FAZ 08.12.2025
16:34 Uhr

Pierogi Social Club: Ein bisschen Polen in Berlin


In Deutschland haben nicht wenige polnischstämmige Menschen den Bezug zu ihren Wurzeln verloren. Im Pierogi Social Club kommen sie bei Teigtaschen zusammen – und es fließen auch mal Tränen.

Pierogi Social Club: Ein bisschen Polen in Berlin

Es riecht nach Polen, wenn man die „U-Bar“ betritt. Der Duft von frisch geschnittenem Dill und brutzelnder Butter empfängt an diesem Samstagabend die Besucher. Julia Schneider hat zum Pierogi Social Club eingeladen. Draußen nieselt es, drinnen sind die Fenster beschlagen. Die Bar ist mit einem großen Tisch in der Mitte zu einem polnischen Pop-up-Restaurant umfunktioniert worden. Überall liegen gelbe Zettel mit drei Pierogi-Varianten bereit: Fleisch, Kartoffeln mit Käse oder Kohl mit Zwiebeln. Jeder, der will, bekommt einen Shot Wodka in die Hand gedrückt. Julia Schneider redet kurz mit allen, auf Polnisch, Deutsch oder Englisch. „Ich bin etwas aufgeregt, weil wir nur 50 Portionen vorbereitet haben“, sagt sie. Der Raum wird immer voller. „Ich hoffe, jeder bekommt am Ende seine Pierogi, und alle fühlen sich willkommen.“ Denn darum geht es beim ­Pierogi Social Club: Die Teigtaschen aus Polen sollen nur der Anlass sein, sich kennenzulernen, sich auszutauschen, neue Freunde zu finden. Dafür hat Julia Schneider den Club gegründet. „Es geht darum, dass die Menschen einen Abend zusammen erleben und sich mit der polnischen Kultur auseinandersetzen.“ Dafür gebe es in Berlin viel zu wenige Möglichkeiten. „Und das, obwohl es hier so viele polnischstämmige Menschen gibt.“ Polen sind in Deutschland die zweitgrößte Gruppe von Menschen mit Migrationshintergrund. Doch vielen Polnischstämmigen ist hier der Bezug zur eigenen Herkunft verloren gegangen. Essen ist in Polen gelebte Identität Julia Schneider kennt das. Ihr Club bietet die Chance, die eigene Herkunft neu oder auch wieder zu entdecken. „Wir ­haben Leute dabei, die sind seit drei Gene­rationen in Deutschland und haben den Kontakt zu den polnischen Wurzeln komplett verloren.“ In der kleinen Küche kümmert sich Magdalena Hartmann um die Teigtaschen. Für den Abend ist sie eigens aus Frankfurt gekommen, wo sie das polnische Restaurant „Frajda“ („Freude“) betreibt. Heute gibt es traditionelle und neu interpretierte Pierogi. „Ich hatte einmal eine Frau zu Gast, die losgeheult hat, weil meine Pierogi sie so krass an ihre Oma erinnert ­haben“, sagt die Köchin, während sie nebenher Dill klein hackt. Essen ist in Polen gelebte Identität. Und die erfinden viele junge Köche gerade neu. „Die polnische Küche hat sich in den letzten zehn Jahren stark weiterentwickelt“, sagt Magdalena Hartmann. Vor allem die Restaurantszene in Warschau ist für die Köchin aus Frankfurt eine Inspirationsquelle. Dort experimentieren junge Köche mit traditionellen Gerichten. Das ist Teil eines neuen Selbstbewusstseins, mit dem viele Polen heute durch die Welt gehen. Jeder Teller Pierogi, der jetzt in Julia Schneiders Club auf den Tisch kommt, bringt ein bisschen Polen nach Berlin – und bringt Menschen zusammen. Viele Gäste verbinden Familie, Sprache, Scham und Stolz Susanna Chatzigeorgiou, Hanna Koro und Florentine Otlewski haben sich bei einem ihrer Pierogi-Workshops kennen­gelernt. „Eigentlich wusste ich schon von meiner Babcia, wie man Pierogi macht“, erinnert sich Susanna Chatzigeorgiou. „Aber ich wollte Leute aus Polen kennenlernen.