FAZ 19.12.2025
09:11 Uhr

Pilgern durch Italien: Alles wird einfach


Während sich auf dem Jakobsweg längst die Massen drängen, findet man auf der Via Francigena in Italien noch Einsamkeit und Ruhe: 1052 Kilometer von der Schweiz nach Rom zeigen, warum Arkadien kein Ort ist, sondern ein Zustand.

Pilgern durch Italien: Alles wird einfach

Arkadien, das Sehnsuchtsland, wo die Zitronen blühen, riecht nach Abgasen und den Ausdünstungen verlotterter Vorstädte. Stoßstange an Stoßstange schiebt sich eine Autokolonne an uns vorbei, die Fahrer hupen ihren Frust in die Welt, seelenverkümmernde Wohnblocks und Indus­triebrachen säumen die Straße. Die Via Trionfale im Norden Roms ist eine zwölf Kilometer lange Zumutung – für das ästhetische Empfinden, für den Intellekt und nicht zuletzt für die Füße. Und dennoch sind wir glücklich, von Grund auf und durch und durch. Bald werden wir an unserem Ziel ankommen, dem Vatikan. Wir werden den Papst sehen, die Grandezza Roms und ihren charmanten Zerfall bewundern, herrlich schlemmen, das Forum besuchen und staunend vor Raffael-Fresken stehen. Christus begleitet jeden einzelnen Pilger Aber all das ist nicht der Grund für unsere Hochstimmung. „You’ll never walk alone“, heißt es. In der christlichen Pilgerherberge in Rom versichert uns Schwester Agathe, Christus begleite jeden einzelnen Pilger. Mag sein. Wir haben in den vergangenen Wochen genug Wundersames erlebt, das sich leichter mit göttlichem Beistand als mit Wahrscheinlichkeitsrechnung erklären ließe. Sicher aber sind wir uns in einem: Fortuna, die römische Göttin des Glücks, hat sich zu uns gesellt und uns großzügig aus ihrem Füllhorn trinken lassen. Zeit dazu hatte sie genug auf den 1052 Kilometern, bei anderthalb Millionen Schritten und 45 Tagen von St. Gallen in der Schweiz bis in die Ewige Stadt, von der eigenen Haustür bis zur Heiligen Pforte im Vatikan, die sich nur alle 25 Jahre in einem Jubeljahr öffnet. Die ersten Tage fühlen sich allerdings nicht sehr berauschend an. Die untrainierten Muskeln brennen abends, der Rucksack lastet zu schwer auf den Schultern. Unsere Heimatregion, in der wir regelmäßig wandern, kennen wir zu gut: Uns ist langweilig. Das ändert sich, als wir das Appenzellerland und das Rheintal hinter uns lassen und uns anschicken, den 2114 Meter hohen Splügenpass zu erklimmen. An diesem Herbsttag sind wir die einzigen Wanderer auf der historischen Passstraße, auf der große Teile des jahrhundertealten Pflasters noch erhalten sind. Der Wind treibt Wolkenfetzen herüber, die um schroffe Felsen tanzen, die Kälte kriecht unter die Jacke, die Berge stehen urgewaltig. Am Südhang der Alpen auf italienischer Seite hat sich Nebel festgesetzt. Der handtuchschmale Pfad der Cardinello-Schlucht, in die Felswand eingemeißelt, verliert sich in den Schwaden – ein schaurig schöner Anblick. Wir fühlen uns klein in der Erhabenheit dieser Natur. Und genau in diesem Moment bricht sich das Gefühl des Unterwegsseins Bahn. Wir mussten erst unseren Rhythmus finden, aber jetzt sind wir wirklich auf dem Weg. Das Abenteuer beginnt. Hat Goethe in unserem Bett geschlafen? Am Abend kehren wir im Örtchen Isola in die Locanda Cardinella ein, die seit 1722 Reisende beherbergt. Marti, Ur-Urenkel der Gründerfamilie, weit über achtzig, blickt auf unseren deutschen Pass und sagt: „Kann gut sein, dass in eurem Zimmer Goethe geschlafen hat.