FAZ 24.11.2025
09:44 Uhr

PilgerTourismus in Israel: Zurück im gelobten Land


Von der fein austarierten Ruhe auf dem Tempelberg: Evangelikale Pilger aus den USA sind die ersten Touristen, die zurück nach Israel kehren. Wir haben sie auf ihrem Weg durch Jerusalem begleitet.

PilgerTourismus in Israel: Zurück im gelobten Land

Es ist noch Platz im Reisebus. Die Gruppe evangelikaler Christen aus den USA auf Pilgerreise in Israel umfasst rund ein Dutzend Personen. Es sind Pensionäre und Berufs­tätige, Handwerker und Akademiker, sie kommen von der Ost- und von der Westküste, vor allem aber aus dem „Bible Belt“ in den Südstaaten. Alle sind zum ersten Mal in Israel. Es ist Tag zwei ihrer einwöchigen Rundreise durchs „Herzland des Heiligen Lands“ – so heißt ihr Reisepaket „in Israels biblische Vergangenheit, seine mutige Gegenwart und seine hoffnungsvolle Zukunft“. Heute stehen die Altstadt von Jeru­salem, einschließlich Klagemauer und Tempelberg, auf dem Programm des Veranstalters, der Organisation „Israel365“, gegründet und geführt von Rabbi Naphtali „Tuly“ Weisz. Er ist 45 Jahre alt und stammt aus Columbus im ame­rikanischen Bundesstaat Ohio. 2011 entschlossen sich Weisz und seine Frau zur Alija, zur Übersiedlung nach Israel, fünf ihrer sechs Kinder sind dort geboren. Das hebräische Bibelwort „Alija“ heißt so viel wie „Hinaufsteigen“ und bezeichnete im antiken Judentum eine Pilgerfahrt nach Jerusalem: hinauf zum Tempel auf dem Berg, der sich auf rund 740 Meter Meereshöhe über der heiligsten Stadt des Heiligen Landes erhebt. Der Zweite Tempel steht nicht mehr, im Jahre 70 nach Christus wurde er durch die Römer zerstört. Tuly Weisz hat in New York einen Doktortitel in Rechtswissenschaften erworben und ist modern orthodoxer Rabbiner. Modern orthodoxe Juden streben – anders als die abgeschottet lebenden ultraorthodoxen Haredim – die Verbindung eines Lebens nach den traditionellen Vorschriften des Talmuds mit der vollen Teilhabe an der modernen säkularen Gesellschaft an, einschließlich Bildung und Karriere, Kultur und Sport. Modern orthodoxe Juden sind bibeltreue Zionisten. Im Staat Israel sehen sie nicht nur den Zufluchtsort für die in der Diaspora bedrohten Juden, sondern die Erfüllung einer biblischen Prophetie. Sie unterstützen – anders als die Haredim – den Wehrdienst in der israelischen Armee. Und sie werben für die Alija, gerade jetzt, angesichts der globalen Welle des Antisemitismus in der Folge des israelischen Krieges im Gazastreifen nach dem islamistischen Terrorpogrom der palästinensischen Hamas vom 7. Oktober 2023. Rabbi Tuly Weisz hätte in den USA eine sichere Laufbahn als Anwalt im Immobilienunternehmen seines Vaters verfolgen können. Stattdessen wanderte er mit seiner Familie nach Israel aus: „Wir suchten nach einem Abenteuer und wollten unsere Kinder im Land unserer Vorfahren aufziehen.“ Viel spricht dafür, dass er mit „Israel365“ seine Berufung gefunden hat. Gegründet hat er die Organisation Anfang 2012, heute sind rund zwanzig Mitarbeiter beschäftigt. Sie umfasst eine gemeinnützige Stiftung, eine Nachrichtenseite für „präzise und faire“ Berichterstattung und das kommerzielle Reiseunternehmen. Alles soll „die bi­blische Bedeutung des Landes Israel fördern“, wie es Weisz formuliert – und zwar in einer Sprache, „die christ­liche Zionisten nachvollziehen und wert­schätzen können“. Christliche Zionisten unterstützen die Rückkehr der Juden ins Heilige Land sowie den 1948 gegründeten Staat Israel als Erfüllung biblischer Verheißungen, und sie nehmen Abstand von Missionstätigkeit unter Juden. Erste Station an der Klagemauer Die Abfahrt des Reisebusses vor dem Hotel im bürgerlichen Jerusalemer Stadtteil Talbieh erfolgt gleich nach dem Frühstück. Susan aus einer evangelikalen Gemeinde in Austin, Texas, ist nicht mehr gut zu Fuß, vor allem beim Treppensteigen braucht sie etwas länger. Sie ist mit Sohn und Schwiegertochter ins Heilige Land gereist. Zwei lokale Reiseleiter begleiten die Gruppe auf ihrer Tour. Der eine ist Itay, einer der rund 7000 staatlich lizenzierten Fremdenführer in Israel, die seit gut zwei Jahren keine Arbeit mehr haben, weil der inter­nationale Tourismus seit Oktober 2023 