“ Die drei polnischstämmigen Studen­tinnen sind mittlerweile Freundinnen. Heute haben sie alle drei Pierogi­ Varianten genommen, um sie dann zu teilen. Die mit Fleisch und mit Kartoffeln schmecken ­ihnen am besten. „Ich weiß, in Deutschland gibt es viele Menschen aus Polen, aber so wie hier hatte ich noch nie die Möglichkeit, jemanden auch in meinem Alter kennenzulernen, mit so vielen Gemeinsamkeiten“, sagt Chatzigeorgiou. Auch Florentine Otlewski hat die Erfahrung gemacht: „Bei manchen Sachen dachte ich immer, dass das nur in meiner polnischen Familie so ist. Dann habe ich viele kennengelernt, bei denen es genauso war.“ Was viele Gäste verbindet: Familie, Sprache, Scham, Stolz. Die Gespräche an diesem Abend kommen immer wieder ­darauf zurück, was es eigentlich bedeutet, polnisch zu sein. „Als Osteuropäerin hat man das Privileg, dass man in Deutschland nicht auffällt. Nur beim Namen wird dann gefragt, ob man aus dem Osten kommt“, sagt Chatzigeorgiou. Etwas aber sei allen Menschen mit polnischen Wurzeln gemein, da sind sich die drei Polinnen einig: Polen machten sich immer viel zu viele Sorgen darum, dass nicht jeder genug zu essen bekommt. So wie Julia Schneider an diesem Abend. Sie zählt genau mit, wie viele Teller sie aus der Küche zu den Gästen trägt. 42, 43, 44 – es wird knapp. Das Interesse ist größer als erwartet. Für die Gastgeberin ist das eine positive Über­raschung, denn polnisch zu sein ist noch nicht lange angesagt. „Viele Polen haben eine Art Komplex mit ihrer eigenen Identität“, sagt Schneider. „Das kommt daher, dass viele ihre Identität verstecken mussten in Deutschland, weil man oft mit Stereotypen konfrontiert war. Ich finde es schade, dass das Ergebnis davon der ­Zweifel an sich selbst ist.“ „Ich fühle mich polnisch, aber gleichzeitig spüre ich eine Distanz“ Bei Julia Schneider sitzt der Schmerz tief. Ihre Beziehung zu Polen ist mit dem Tod ihrer Mutter verbunden, bei der sie in Frankfurt aufwuchs. Als sie sieben Jahre alt war, starb die Mutter. Jeder Kontakt zu Polen war seitdem belastet. Julia wuchs in einer deutschen Familie auf und bekam einen deutschen Namen. Viele polnische Traditionen hat sie nie miterlebt. Sie hat Tränen in den Augen, wenn sie darüber spricht. „Wenn meine Mutter nicht krank geworden wäre, wenn mein Leben anders verlaufen wäre, dann hätte ich wahrscheinlich polnische Weihnachten gefeiert, dann hätte ich von ihr oder meiner Oma gelernt, wie man Pierogi macht.“ Sie zögert einen Moment, dann sagt sie: „Ich fühle mich polnisch, aber gleichzeitig spüre ich eine Distanz.“ Nah und fern zugleich – dieses Gefühl prägt sie. „Darf ich überhaupt für diese Gruppe sprechen?“, fragt sie sich. Wie ihr geht es vielen ­Menschen in Deutschland mit polnischer  Abstammung. Urgroßeltern, Großeltern und auch Eltern haben mit der Migration alles Polnische hinter sich gelassen. Übrig geblieben sind neue Generationen, die sich fragen, was sie eigentlich sind. Polnisch? Deutsch? Beides? „Vielleicht wäre es mit meiner Mutter auch so gelaufen, wer weiß“, sagt Julia Schneider. „Ich habe sie leider nie gut genug kennengelernt, um zu verstehen, wie ihre Beziehung zu Polen war.“ Mit dem Tod ihrer Mutter hörte Schneider auch auf, die Sprache zu sprechen. Erst später im Studium lernte sie Polnisch wieder neu. Mit dem Pierogi ­Social Club entdeckt sie jetzt auch ihre polnische Identität. Julia Schneider räumt mit anderen Helfern die Küche auf. Die Pierogi sind restlos aufgegessen. Die Angst, dass nicht alle ­genug Pierogi bekommen würden, hat sich tatsächlich erfüllt. Trotzdem war der Abend für sie ein Erfolg. „Das zeigt mir, dass das Interesse an polnischer Kultur sehr groß ist.“ Die Musik wird leiser, der Raum leert sich. Der Abend ist vorbei. ­Jedes Mal, wenn die Tür aufgeht und wieder jemand die „U-Bar“ verlässt, zieht auch ein Hauch des warmen Polen-Dufts in die kalte Berliner Nacht.