Die schlechte Nachricht zuerst: Skifahren ist ein sogenannter Risikosport. Im Weltcup hat das zuletzt auch die schweizerische Skirennläuferin Lara Gut-Behrami einmal mehr erfahren müssen. Im Training riss das Kreuzband. Eine typische Skiverletzung. Die gute Nachricht: Auch wenn es saisonale Ausreißer gibt, bleiben die Unfallzahlen konstant, sind langfristig sogar stark rückläufig. Seit 1979/80 ist die Zahl der Verletzten laut der Auswertungsstelle für Skiunfälle der ARAG-Versicherung um mehr als die Hälfte gesunken. „Das Verletzungsrisiko hat sich im Laufe der Zeit somit deutlich reduziert“, heißt es bei der Stiftung Sicherheit im Skisport. Experten begründen das mit besserer Pistenpflege und besserer Ausrüstung. Bei der schweizerischen Beratungsstelle für Unfallverhütung heißt es: „Die Zahl der Verletzten beim Skifahren ist auf Schweizer Skipisten im Zehnjahreszeitraum stabil geblieben. Beim Snowboardfahren ist sie zurückgegangen. Aktuell verunfallen im Schnitt jedes Jahr 63.000 Personen.“ Ein Drittel der Skiverletzungen betrifft die Knie. Schädel und Hirn machen zehn Prozent aus. Wie viele der Skifahrer, die sich am Kopf verletzten, mit Helm unterwegs waren, ist nicht erfasst. Pro 1000 Skifahrertagen gibt es auf Schweizer Pisten jährlich rund drei Verletzte, in Österreich ist es etwas weniger als einer. „Das heißt, ich muss dort im Durchschnitt 1000 Tage Ski fahren, um eine Verletzung zu erleiden. Wenn ich 10 Tage pro Jahr fahre, wären das 100 Jahre. Bei 100 Tagen pro Jahr insgesamt 10 Jahre“, rechnet Sportmediziner Martin Burtscher von der Uni Innsbruck vor. Weniger Schnee, mehr Kollisionen Die Ursachen für Skiunfälle sind vielfältig: Fahrfehler, Selbstüberschätzung und unangepasstes Fahrverhalten. Die Konsequenzen sind je nach Schneelage unterschiedlich. „Bei wenig Schnee wie im vergangenen Winter sehen wir mehr Verletzungen, die rein subjektiv schwerer sind“, sagt Dr. Oliver Trapp, stellvertretender Ärztlicher Direktor der Berufsgenossenschaftlichen Unfallklinik Murnau. Bei vereisten Pisten sei der Kopf eher gefährdet, zudem könne es passieren, dass Sportler bei Unfällen über den Pistenrand geschleudert würden. Hinzu kommt: Wenig Schnee konzentriert die Skifahrer auf weniger Pistenfläche. Tiefer gelegene Skigebiete öffnen entweder erst gar nicht oder nur für kürzere Zeit. Die Skifahrer weichen auf höher gelegene Gebiete aus, wo die Pisten aber auch oftmals schmaler sind als in Wintern mit viel Schnee. Überfüllte Pisten können zur echten Gefahr werden, das Risiko für Kollisionsunfälle steigt, wie die vergangenen schneearmen Winter gezeigt haben. Das belegen die von der ARAG ausgewerteten Unfallzahlen. Demnach liegt der Anteil der Kollisionsverletzungen an allen Skiverletzungen mittlerweile bei etwa einem Fünftel. Die Folge: Verletzungen an Kopf, Kiefer und Brustkorb. Dr. Oliver Trapp von der Unfallklinik Murnau, die auf die Versorgung von Schwerstverletzten spezialisiert ist, rät daher unbedingt zu Helm und Rückenprotektor. Deutlich erhöhter Flächenbedarf Werbung für mehr Sicherheit sucht man bei den Seilbahnen derzeit vergeblich. Sie investieren vor allem ins Marketing, um den Verkauf der Tickets anzukurbeln und noch mehr Skifahrer anzulocken. Dabei wäre es vermutlich der größere Gewinn, wenn Skigebiete die Zahl der ausgegebenen Skipässe limitierten. Aus wirtschaftlichen Gründen scheint das zunächst eine verwegene Idee. Aber es gibt Skigebiete, die genau das tun. „In Lech-Zürs haben wir seit vielen Jahren eine Kontingentierung. Wenn die Zahl von 14.000 Eintritten erreicht ist, werden keine Tages- und Halbtageskarten mehr verkauft“, erklärt Klaus Nussbaumer, Geschäftsführer der Lecher Bergbahnen. Dann dürfen nur noch Besitzer von Wochen- und Saisonkarten auf die Piste. Zweimal sei das im vergangenen Winter vorgekommen. „Wir machen das aus Gründen der Qualität“, sagt Nussbaumer. Dazu hat auch die Veränderung des Skisports beigetragen. Früher seien Skifahrer gewedelt und mit Kurzschwüngen die Pisten hinuntergefahren. Die Carving-Technik und Snowboards hätten den Flächenbedarf aber deutlich erhöht. Madonna di Campiglio im Trentino zieht seit dieser Saison nach. In der ersten Spitzenzeit um Weihnachten wurde das schon so praktiziert. Schneereiche Winter sind trotz der klimatischen Veränderungen zwar auch in tiefergelegenen Skigebieten nicht ausgeschlossen. Mittel- bis langfristig wird der Skiurlaub sich aber auf die höhergelegenen Regionen konzentrieren und das Problem voller Pisten vermutlich noch verschärfen. Statt die Länge der Piste zum Auswahlkriterium zu machen, sollten Skifahrer deshalb in Zukunft vielleicht besser auf die Pistenfläche schauen.
