FAZ 22.11.2025
18:14 Uhr

Poetry Artist Clara Lösel: Fans lassen sich ihre Verse tätowieren


Clara Lösel erreicht mit ihrer Poesie über Social Media viele Millionen Nutzer. Seit Monaten steht ihr Erstlingsbuch auf Bestseller-Listen. Wie bewahrt sie trotz des Höhenflugs die Bodenhaftung?

Poetry Artist Clara Lösel: Fans lassen sich ihre Verse tätowieren

Lyrik interessiert nur eine kleine Minderheit? An jungen Leuten schreiben Dichter glatt vorbei? Clara Lösel beweist das Gegenteil. Jeden Tag. Mehr als 359.000 Menschen folgen ihr auf Instagram und auf Tiktok mehr als 150.000. Über diese beiden Kanäle erreicht die aus der Nähe von Gießen stammende junge Frau monatlich zwischen 15 Millionen und 20 Millionen Nutzer. Ihr im April dieses Jahres erschienenes erstes Buch „wehe du gibst auf“ kletterte umgehend mehrere Bestseller-Listen empor und klebt dort buchstäblich unter den ersten Zehn. Bei Tiktok schaffte die Mittzwanzigerin es auf Platz eins. Ihren Erstling gibt es mittlerweile in der zehnten Auflage. 50.000 Exemplare sind schon verkauft. Andere Lyriker freuen sich über ein Fünfzigstel davon. Wie bewahrt die Tochter eines Lehrer-Ehepaars ihre Bodenhaftung angesichts dieses Höhenflugs? „Ich habe gar nicht das Gefühl, dass dies ein Höhenflug wäre bei mir. Ich habe eher das Gefühl, ich bin mehr am Boden als vorher“, sagt Lösel während eines Spaziergang-Gesprächs am Schiffenberg in Gießen abseits aller städtischen Präsentierteller. Sie sehe, wie viele Menschen ihre Videos schauten, und merke, wie wichtig Meinungsfreiheit sei. „Ich schaue mich in der Welt um, merke meine Privilegien und weiß: Ich kann hier nur stehen und Erfolg haben, weil ich in einem Land geboren worden bin, wo ich als Frau den Mund aufmachen darf.“ Und weil ihre Familie hinter ihr stehe und sie durch alles begleitet, was Erfolg und Bekanntheit mit sich brächten. „Deshalb bin ich auch so oft hier“, sagt Lösel, die nach Berlin gezogen ist. Sie entspanne sich in der Heimat, indem sie etwa spazieren gehe und sich mit Freunden treffe. „Clartext“ ist mehr als ein Wortspiel Vor dem Spaziergang-Gespräch an diesem strahlenden Novembertag ist Clara Lösel überpünktlich zum Treffpunkt auf den Gießener Hausberg gefahren und hat die Zeit bis zum Gespräch zum Entspannen genutzt. In einer modisch weit geschnittenen schwarzen Jeans, einem hellroten Rollkragenpullover und einem langen wattierten Mantel steht sie mit dem Gesicht zur Sonne und atmet durch, geht ein bisschen umher. Die bis in den Rücken fallenden, gelockten blonden Haare trägt sie zu einem Zopf gebunden. Ein vertrauter Auftritt. Denn so zeigt sie sich auch in ihren Gedicht-Videos, wobei ihr Gesicht das Bild meist ausfüllt. Wer will, entdeckt darin ein Markenzeichen. An ihrer Marke arbeitet Clara Lösel auf vielen Ebenen. Als Poetry Artist auf Social Media, wie es auf Neudeutsch heißt. Als Texterin für Musiker. Als Buchautorin – und während ihrer nach dem Buch benannten Tour, die sie nach München, Hamburg und Berlin an diesem Montag nach Offenbach ins Capitol führt, bevor sie in Köln auftritt. „Herzerwärmend, ehrlich, empathisch“, „Unvergesslich – wunderbarer junger Mensch“ oder auch „ein hammermäßiger Auftritt“ lauten Kurzkommentare nach ihren Abenden mit Musik und „Clartext“. Das ist ein Wortspiel mit ihrem Vornamen, aber gleichzeitig ein Teil ihrer Marke. Nach ihren Auftritten stehen Fans geduldig Schlange, um sich eine Widmung mit Autogramm abzuholen und mit der Autorin zu plaudern. Viele spiegeln ihr, im Grunde gar nicht gerne zu lesen und schon gar keine Lyrik, aber an vielen Abenden ihr Buch zur Hand zu nehmen, wie sie strahlend erzählt. Das finde sie besonders schön. Oder jemand habe ihr gesagt: „Ich habe mir zum ersten Mal seit der Scheiß-Schullektüre ein Buch gekauft.“ Sie sieht sich in der Verantwortung Wenn ihre Verse suchtkranke Menschen durch den Entzug begleiteten oder jemand schreibe, er habe ein Gedicht von ihr während einer Beerdigung vorgelesen, berühre sie das sehr. „Dann denke ich: Krass, das sind Menschen, die ich nie getroffen habe und denen das jetzt Halt gibt. Das sind Gänsehautmomente.