Tommaso Calarco ist sehr aufgeregt. Der Quantenphysiker spricht so schnell, dass sich die Wörter fast überschlagen, als er erzählt, dass er den finalen Sound, den er für das neueste Werk des französischen Künstlers Pierre Huyghe entwickelt hat, erst vor zwei Tagen zum ersten Mal gehört hat und was für eine Ehre es sei, mit Huyghe zu arbeiten. Der Wissenschaftler, der eigentlich im Forschungszentrum Jülich arbeitet, hat den Sound zu „Liminals“ beigesteuert. Wobei er tatsächlich viel mehr und das eigentlich Bemerkenswerte dieser Ausstellung gemacht hat: Er hat den Quanten, also den kleinsten unteilbaren Einheiten, aus denen das Universum geschaffen ist, das Geräusch abgerungen, das sie machen, wenn sie aufeinandertreffen. Diese Geräusche hört man jetzt als lautes Krachen oder wirbelndes Knistern, während man einen nackten Frauenkörper, dessen Gesicht ein schwarzes Loch ist, durch eine graue Wüstenlandschaft kriechen sieht. Der 1962 geborene Huyghe gilt als großer Künstler; Calarco nennt ihn gar den Papst. Einer, der immer ein bisschen klüger ist als alle anderen und der das durchaus komplizierte und komplexe Verhältnis des Menschen zu seiner Umwelt und den Tieren untersucht und vor allem verwischt. Vielen bekannt sein dürfte die Podenco-Hündin mit dem Namen „Human“, der er anlässlich der Documenta 13 eines ihrer Beine pink anpinselte und die fortan ein Kunstwerk war, aber eben auch immer noch ein Hund. Das war schon damals ein bisschen unangenehm, aber auch genau deswegen so interessant. Seitdem hat er sich immer weniger mit realen Lebewesen beschäftigt und sich immer mehr dem Umgang mit Künstlicher Intelligenz gewidmet. Anlässlich der Venedig-Biennale 2024 hatte Huyghe „Liminal“ bereits in der Fondation Pinault präsentiert. Damals noch ohne Quanten-Sound und weniger ausgearbeitet, eher ein Fragment. Körper in karger Landschaft Der weiterentwickelte Film ist gut 50 Minuten lang und jetzt auf einer monumental großen Leinwand in der Halle am Berghain installiert. Es ist kalt, und der Film trägt nicht unbedingt dazu bei, dass der vom Berliner Winter gebeutelte Ausstellungsbesucher sich wohler fühlen würde. Manchmal verformen sich die Finger der weiblichen Figur, wenn sie sich in die Erde bohren, einmal versenkt sie einen Baumstumpf in dem Hohlraum, in dem sonst ein Gesicht wäre, oder schaut in einen unendlichen Abgrund hinab, sodass man nicht mehr weiß, wo der Hohlraum des Kopfes endet und der Abgrund beginnt. Viel mehr passiert nicht. Trotzdem schaut das Publikum tapfer bis zum Ende. Der Körper bewegt sich mühsam durch die karge Landschaft, manchmal brodeln ein paar mineralisch wirkende Gesteinsbrocken, irgendwann geht der Loop von vorne los. Darüber wummern die Quanten. Man muss es wissen, denn sehen tut man es nicht – zumindest nicht auf den ersten Blick –, dass sowohl der Körper als auch die Landschaft durch Künstliche Intelligenz geschaffen sind und auf der Verarbeitung von Tausenden und Abertausenden Daten beruhen. Trotzdem: Die Tristesse, die sich angesichts dieser Bilder breitmacht, lässt sich schwerlich von der Tatsache, dass es sich hier immerhin um Quantenforschung und ein ganz großes Experiment mit Künstlicher Intelligenz handelt, abfedern. Weibliche Körper werden entmenschlicht Denn nur weil man die Leinwand größer macht, wird das Verständnis des Publikums nicht größer. Und ein lauter Knall wird in den Ohren nicht angenehmer, nur weil man weiß, dass es sich dabei um aufeinanderkrachende Quanten handelt. Was man sieht, ist ein weiblicher Körper mit blauen Flecken, im Begleitmaterial konsequent „menschenähnliche Gestalt“ genannt, der mit medizinischer Präzision von der Kamera untersucht wird und der keinen Schutz finden kann in dieser grauen Zwischenwelt. Ein Kunstwerk existiert nicht außerhalb der Welt, und die Welt, in der „Liminals“ produziert wurde, ist immer noch von Gewalt gegen Frauen geprägt. Und so kann man das Unwohlsein, das sich bei der Darstellung dieses Körpers breitmacht, nicht einfach abschütteln. Wenn man mit KI machen kann, was man will, warum dann das? Ein weiblicher Körper, der entmenschlicht wird, der als bloßes Gebilde, hohl und gesichtslos durch diese graue Welt rennt, geschaffen von einem Mann, der alles hätte schaffen können und sich dann aber für das entschieden hat, was man hier sieht? Auf Nachfrage erzählt Huyghe, dass er natürlich lieber einen nackten Frauenkörper ansehe, aber dass das sicherlich nicht der Grund sei, warum er sich für seine Darstellung entschieden habe. Es handele sich vielmehr um einen Stellvertreter als um einen Frauenkörper; er sei eigentlich geschlechtslos. Warum sieht man dann einen Körper mit Brüsten und einer Vulva, wenn er doch auch einen gänzlich geschlechtslosen Körper hätte generieren können? Und warum ist hier alles so grau und trist, wenn er auch eine ganz andere Welt hätte bauen können? Auch wenn vieles an der Herangehensweise an diese Arbeit interessant ist, lässt einen das, was dabei herauskommt, ratlos zurück. Und mögliche Antworten versinken im rauschenden Datennebel.
