Immer wieder liest man davon, dass die Menschen der Gegenwart nachrichtenmüde seien. Als eigene Entscheidung könnte die reduzierte Auseinandersetzung mit dem Nachrichtengeschehen von dem intakten Vermögen zeugen, die Grenze zwischen dem eigenen Innenleben und den von außen eindringenden Impulsen selbstbestimmt zu ziehen. Die Charakterisierung der abwehrenden Haltung als Müdigkeit ruft dennoch das Bild einer ohnmächtigen, vor der Schwere der Welt erschlaffenden Verhaltensweise auf. Als ähnlich resignativ charakterisiert der Berliner Autor Guillaume Paoli in seinem jüngsten Essay eine Einstellung zur Wirklichkeit, die gemeinhin als Ausdruck rationaler Überlegungen gewertet wird. Wer sich einen optimistischen Blick auf den Lauf der Dinge zu eigen gemacht hat, der meint pessimistischen Fatalismus hinter sich gelassen und Handlungsmacht über das eigene Leben zurückgewonnen zu haben. Doch, so fragt Paoli, vielleicht eint Pessimismus und Optimismus am Ende mehr, als sie voneinander trennt? Denn sowohl die Motive des Pessimisten als auch der Maßstab des Optimisten beziehen ihre Gewissheit über den Verlauf des Zukünftigen vom Gegenwärtigen, entwerfen ein Bild des Kommenden, das seine Grenzen an den Vorgaben des Bestehenden findet und diese auf Dauer stellt. Kein Zufall sei es demnach, dass zum Optimismus aufgefordert werden müsse und sich dieser nicht unweigerlich einstelle. In die Forderung nach Optimismus hat sich ein unaufgelöster und auf den ersten Blick nicht immer sichtbarer Widerspruch eingenistet: Warum muss zu einer Haltung aufgefordert, müssen wir zu ihr motiviert werden, wenn sie von der entlastenden Voraussetzung zehrt, dass sich unsere Wünsche mit Sicherheit realisieren, das Blatt sich letztlich doch zum Guten wenden wird? Der Essay, der auf die Dankesrede des Autors anlässlich der Verleihung des Günther-Anders-Preises für kritisches Denken zurückgeht, sucht in gegenwärtigen und historischen Konstellationen nach Momenten, in denen die Gestaltungsfähigkeit des Einzelnen negiert und an das Vertrauen in die Mechanik äußerer Instanzen abgetreten wird. Und wird dabei an unterschiedlichen Stellen fündig: in liberalen Phantasien autoregulativer Märkte, gegenwärtigen Projektionen zu den Potentialen Künstlicher Intelligenz oder dem Umgang mit Naturkatastrophen quer durch die Epochen hindurch. So war es Jean-Jacques Rousseau, der gegen viele Kommentatoren seiner Zeit im Erdbeben von Lissabon nicht das übermächtige Walten eines heteronomen Naturereignisses sah, sondern ein modernes Unvermögen in Bezug auf den Umgang mit der Eigenlogik der Natur erkannte. Die Beispiele wirken in ihrer Zusammenstellung bisweilen etwas willkürlich, und auch der an das Ende gesetzte Exkurs zur Rhetorik des „kleineren Übels“ im Kontext kriegerischer Auseinandersetzungen wird in seiner Kürze dem Thema nicht gerecht. Doch dies ändert nichts an dem Impuls zur Erschütterung einer eingefahrenen und für selbstverständlich genommenen Alternative, zu der der Essay überzeugend auffordert. Vielleicht aber hat sich die Gegenwart Paolis Warnung selbst schon wieder zu eigen gemacht und die pure Optimismusforderung zu einer Variante modifiziert, die wohl portionierte Dosen von Negativität gezielt in sich aufzunehmen vermag. Auf Internetseiten deutscher Krankenkassen wird derweil vor „toxic positivity“, einem zu chronischer Heiterkeit verpflichteten, damit jedoch „ungesunden“ Wirklichkeitsbezug gewarnt: Wut darf sich ruhig mal äußern, so mag man polemisch folgern, solange sie die Kosten im Gesundheitssystem niedrig hält. Doch auch solche Verhaltenskodizes können eher als Bestätigung denn Widerlegung der These des Autors verstanden werden. Dem Optimismus kommt dabei die Funktion einer Durchhalteparole zu, die Sicherheit auch dann garantiert, wenn sie objektiv fragwürdig geworden zu sein scheint. Die Ablehnung des Optimismus endet jedoch nicht mit Resignation, sondern lebt von der hoffnungsvollen Erwartung, dass etwas Ungenutztes, noch nicht Sichtbares, vielleicht Besseres jenseits des je verfügbaren Optimums aufgefunden weren kann. Guillaume Paoli: „Etwas Besseres als der Optimismus“. Matthes & Seitz Verlag, Berlin 2025. 112 S., br., 12,– €.
