppi und scheinen nach unten zu kommen, herab auf die Betrachtenden. Es entstehen riesige Himmelsgebilde: Seepferdchen und Embryonen wie auf einem überdimensionalen Ultraschallbild schimmern in der Luft. Keine Zeit für Kameraaufnahmen, die Formationen sind in Sekunden wieder weg. Schon formt sich ein neues Konstrukt, es könnte ein Gemälde von van Gogh sein – oder vielleicht doch ein Schrei von Edvard Munch? Die Betrachter stecken ihre Handys ein. Die Finger schmerzen vor Kälte, und die Kameras könnten ohnehin nicht einfangen, was da mittlerweile am Himmel passiert. „Handys weg und genießen!“, befehlen einige Reiseleiter. Es werden Rentierfelle auf dem Eis ausgelegt, und die Gruppen starren liegend in den Himmel. Eine Show wie in einem Planetarium. Kein 3D-Film kann da mithalten. Die Kälte ist vergessen, und immer mehr Menschen strömen auf den See, es ist nun sogar für Einheimische etwas Besonderes. Diese Intensität erlebe man selten, sagt ein schwerer Mann mit dickem Bart auf Englisch, er trägt nur ein Handtuch um den Leib und dampft im Schnee – er hat seinen abendlichen Saunagang kurz unterbrochen. Kinder, aufwachen! Eine finnische Familie weckt die Kinder, aber schon werden die Farben wieder schwächer, die Gebilde am Himmel ziehen sich zurück. „Argh“, gibt der dampfende Mann von sich, wie ein Seemann. So etwas habe er zuletzt vor bestimmt zehn Jahren erlebt. Er öffnet sich ein Dosenbier und geht zurück in Richtung Sauna. Langsam strömen auch die Menschen von der Mitte des Sees zurück, wie benommen, wie zugedröhnt vom Farb- und Formspektakel der Polarlichter. Früher, lange bevor es Handys gab, hatten die Menschen Angst vor den Bewegungen am Himmel und nahmen davor Reißaus oder versuchten, die Himmelsgötter mit Opfergaben zu besänftigen. Auch zu diesen Zeiten trafen sich die Menschen auf dem zugefrorenen See Toras Sieppi, legten sich auf Rentierfelle und versuchten, die Gebilde in der Luft zu deuten. Die Samen, auch „Lappen“ genannt, ein indigenes Volk im Norden Skandinaviens, erkannten darin die Seelen verstorbener Jungfrauen, die vom Himmel winken, oder Eiskristalle, die von den Schwingen der Schwäne abfallen, wenn diese gen Norden fliegen. Samen drohten ihren Kindern: Wenn diese nicht folgsam sind, würden sie von den Lichtern geholt. Die Himmelserscheinungen führten damals also nicht immer zu so viel Begeisterung wie heute. „Guovssahasat“ heißen sie bei den Samen: „das Licht, das man hören kann“. Das galt lange als Mythos, allerdings wies ein finnischer Professor für Akustik vor 20 Jahren nach, dass tatsächlich Geräusche zu hören sein können, kurz und schwach. Dafür muss es allerdings absolut still sein. An diesem Dienstagabend ist es auf dem See allerdings alles andere als ruhig, denn die Touristen und Einheimischen quatschen wild durcheinander, telefonieren und knarzen durch den Tiefschnee. Nahe dem See existiert noch ein fast vollständig erhaltenes Haus einer samischen Familie. Heute ist es ein Museum, und die Nachfahren in skandinavischen Wollpullovern berichten Besuchern von den harten Zeiten damals: So wurde das Haus in zwei Hälften zerteilt, als in einem Jahr die Ernte nicht reichte. Ein Spross der Familie musste mit seiner Familie umsiedeln. Polarlichter kündigten damals zum Beispiel Hungersnöte an, den Tod oder die Geburt eines Kindes sowie andere mögliche Ereignisse der damaligen Zeit, die ohnehin eingetroffen wären. Der See war Lebensraum und existenziell notwendig für den Fischfang. Heutzutage reisen jährlich Tausende Touristen aus aller Welt an den See, frieren stundenlang im Schnee oder mieten sich teure Minihäuser mit Glasdach, um das einzigartige Naturphänomen der Polarlichter mitzuerleben. Den Einheimischen dient der See im Winter als Abkürzung: Mit dem Schneemobil ist es über den See kürzer von einem Dorf zum anderen als mit dem Auto entlang der Straße. In der Gegend gibt es lediglich kleine Dörfer mit nicht mehr als 20 Häusern ohne Kirche und Supermarkt. Die nächste größere Stadt ist Mounio mit etwas mehr als 2000 Einwohnern. Der nächste Flughafen ist in Kittilä, rund eine Stunde mit dem Auto vom See entfernt. Flüge, zum Beispiel aus München, landen zweimal pro Woche, mit Bussen werden die Gäste von den zahlreichen Hotels in der Gegend abgeholt. Zur Saison herrscht auf dem See mitunter reges Treiben. Die Einheimischen müssen aufpassen, nicht mit Touristen zu kollidieren, die in Kleingruppen auf Schneemobilen herumheizen, Langlauf entlang der Loipe auf dem See praktizieren sowie in geführten Schlittentouren, gezogen von Rentieren oder Hunden, durch die Gegend fahren. Im Ressort „Torassieppi“ wohnen die Gäste in Holzhütten mit Ofen. An den Ufern des Sees sind Feuerstellen errichtet worden, mögliche Treffpunkte, um abends auf Polarlichter zu warten, zu quatschen und (mitgebrachten) Schnaps zu trinken. Alkohol ist teuer in Skandinavien: Im Restaurant kostet ein kleines Bier 10 Euro. Abends geben sich die anwesenden Reiseleiter Mühe, die wissenschaftlichen Erkenntnisse über Polarlichter möglichst verständlich zu erläutern. Die Touristen sind eingepackt in dicke Ganzkörperanzüge und werden mit ausreichend Glühwein, Grog oder Tee versorgt. Die Sorge ist groß, keine oder nur uninteressante Polarlichter zu sehen. Dieses Highlight der Reise kann nicht garantiert werden und lässt oftmals auf sich warten – oder bleibt ganz aus. Die von Sonnenwinden beziehungsweise deren Atomen erzeugten Schleier in der Luft sind eigentlich immer da, man kann sie nur selten sehen. Es darf nicht bewölkt sein. Natürlich gibt es Apps und Websites, die die Aurora Borealis versuchen anzukündigen. Einige Reiseanbieter „versprechen“ Nordlichter oder bieten eine Geld-zurück-Garantie an. Wenn keine Lichter über dem See schweben und der Himmel klar ist, hängen da die Sterne. Klar und deutlich. Auch das ein Spektakel, wenn auch ohne Bewegung. „Wie viele Sterne das sind“, staunt eine Frau aus Hessen. Am See ist kaum Licht, und die Sterne glühen am Himmel, besonders der Polarstern ist hell. Während abends die Augen nach oben gerichtet sind, schauen sie morgens nach unten: Es geht zum Eisfischen. Nachdem eine Stelle auf dem See von Schnee befreit wurde, macht man mit einem Eisbohrer ein Loch bis zum Wasser und hält die Angel rein. Die Eisfisch-Saison für die Einheimischen beginnt erst im März, aber für interessierte Gäste wird es auch im Februar praktiziert – Fische werden allerdings selten gefangen. Wieder sitzt man auf Rentierfellen im Schnee auf dem See, rundherum die Bäume, der blaue Himmel und vorbeiziehende Gruppen auf Hundeschlitten, ein Einheimischer auf seinem Schneemobil hebt die Hand zum Gruß.