“ Manche Fans lassen sich sogar den Buchtitel von Lösel tätowieren und zeigen ihr die dunkelblauen Zeilen auf der Haut, gestochen nach dem Vorbild auf dem Bucheinband. „Das passiert immer wieder mal“ – was sie als Ehre auffasse. Die Wahl-Berlinerin spricht deshalb von der aus ihrem Erfolg erwachsenden Verantwortung. Aber was bedeutet das genau für sie? „Ich bin da ein bisschen zwiegespalten in dieser Frage“, antwortet sie. Verantwortung folge schon aus der Reichweite, die sie mit ihren Worten erzielt. Schließlich nehmen Leserinnen und auch Leser sich ihre Zeilen zu Herzen. Das ist die eine Seite. Doch schränkt Lösel andererseits ein: „Ich kann mir nicht die Verantwortung für zwanzig Millionen Menschen im Monat auf die Schultern laden. Denn dann ist meine Freiheit weg, und dann traue ich mich nicht mehr, was zu posten“, sagt sie so nachdenklich wie bestimmt. In ihre Texte könne jeder hineininterpretieren, was er wolle, sie könnten aus dem Zusammenhang gerissen werden – wie solle sie dafür die Verantwortung übernehmen. „Ich möchte nicht dazu beitragen, dass Social Media ein Ort voller Highlights ist“ Wer nicht nur das Buch kennt und die Gedicht-Videos, weiß: Clara Lösel gibt in kurzen Clips auf Instagram auch Einblicke in ihr Privatleben. Sie weint auch vor der Kamera. Sie weint Tränen der Freude und der Trauer, je nach Anlass, den sie öffentlich mitteilt. Das ist sehr intim. Gehört das dazu in dieser Onlinewelt? Lösel überlegt, zieht kurz die Stirn kraus und sagt: „Es ist mir bewusst, dass sich nicht viele Leute auf Social Media so zeigen.“ Sie bekomme auch reichlich Kommentare dazu und nicht nur freundliche. Nur: „Ich möchte nicht dazu beitragen, dass Social Media ein Ort voller Highlights ist.“ Alles ist immer toll – das sei nicht ihre Welt. Auch ihr gehe es manchmal nicht gut. An Tagen etwa, an denen ihr nichts zum Schreiben einfalle und an denen sie deshalb gefrustet sei. „Das ist mein Versuch, auf Social Media so echt zu sein, wie ich auch in meinen Texten bin“, hebt sie hervor. Nun ist das mit „Mir fällt nichts ein“ so eine Sache, wenn die Follower regelmäßig etwas Neues von einem erwarten. Manche Leute schreiben Gedichte aus dem Stegreif – weil sie etwas anspringt, und das müssen sie dann schnell aufschreiben, sonst verfliegt die Idee. Andere Autoren setzen sich sklavisch werktäglich zu bestimmten Zeiten an den Schreibtisch und arbeiten ihre Zeilen routiniert ab. Schreiben wie ein Bürojob. Clara Lösel gehört eher zu den Ersteren. Das sei schon immer so gewesen, seitdem sie Schreiben gelernt habe. Nur bekämen es jetzt eben ungleich mehr Menschen mit als früher. „Manchmal renne ich aus der Dusche raus und schreibe was auf“, sagt sie lachend. Oder spontan in der S-Bahn in Berlin, zumal die Stadt schon wegen ihrer Geschichte inspirierend sei. „Bisweilen denke ich, wow, ich bin über die frühere Grenze gefahren.“ Was sie bewege, notiere sie. „Das ist mein persönlicher coping mechanism, mit dieser Welt umzugehen.“ Sie spreche zwar auch mit Freunden darüber. Vor allem aber greife sie zum Laptop und schreibe etwas. „Und da mich viel bewegt, schreibe ich eben auch viel auf.“ Das heißt: Im Alltag tippt sie ihre frischen Gedanken ins Smartphone, die umgehend in ihrem Laptop einlaufen. An diesem Gerät arbeite sie ihre Gedanken aus. Und zwar möglichst jeden Tag. Dem Motto folgend: Alle schönen Dinge sind anstrengend. Schließlich kämpfe sie auch mit einem Text, manchmal zwei Wochen lang, weil er nicht aus dem Kopf über die Finger in die Tasten wolle. Sie hat einen Manager und eine Pressesprecherin, die ihr den Rücken frei halten. „Ich liebe das Schreiben über alles, ich würde nichts lieber machen“, sagt Lösel. Im Moment kann sie davon sehr gut leben. Clara Lösel tritt am Montag, 24. November, im Capitol in Offenbach auf. Die Lesung mit Musik beginnt um 19.30 Uhr.