“ Wir staunen ehrfürchtig. Sieht man von der modernen Pelletheizung in den Zimmern ab, könnte man tatsächlich meinen, man sei ins 18. Jahrhundert katapultiert. Die Locanda ist ein Juwel. Nur Goethe schlief hier nie, wie wir später herausfinden. Zwar überquerte der Frankfurter Dichterfürst am 30. Mai 1788 auf dem Rückweg von seiner zweiten Italienreise den Splügenpass, legte in Isola aber keinen Halt ein. Egal. Das 300 Jahre alte Gemäuer atmet Reisehistorie, und wir fühlen uns als Teil jener Hunderttausenden, die vor uns diese Höhen überquerten: Säumer, Händler, Pilger, Herumtreiber, Armeen, Könige – und Glücks­sucher wie wir. Vom Splügenpass führt unser Weg auf alten Saumpfaden hinab nach Chiavenna, am Comer See vorbei und ab Lecco auf modernen Fahrradwegen neben dem Fluss Adda gen Süden, bis wir kurz vor Piacenza auf die Via Francigena einbiegen. Der heutige offizielle Pilgerweg geht auf Bischof Sigerich zurück, der sich im Jahr 990 zu einem Treffen mit dem Papst von Canterbury nach Rom aufmachte und dabei das römische Straßennetz nutzte. Die heutige Streckenführung von England über Frankreich und den Großen Sankt-Bernhard-Pass nach Italien basiert auf seinem Reisebericht aus dem Jahr 994. Der Weg führt schließlich durch die Po-Ebene und die Emilia-Romagna, überquert den Apennin am Cisa-Pass bis zum Tyrrhenischen Meer und schlängelt sich durch das Herz der Toskana und Latiums zum Grab des Heiligen Petrus im Vatikan, das Ziel mittelalterlicher Pilger. Alle diffusen Ängste verblassen Als wir in Isola aufbrechen, sind wir schon seit acht Tagen unterwegs. Die Muskeln brennen kaum noch, die anfängliche Entzündung der Achillessehne hat sich verzogen, der Rucksack drückt nicht mehr – auch wenn er objektiv nicht leichter geworden ist. Es ist erstaunlich, wie schnell sich der Körper auf die Anstrengung einstellt. Und langsam macht sich auch innerlich etwas bemerkbar. Die diffusen Ängste des Alltags, Karriere-, Geld- und Zukunftssorgen, die Furcht, etwas zu verpassen, das Gefühl, ständig erreichbar sein zu müssen, verblassen. An ihre Stelle tritt ein ruhiger See aus Vertrauen, auf dem der Tanker des Lebens ohne Turbulenzen dahingleitet. Woran das liegt? An der ewigen Wiederkehr des Gleichen: Aufstehen, Rucksack packen, laufen, essen, Wäsche waschen, schlafen. Tag für Tag. Was langweilig klingt, ist Befreiung. Keine Termine, keine Videokonferenzen, keine Beurteilungsgespräche, keine Entscheidungen. Der Weg ist vorgegeben und gut markiert, in den Dörfern gibt es eine Herberge und eine Trattoria, das war’s. Das Leben verliert seine Komplexität – und mit ihr einen großen Teil seines Lärms. Und dann ist da die Langsamkeit des Gehens. In einer sich immer schneller drehenden Welt ist das Zurückfinden zur menschlichsten aller Geschwindigkeiten ein Gegengift zum Zeitgeist. Wir sind nicht katholisch und glauben weder daran, dass vor den Reliquien des Heiligen Petrus im Vatikan Wunder geschehen, noch daran, dass man sich auf einem Pilgerweg „selbst findet“, wie man es in unzähligen Varianten in sozialen Medien und Selbstverwirklichungsbüchern lesen kann. Dazu braucht es mehr als vier Wochen Wandern. Unsere Droge ist das Gefühl grenzenloser Freiheit – und die Erfahrung, dass am Ende alles gut wird. Ob