FAZ 10.08.2026
14:15 Uhr

Philosophin Miriam Metze: Warum unerwiderte Liebe die schönste Liebe ist


Die Gegenwart versucht, das Risiko zu minimieren – auch in der Liebe. Doch die Philosophin Miriam Metze zeigt, dass gerade die glücklos Liebenden die mutigsten sind.

Philosophin Miriam Metze: Warum unerwiderte Liebe die schönste Liebe ist

Konnte sich im Leiden an unerfüllten Liebeswünschen in vergangenen Epochen noch die ganze Tragik menschlicher Existenz spiegeln, so scheint die Gegenwart nicht mehr viel Interesse an affektiven Ausnahmezuständen aufzubringen und übt sich stattdessen darin, Wagnis und Risiko aus dem Raum gegenseitiger Kontaktaufnahme weitgehend zu eliminieren. „Lovebombing“, „Gaslighting“ oder „Red Flags“ – in die jugendliche Alltagssprache hat sich in den vergangenen Jahren ein pseudotherapeutisches Vokabular eingenistet, das jedes mögliche Ungleichgewicht in der Dynamik zwischen Ich und Du vorweg still zu stellen sucht. Unzeitgemäß wirken demgegenüber die Überlegungen der Wiener Philosophin Miriam Metze, die vor dem Leid und dem Schmerz, die die Begegnung mit dem anderen mit sich bringen kann, nicht die Augen verschließen will und zu einer Auseinandersetzung mit Gefühlen unerwiderter, nicht auf Resonanz und wechselseitige Entsprechung stoßender Liebe anhebt. Nicht die vergangene, nun zerbrochene und beschädigte, sondern die nie beantwortete, im subjektiven Wollen gefangene und in die Qualen der Einsamkeit zurückverwiesene Liebe ist es, die hier Beachtung und Aufwertung erfahren soll. Die Dimension der Liebe jenseits aller Zwecke und Transaktionen Mit diesem Unterfangen begibt sie sich nicht nur in Opposition zum zeitgenössischen Ideal störungs- und konfliktfreier Selbstwirksamkeit, sondern sieht sich philosophiegeschichtlich mit dem Vorwurf einer Verwechslung konfrontiert: Denn verdient diejenige Liebe, die in der Distanz verbleibt, die im einseitigen Schwärmen, Träumen und Sehnen ihre Grenze findet, diesen Namen überhaupt? Simone de Beauvoir sprach von einem „Phantasiegebilde“, andere wähnten darin Projektion, Täuschung oder wirklichkeitsferne Idealisierung. Denn im Falle bloß subjektiv empfundener Liebe fehle dasjenige Wissen, das erst in der gemeinsamen, geteilten, eben intersubjektiven Erfahrung gewonnen werden könne und das auserwählte Liebesobjekt so zu einem realen und lebendigen Gegenüber mache. Was fasziniert die Autorin diesen Einwänden zum Trotz an jener Erfahrung zurückgewiesener und gescheiterter Liebesbemühungen? Im zähen und eigensinnigen Charakter desjenigen Gefühls, das den Moment der Zurückweisung überdauert und sich von den Widerständen und Grenzen realer Verwirklichung nicht einschränken lässt, meint Metze die nicht ökonomische, nicht transaktionale, ja letztlich gänzlich nicht zweckorientierte Dimension allen Liebens aufzudecken, die in unseren gängigen Vorstellungswelten, die von Fragen gelungener Sexualität, richtiger Partnerwahl und angemessener Bedürfnisbefriedigung durchdrungen sind, verdeckt bleibt. So verbirgt sich in der „Liebe jener, die lieben müssen, ohne zurückgeliebt zu werden, ein Hinweis darauf, dass Liebe nichts mit Zwecksetzung zu tun haben kann“. Damit weder Verleugnung und Verdrängung der eigenen Gefühle noch die Verurteilung des gleichgültigen anderen auf die missglückten Bemühungen folgen, bedarf es einer gewissen Resistenzkraft aufseiten des liebenden Subjekts. Und diese Kraft des zurückgewiesenen Liebenden ist es, für die die Autorin sich interessiert. In dieser Perspektive gerät unerwiderte Liebe gerade nicht in die Nähe einer angstvoll besetzten und schamhaft erfahrenen Macht- und Schutzlosigkeit dem anderen gegenüber, sondern wird als Erfahrung gelungener, auszuhaltender und gewaltloser Passivität geschildert. Scheitern ist nie ausgeschlossen Vor diesem Hintergrund erkennt Metze in literarischen Abenteurer- und Heldenfiguren – vermeintliche Paradebeispiele glückender Aktivität und unbeirrbarer Kontrolle – eine überraschende Parallele zu dem Subjekt, das seine Liebesgefühle dem fremden Gegenüber offenbart und immer mit einer ausbleibenden Reaktion rechnen muss: In beiden Fällen gilt es einen Umgang mit dem Nichtkontrollierbaren, Unvorhersehbaren zu finden, bei dem die Option des Scheiterns nicht auszuschließen ist. Teils eklektisch und stellenweise assoziativ wirkt die Zusammenstellung derjenigen Theoretiker und Literatinnen, auf die die Autorin für ihr Projekt zurückgreift. Und dennoch: quer durch die unterschiedlichsten Entwürfe philosophischen Denkens hindurch entsteht ein Netz ungeahnter Verbindungen und verborgenen Dialogs zwischen den im Gefühl enttäuschter Liebe verbundenen. Anders als die Soziologin Eva Illouz, für die zeitgenössische Artikulationen unseres Gefühlslebens von der Sprache des Marktes und der Logik der Ökonomie durchherrscht sind, bleiben die Motive des sehnenden Ichs und zurückweisenden anderen in Metzes Deutung vordergründig frei von historischen Kontexten und politischen Einflussfaktoren. Doch der Eindruck täuscht. Das Plädoyer für den Mut zum Scheitern, für das Subjekt, das um die Schwäche des eigenen Gefühls weiß, opponiert einer zeitgenössischen Kultur, die auf die Formierung harter, selbstherrlicher und erfolgszentrierter Charaktere setzt. Miriam Metze: „Unerwidert lieben“. Eine philosophische Tröstung. Mairisch Verlag, Hamburg 2026. 256 S., geb., 24,– €.