zusammengebrochen ist. Der andere ist Zelig, bei „Israel365“ für Touren und Sonderprojekte zuständig. Itay stammt aus Jerusalem und verfügt über gut zwei Jahrzehnte Erfahrung als professioneller Reiseleiter für englischsprachige Reisegruppen. Zelig wurde in St. Petersburg geboren, wuchs in Brooklyn auf. 2023 entschloss er sich zur Alija und lebt seither in der jüdischen Siedlung Efrat südlich von Jerusalem im Westjordanland. Von der „West Bank“, wie das seit 1967 von Israel besetzte Gebiet auf Englisch heißt, spricht Zelig nie. Stattdessen benutzt er die biblische Bezeichnung „Judäa und Samaria“ – diesem Sprachgebrauch folgen auch die Mitglieder der Reisegruppe aus den USA. Erste Station an einem milden Herbsttag sind die Klagemauer und der Tempelberg. Die Gruppe hat die Metalldetektoren am südlichen Zugang zur Klagemauer noch nicht durchschritten, als eine Bar-Mitzwa-Prozession auftaucht. Der Junge unter dem Baldachin und seine Familie tragen Festtagskleidung. Den Zug der Feiernden begleitet eine kleine Musikgruppe mit Saxophon- und Schofar-Bläser, es sind traditionelle, überaus orientalische Klänge. Für Zelig kommt das religiöse Spektakel wie ge­rufen. Auf seinem Handy zeigt er das Foto von seiner Tochter im Hochzeitskleid direkt vor der Klagemauer, der stolze Brautvater daneben: „Hier feiern wir alles, was für uns als Juden und als Israelis von besonderer Bedeutung ist: Bar Mitzwas, Hochzeiten, die Vereidigung von Rekruten.“ Dann holt Zelig aus der langen Reihe von Bücherregalen neben der Klagemauer für jeden eine Tora in englischer Sprache. „Lest irgendeinen Abschnitt halblaut vor, legt die Hand auf den Stein der Klagemauer und fühlt diesen heiligen Ort“, leitet er seine erkennbar ergriffenen christlichen Pilger an. „Und vergesst nicht, einen Zettel mit eurem Gebetswunsch in eine Mauerritze zu stecken.“ Auf den Tempelberg, den „heiligsten Ort für Christen und Juden“, wie es im Reiseprogramm von „Israel365“ heißt, ohne die immense Bedeutung des Ortes auch für Muslime zu erwähnen, kommt Zelig nicht mit. Erst wenn dort, wo heute die islamischen Heiligtümer des Felsendoms und der Al-Aksa-Moschee stehen, Juden ohne Einschränkung beten dürften, was ungeachtet der Eroberung des Tempelbergs im Sechs-Tage-Krieg 1967 durch israelische Truppen bis heute absurderweise verboten sei, erst dann werde er dort hinaufgehen, sagt Zelig. Ein einzigartiger Ort Die Erklärung der komplexen Geschichte des Bergs, wo die drei großen monotheistischen Religionen der Menschheit so eng und unauflöslich miteinander verflochten sind wie an keinem anderen Ort der Welt, übernimmt oben auf dem Plateau der lizenzierte Reiseleiter Itay. Wenn Itay bei seinen historischen Erläuterungen aus dem Gedächtnis einschlägige Passagen aus dem Alten Testament zitiert, dann lesen seine bibelfesten evangelikalen Schützlinge sogleich die entsprechende Passage auf der Bibel-App ihres Handys mit und verwickeln ihren gelehrten jüdischen Reiseleiter in freundliche theologisch-archäologische Dispute auf Augenhöhe. Es ist ein ruhiger Vormittag. Es ist Montag, und der Montag ist ein gewöhnlicher Arbeitstag für Juden, Christen und Muslime gleichermaßen. Auf dem weiten Platz vor der Al-Aksa-Moschee sitzen einige Männer mit langen weißen Bärten auf verwitterten Stühlen und blättern im Koran. Ältere Frauen mit Kopftüchern kommen herbei, es ist bald Zeit fürs Mittagsgebet. Derweil führen der jüdische Reiseleiter Itay und seine christlichen Heilig-Land-Pilger einen leisen Dialog über Textstellen aus dem Alten Testament. Ein versprengtes Touristenpärchen aus Asien fotografiert den Felsendom. Die Tauben gurren. Es ist still, ja friedlich unter einem wolkenlosen Himmel auf dem Tempelberg. Doch Itay ist ein Fehler unterlaufen, wie er und seine Reisegruppe bald feststellen sollen. Vor dem Aufstieg hatte er den Pilgern die von der jordanischen Verwaltung der heiligen islamischen Stätten dort vorgeschriebenen Verhaltensregeln eingebläut: keine hör- und erkennbaren christlichen Gebete, keine unsittlichen Gesten und Kleidungsstücke, kein Mitführen einer Bibel oder jedweden jüdisch-christlichen Schriftwerks, kein Betreten des Felsendoms und der Al-Aksa-Moschee. Dabei war Itay – und allen anderen – entgangen, dass der schmale Schlitz im knöchellangen Rock von Joanne aus Virginia bei bestimmten Bewegungen den Blick auf ihr Knie freigeben könnte. Den muslimischen „Sittenwächtern“ jedoch fiel das gleich auf, sie verwiesen Joanne und ihren Verlobten Robert des Tempelbergs und eskortierten sie zum Ausgang. Zurück auf dem Platz vor der Klagemauer nimmt Zelig zunächst die von dem Vorfall erkennbar mitgenommenen Joanne und Robert sowie später den Rest der Gruppe in Empfang. Er schimpft auf „die Islamofaschisten da oben“, die offenkundig Freude daran hätten, Juden und Christen zu kujo­nieren. Hier, auf jüdischer Seite der Altstadt, herrsche dagegen Freiheit, sagt er – wobei er ausblendet, dass auch an der Klagemauer eine Kleiderordnung des religiösen Respekts gilt und dass Männer und Frauen hier räumlich getrennt voneinander beten und feiern müssen. „Unser Busfahrer ist Muslim, ich bin Jude und ihr seid Christen – das ist unser Jerusalem!“, beendet Zelig seine Tirade. Bummel durchs jüdische Viertel Anschließend geht es ins jüdische Viertel der Altstadt, das heute fast ausschließlich von orthodoxen und nationalreligiösen Juden bewohnt wird. Es besteht Gelegenheit zum Bummel, zum Besuch der restaurierten Synagogen, zum Austausch untereinander. Trisha und Reuben aus Baltimore sehen die jüngsten Waffengänge Israels gegen die Hamas, die Hizbullah und gegen Iran, auch die sogenannten Abraham-Abkommen arabischer Staaten mit Israel nicht nur als zeitgeschichtliche, sondern auch als prophetische Ereignisse: Gott stehe Israel und den Juden bei, weil „die Zeit erfüllt“ sei. An einem Gebäude an der zentralen HaYehudim-Straße hängt ein großes Transparent in den israelischen Nationalfarben mit der englischen Aufschrift „Make Gaza Jewish Again“. Zelig gefällt das Transparent sehr, er foto­grafiert es und schickt das Handyfoto an seine Schwester in New York. Er ermuntert alle in der Reisegruppe, das Transparent ebenfalls zu fotografieren und tüchtig zu verbreiten. Dann ist es Zeit zur Rückkehr mit dem Reisebus zum Dinner im Hotel. Man schätzt, dass es in den USA bis zu 100 Millionen evangelikale Christen gibt. Zusammengenommen sind die verschiedenen Denominationen der pro­testantischen Evangelikalen, einschließlich der Pfingstler, die größte und am schnellsten wachsende Gruppe der Christen in den USA – größer als jene der rund 70 Millionen Katholiken, der größten Einzelkonfession des Landes. Botschafter Mike Huckabee, seit April 2025 Washingtons Vertreter in Jerusalem, gehört als ordinierter Baptisten-Pastor, ehemaliger Gouverneur von Arkansas und einstiger republikanischer Präsidentschaftskandidat zu den einflussreichsten Vertretern der Evange­likalen in Amerika. Bei den Präsidentschaftswahlen 2024 stimmten gemäß Wählerbefragungen 75 bis 80 Prozent der Evangelikalen aller Hautfarben für Donald Trump, in Swing States wie Pennsylvania, Georgia und North Carolina waren ihre Stimmen wahlentscheidend. Es ist kein Zufall, dass es evange­likale Reisegruppen aus den USA sind, die seit dem Waffenstillstand für den Gazastreifen, den maßgeblich Präsident Trump am 10. Oktober erreicht hat, den christlichen Pilgertourismus in Israel wieder in Schwung bringen. 2019, im letzten Jahr vor der Pandemie und dem jüngsten Nahostkrieg, hatte Israel Rekordeinnahmen aus dem internationalen Fremdenverkehr von rund 6,3 Milli­arden Dollar verzeichnet. Mit etwa 3 Milliarden Dollar hatte der Pilgertourismus fast die Hälfte davon generiert. Mit dem 7. Oktober 2023 war das alles vorbei. Nun kehren die internationalen Touristen und Pilger zurück, und wie üblich leisten Amerikaner touristische Pio­nierarbeit – schon lange bevor etwa Deutschland seine allgemeine Reisewarnung für Israel aufgehoben hat. Die Zahl der evangelikalen Christen in aller Welt beziffert Tuly Weisz auf rund 700 Millionen. Unter allen christlichen Konfessionen gibt es unter den Evangelikalen die meisten Zionisten, die meisten „Brüder der Juden“, die meisten Freunde Israels. Für 2026 und die Jahre darauf hoffen Rabbi Weisz und seine Leute von „Israel365“ auf abermals voll besetzte Reisebusse bei ihren Pilgertouren für Christen ins „Herzland des Heiligen Lands“.