Gott dabei seine Hand im Spiel hat, wie Schwester Agathe behaupten würde? Wir wissen es nicht. Doch es ist so, als würde jemand uns leise unter die Arme greifen. Die Wallfahrer sind ganz für sich allein Und wir sind nicht allein. Auf der Via Francigena sind selbst in der Nebensaison verblüffend viele Pilger unterwegs. Wir treffen Menschen aus Brasilien, den USA, Australien, Südkorea, Frankreich, Deutschland und der Schweiz. Viele waren schon mehrmals auf Jakobswegen unterwegs und suchen nun eine ruhigere Option. Denn auf dem Hape-Kerkeling-„Ich bin dann mal weg“-Camino geht es mittlerweile zu wie auf einem Jahrmarkt. Mit mehr als einer halben Million Pilgern bricht der Jakobsweg Jahr für Jahr neue Rekorde – mit allen Nachteilen des Massentourismus. Die Via Francigena ist dagegen noch ein Geheimtipp. Die offizielle Organisation stellte im Jahr 2024 lediglich 14.000 Pilgerpässe aus; addiert man Outdoor-Fans hinzu, die Teilstrecken wandern, sind es Schätzungen zufolge nicht mehr als 50.000 Menschen, – so viele wie auf dem Jakobsweg vor drei Jahrzehnten. Manchmal wandern wir stundenlang, ohne jemanden zu sehen, auch wenn mit uns etwa zehn Pilger ähnliche Etappen laufen. Da ist Arnold, der Schauspieler, der seinen Beruf an den Nagel gehängt hat und nun nach neuen Perspektiven sucht. Da ist die Rentnerin Christine, die mit einem Rucksack von knapp 20 Kilogramm ausgerüstet ist, als wolle sie die kanadische Wildnis durchwandern; Claudine, die in jeder Gelateria eine Pause einlegt, Chantal, die singend und tanzend über den Weg hüpft, und Francis aus den USA, der seinen Glauben mit einem großen Holzkreuz zur Schau stellt. Unterschiedliche Charaktere, die im normalen Leben wohl kaum zusammenträfen. Auf der Francigena aber werden die Trennwände durchlässig, die sonst unseren Alltag bestimmen. Abends beim gemeinsamen Essen in der Herberge, alle gleichermaßen erschöpft und mit schmerzenden Füßen, verschwinden soziale, religiöse und kulturelle Schranken. In diesen Momenten sitzen Menschen einfach Menschen gegenüber. „Das ist für mich das Schönste an den Pilgerwegen, dass sie Menschen aus aller Welt zusammenbringen“, sagt Erica, die als Freiwillige die Herberge im Ort Valpromaro führt und sich wie eine Nonna um uns kümmert. Sie herzt und drückt, strahlt, steht stundenlang in der Küche und zaubert fabelhafte Gnocchi. Erica erschafft ein Zuhause auf Zeit – ein unbezahlbares Gefühl, das in diesem Fall kein Preisschild kennt. Ihre Herberge wird im Sinne der christlichen Nächstenliebe auf Spendenbasis geführt. Überhaupt sind es die Herbergen, die die Francigena zu einem besonderen Erlebnis machen – trotz schnarchender Mitpilger, durchgelegener Matratzen und Käsesocken. Im Unterschied zum Jakobsweg, auf dem inzwischen viele Unterkünfte vor allem als Geschäftsmodell betrieben werden, haben die meisten Herbergen in Italien einen kirchlichen Hintergrund. Wir klopfen an Klöster, schlafen in ehemaligen Mönchszellen, bekommen ein Bett bei der Kirchengemeinde oder im Gemeindehaus. Manchmal müssen wir bestätigen, dass wir verheiratet sind, sonst würde man uns in getrennte Zimmer stecken – Traditionen, die sich gegen den Zeitgeist stellen. Das Pilgern fühlt sich in Italien noch authentisch an. Und wäre das nicht schon Grund genug, Rucksack und Wanderschuhe aus dem Schrank zu holen, setzt Italien noch eines obendrauf. Dieses Sehnsuchtsland verzaubert, besonders in der Toskana, die wirkt, als hätte ein Maler alle italienischen Klischees auf einer Leinwand gepinselt: Auf den Kuppen sanfter Hügel stehen Bauernhäuser, hinauf führen gewundene Sträßchen, gesäumt von Zypressen, Bäume so grazil wie Models auf einem Mailänder Laufsteg. Dazwischen Weinberge, Olivenhaine und kleine Wäldchen. Und jemand – ein göttlicher Landschaftsgärtner mit Sinn für Dramaturgie – hat in diese Szenerie kolossale Pinien gesetzt. Es ist eine Landschaft wie eine Verdi-Oper, melancholisch und dramatisch zugleich. Das muss jenes Arkadien sein, das schon Goethe suchte. Dazu die Dörfer und Städtchen, eines schöner als das nächste: Pontremoli, das Künstlerdorf Pietrasanta, Lucca mit seiner ovalen Piazza Anfiteatro, einst Amphitheater, San Gimignano mit seiner Skyline aus Geschlechtertürmen und Siena, vielleicht die schönste Stadt Italiens, deren gotische, schwarz-weiße Kathedrale Werke von Bernini, Donatello und Michelangelo beherbergt. Und die Abende auf den Piazze, bei einfachen, großartigen Gerichten, einem Glas Rotwein aus dem Chianti und Gesprächen mit neuen Pilgerfreunden: mit Arnold, der über Sein und Nichtsein philosophiert, der Französin Chantal mit ihrem Sprachmix aus Französisch und Englisch und Claudine, die im Detail über italienische Küchen sinniert. All das ist Balsam für die Seele. Und wir sind sicher: Fortuna sitzt mit uns am Tisch. So voll von Schönheit und glücklichen Momenten nach sechs Wochen „sulla strada“, auf der Straße, kann uns schließlich die Hässlichkeit der Via Trionfale an unserem letzen Tag kaum noch berühren. Und noch Wochen nach unserer tausend Kilometer langen Pilgerwanderung trägt uns diese innere Ruhe durch das Chaos des Alltags. Arkadien, haben wir gelernt, ist kein Ort auf der Landkarte, sondern ein Zustand, in den man sich Schritt für Schritt hinein wandert. Und wenn er verblasst? Dann findet sich ein neuer Pilgerweg. Vielleicht die Via Francigena nel Sud, die Verlängerung von Rom nach Santa Maria di Leuca in Apulien: 930 Kilometer, etwa 40 Tage, das könnte passen. Informationen: Die Via Francigena startet in Canterbury in England und ist etwa 2000 Kilometer lang. Viele Pilger starten in Lausanne (1100 Kilometer, 50 Tage) oder Martigny, weil sie den Pass über den Großen Sankt Bernhard (2469 Meter) erleben möchten. Der schönste Abschnitt beginnt in Lucca (410 Kilometer, 20 Tage) und führt durch die Regionen Toskana und Latium. Die Strecke ist sehr gut beschildert. Das Symbol ist ein mittelalterlicher Pilger. Unterkünfte: Ab der Schweiz ist das Netz an Pilgerherbergen sehr gut ausgebaut. Zusätzlich finden sich viele unterschiedliche Unterkünfte von Privatzimmern bis zu luxuriösen Boutiquehotels. Für die Pilgerherbergen benötigt man einen Pilgerpass, mit dem man in Rom zudem das Testimonium erhält. Den offiziellen Pilgerpass gibt es gegen einen kleinen Obolus bei der europäischen Via-Francigena-Assoziation: www.viefrancigene.org. Kosten: Wer in Herbergen schläft (durchschnittlich 20 Euro pro Bett), der kommt täglich mit 40 bis 50 Euro zurecht. Ein privates Doppelzimmer in einem kleinen Hotel (Einzelzimmer sind selten) gibt es ab 60 Euro. Allgemeine Informationen über den Pilgerweg unter www.viefrancigene.org.